laut.de-Kritik

Eines der größten Ausrufezeichen der Nullerjahre.

Review von

In welchem Ausmaß MusikerInnen und Bands, die die zweite Hälfte der Neunziger prägten, gerade wieder Output liefern, erstaunt weniger. Vielmehr verwundert dessen Qualität, und leider auch, wie jüngere KollegInnen sie 2026 durch den Rezensionsfleischwolf des mangelden Zeitgeistgefühls drehen. H-Blockx, Clawfinger, Skindred (die heutige Band des damaligen Dub War-Sängers) oder auch Sublime ... mit Ausnahme der letztgenannten allesamt europäisch, prägten sie vor 30 Jahren zusammen mit Such A Surge die heimische Musikszene, eroberten sie im Sturm, waren Teil von etwas, das damals unter dem Namen "Crossover" eine (sub-)kulturell und kommerziell veritable Szene darstellte.

Such A Surge haben schon vor 21 Jahren eine an Ideen und Stilen reiche Bandgeschichte beendet. Sie haben das gesamte Spektrum von poppigen und zerrissenen, Uptempo- und gefälligen Songs bedient, von Stromgitarren bis relativ Rap-puristisch, mit Texten zwischen Eigen- oder Fremd-Empowerment, über Wut, Liebeskummer oder, die Synthese der beiden, Beziehungsendefrustabbau. (Fußnote: Ich frage mich gerade, warum für eine der schönsten und vor allem konsensfähigsten Textgattungen, die Anti-Liebeslieder, die Wut über Verflossene und Beziehungsenden thematisieren, im musikjournalistischen Kosmos keine griffige eigene Bezeichnung existiert.)

"Under Pressure" erschien 1995, zu einem Zeitpunkt, als Crossover bereits in aller Munde war und das Genre von den H-Blockx auch in Deutschland schon beackert wurde, jedoch eher in Richtung High School-Hüpf-Ästhetik. Such A Surge, waren kerniger, kompromissloser und aufwieglerischer. Es herrschte Disharmonie in den Gitarrenarrangements, Biohazard lassen grüßen- Dazu gab es Cuts, die direkt auf den Gitarrenanschlägen saßen und kickten wie Hulle. Damit kreierten Such A Surge etwas Neues, etwas, das sie assoziativ für die deutsche Musiklandschaft zumindest in die Nähe von Rage Against The Machine rückte.

Für den deutschsprachigen Raum war das gesellschaftlich relevanter, da es den Geist dieser neuen Bewegung und den damit einhergeheneden Geist der Rebellion in unsere Sprache übersetze. Zunächst waren 80 Prozent der Texte auf Deutsch, später immer mehr. Dazu gab es Lyrics in gut vorgetragenem Englisch und Französisch. Ob es bewusst geschah oder nicht, dass da plötzlich drei Sprachen gleichberechtigt nebeneinander standen, entzieht sich meiner Kenntnis, es arbeitete jedoch gegen einen in der Kulturszene durchaus vorhandenen Dünkel, dass eine Sprache besser sei als die andere, über die andere erhaben. (Es ist natürlich ein Einfaches, dieses über die Maßen wertzuschätzen, wenn es genau um die drei Sprachen geht, die man selbst spricht.)

Der Nachfolger "Agoraphobic Notes" von 1996 klang düsterer und wurde medial als auch von der geneigten Hörerschaft unterschiedlich aufgenommen. Das Sinistre, das Zornige behielten Such A Surge in der Folge punktuell bei. Sie wurden in Teilen aber poppiger und schufen Refrains, die sie in einen Kanon mit den übergroßen Pop-Punk-Bands dieses Landes stellen müssten, was die Eingängigkeit betrifft. Der Höhenflug aber, der den Hosen, den Ärzten oder auch den Donots beschieden war, wurde ihnen nie zuteil. Der Masse war die Songstruktur mit den Raps und den kakophonischen Korsetten in den Strophen wie bei "Mein Weg", "Jetzt Ist Gut", "Nie Mehr Lovesongs" oder "Bloß Du Nicht" vermutlich dann doch zu inkonsistent, zu zornig, eventuell auch der Inhalt zu wenig "Juhu".

Aber all das sind Mutmaßungen, genau wie der Umstand, ob mangelnder kommerzieller Erfolg zum Ende der Band führte. Fakt ist dagegen, wie sie sich verabschiedete.

