laut.de-Kritik

Tanzt die Post-Menopause: Sex als politische Waffe.

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Mit "Kein Gleitmittel? Wie unhöflich!" könnte man den Titel des garantiert nicht höflichen siebten Albums von Queer-Electroclash Ikone Peaches übersetzen. "No Lube So Rude" startet von Sekunde 1 an furios, freakig und frech mit pulsierendem Punk-Industrial-Rave-Electropop, dem man sich kaum entziehen kann.

Dazu triefen die Texte der kanadischen Wahlberlinerin nur so vor expliziten und eindringlichen Stellen, in denen Sex nicht als persönliche Angelegenheit, sondern politische Waffe verhandelt wird. Sie haut Reime raus wie eine Rapperin, roh und rasant – doch ihr Stilmittel bleibt der Sprechgesang.

High-Energy-Vibes und Hyperpop-Sounds treffen hier auf vibrierenden Lyrics. Peaches ist auf dem neuen Album – es ist ihr erstes nach zehn Jahren Pause – so kampflustig und kompromisslos wie eh und je. Ihre Post-Menopause-Perspektive verwandelt Frust in Freude und errichtet eine radikale Frontlinie im Kampf für Menschenrechte und gegen die faschistische Flut weltweit.

Peaches ist der lebendige Beweis, dass Musikerinnen und Musiker im Alter nicht automatisch reaktionär werden müssen, sondern radikal und relevant bleiben können. Und so ballert es gewaltig und permanent auf "No Lube So Rude". Ein wenig mehr musikalisches Schmiermittel wäre da angesichts der abrasiven Tracks nicht schlecht – einzig in "Take It", einem schleppend-langsamen Electro-Stück zeigt sich Peaches auch verletzlich und verwirrend sanft, oder auch im ätherischen Synth-Wirbel "Be Love" als letztem (Statement-)Song, so dass hier der ersehnte Balsam für die Widersprüche unserer Welt entsteht.

Aber in "The Teaches of Peaches" – ihrem 2000er Meisterwerk – waren Trash und Theorie schon immer Tanzpartner, so auch hier wieder. Sexshow und Sehnsucht sowie Hyper-Energy und Humor-Fetzen (neonleuchtend in Titeln von "Fuck How You Wanna Fuck" zu "Hanging Titties") prallen auf "No Lube So Rude" genauso zusammen/aufeinander, wie es eben der eigenwillige Electroclash von Peaches tut, der dieses Gleitmittel als Salbe gegen die unangenehmen Reibungen der Welt empfiehlt.

Trackliste

  1. 1. Hanging Titties
  2. 2. Fuck Your Face
  3. 3. No Lube So Rude
  4. 4. Whatcha Gonna Do About It
  5. 5. Panna Cotta Delight
  6. 6. Fuck How You Wanna Fuck
  7. 7. Not In Your Mouth None Of Your Business
  8. 8. Take It
  9. 9. Grip
  10. 10. You’re Alright
  11. 11. Be Love

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