Gründe dafür, hier den Letztling zu besprechen, sind somit nicht nur in der Stellung in der Dramaturgie zu suchen und zu finden, sondern vor allem darin, dass Such A Surge mit dem Album noch einmal eines der größten Ausrufezeichen der "Noughties", der Nullerjahre, setzten. Die Konsequenz, mit der "Alpha" durch die Boxen fegt, legt nahe, dass es als letztes Album konzipiert war, bei dem man nur noch sich selbst verpflichtet ist. Die Prämisse des geplanten Schlusspunkts vorausgesetzt, ist "Alpha" konsequent, eine Brandrodung im positivsten Sinne, danach würde kein Gras mehr wachsen auf dem Such-A-Surge-Acker. Es ist ein "Wir habe'-fertig", aber was für eins.

Es startet mit einem "Überfall". Den braucht es auch, damit eine Geiselnahme mit Stockholm-Syndrom auf Albumlänge funktioniert. "Deutschland mit dem Kopf im Arsch, meine Generation", heißt es in "OK", die Big-Brother-Gesellschaft wird seziert. "Was Jetzt" zieht uns in Richtung NYHC, diesmal lassen Hatebreed grüßen, nicht nur dieses Gitarrensolo vom neuen Gitaristen Lutz Buch scheut den Vergleich mit den Großen der Rock-Geschichte nicht.

"Alles Was Mir Fehlt" ist meines Wissens Such A Surges erstes Liebeslied. Danach wieder Schub, Druck, "Zu Allem Bereit" und "Radio Song". "Mein Tag" fällt mit seinem fast schon zu positiven Grundton deutlich aus dem Konzept, lässt, wenn man die Band kennt, aber auch den Schluss zu, dass es sich um bitteren Sarkasmus handelt.

Bei "Instant Replay" mit Sisters-of-Mercy-Vibe sind wir wieder weg vom Dur, zurück beim Moll. "Nachtaktiv" fängt die Entschleunigung der Nacht ein und hält erneut eine Melodie bereit, die sich problemlos mit den oft gesichtslosen Produktionen einer auf Indie gebürsteten Popszene messen kann, aber mehr Substanz und Widerborsten kredenzt.

"Blender" zieht erneut durch, thematisch redet es Frustration fatalistisch klein. Der Song hat eine kathartische Intention, die ankommt. "Mission Erfüllt" richtet sich an den G.I., der im Irak sein Leben riskiert und gern wüsste, warum. Gerade weil Trump eins seiner wenigen hoffnungsvollen Wahlversprechen, weniger Kriege, nicht eingelöst hat, erscheint dieser Text leider aktueller denn je.

"Monster" riecht aus allen Poren so, als sei es ein Abschluss, der heute noch Dustin Kensrue und andere Post-Hardcore-Musikanten in Verzückung versetzen dürfte. Am Trackende herrschen mehr als drei Minuten Stille, die insofern relativ sinnfrei bleiben, als dass wir "Stark Sein" nicht in derselben Nummer als Hidden Track angeboten bekommen, sondern als zusätzlichen Song. Die Recherche offenbart jedoch, dass dies je nach Ausgabe divergiert und der Track in einigen Auflagen duchaus hidden ist. Naheliegend hingegen, dass die Braunschweiger als Produkt ihrer Zeit und Generation die Dramaturgie nicht mit einem kakophonen "Monster" beschließen wollten, sondern mit etwas Belebendem. Das gelingt.

Allerlei Salbungsvolles könnte ich noch über "Alpha" sagen, zum Beispiel, dass die Arrangements aus Gitarren, Schlagzeug, Ollis und Michels Raps und Gesang und Michels Shouts einer Komposition aus Minze, Erdnuss und Koriander gleichkommen. Aber das ist sehr subjektiv und wäre zudem manieriert.

Unprätentiös anfügen lässt sich jedoch: "Alpha" ist perfekt gemixt, hat tolle Melodien, triggert wahlweise Euphorie oder Melancholie, geht steil nach vorn oder lullt ein. Deshalb schließe ich damit, euch dieses Album nahezulegen. Wer es nicht kennt, hat eine der großen Platten deutschsprachiger Musikgeschichte verpasst. Wer es lange nicht mehr angehört hat, sollte dies schleunigst ändern.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Überfall
  2. 2. Ok
  3. 3. Was Jetzt?
  4. 4. Alles Was Mir Fehlt
  5. 5. Zu Allem Bereit
  6. 6. Radio Song
  7. 7. Mein Tag
  8. 8. Instant Replay
  9. 9. Nachtaktiv
  10. 10. Blender
  11. 11. Mission Erfüllt
  12. 12. Monster
  13. 13. Stark Sein

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