laut.de-Kritik

Different When It's Tricky.

Review von

Tricky ist inzwischen zu einer jener Figuren geworden, deren neue Platten zwangsläufig mit der eigenen Vergangenheit konkurrieren. Seit "Maxinquaye" sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen, doch noch immer reichen ein schleppender Beat, ein tief im Raum vergrabener Bass und eine Stimme, die eher droht als singt, um sofort wieder dieses unverwechselbare Halbdunkel einzuschalten wie einen schwarzen Lichtschalter. "Different When It's Silent", das 15. Studioalbum unter seinem eigenen Namen und das erste seit sechs Jahren, verleugnet diese Herkunft keine Sekunde. Nostalgisch ist es durchaus. Anbiedernd oder museal klingt es nicht.

Das liegt zunächst daran, dass Tricky hier nicht versucht, seine alten Platten nachzubauen. Er benutzt nur dieselbe Sprache: spröde Rhythmen, verhallte Gitarren, nervöse Synthesizer, Streicher, die weniger schmücken als schneiden, und Songs, die insgesamt wirken, als hätte im Studio eine Atmosphäre geherrscht wie nach einem Trauerfall im Büro. Schon "Still See Me There" setzt keinen freundlichen Auftakt. Auch "I'm Yours", "Be Still In The Pain" und "I Tried" sind keine klassischen Songs im üblichen Sinne, sondern Zustände: müde, angespannt, verwundet und stets nur einen Schritt vom völligen Zerfall entfernt. Albumhighlight "Hengrove Blues" ist Folk, der unter einem zerbröselt wie der Radiergummi, wenn der zu lange im Ranzen beim nassen Malkasten lag.

Entscheidend ist dabei Mitch Sanders. Tricky baut seine Musik traditionell gern um Stimmen herum, die einen Gegenpol zu seinem eigenen Knurren, Flüstern und Murmeln bilden. Meist waren das Frauenstimmen, die seinen Stücken idealiter etwas Schwebendes, Verführerisches oder Unheimliches gaben, manchmal war der Kontrast aber auch zu gewollt. Auf "Different When It's Silent" verändert sich dieses Verhältnis grundlegend. Sanders ist fast durchgehend präsent und funktioniert exzellent: nicht als dekorativer Sänger, sondern als eigentliche emotionale Mitte des Albums. Seine Stimme ist brüchig, erschöpft und zugleich erstaunlich souverän. Sie passt so gut in Trickys Welt, dass man sich nach wenigen Liedern fragt, warum diese Verbindung nicht schon früher zustande gekommen ist. Nichts gegen die hier nur kurz vorbeischauende Marta, Trickys Muse der letzten Jahre, aber das passt schlicht noch besser.

Auch deshalb wirkt die Platte bei aller stilistischen Rückwärtsbewegung nicht wie ein soundgewordener Rückspiegel. "So Cold" und "Paris Maybe" tragen die vertraute Tricky-Düsternis in sich, ohne daraus eine Marke zu machen. Gerade "Paris Maybe" gehört zu den Stücken, in denen das Album seine stärkste Form findet: Bass, Gitarre, Schlagzeug und Synthesizer stehen nicht sauber nebeneinander, sondern scheinen sich gegenseitig zu belauern. Nichts drängt sich auf, und doch liegt über allem eine unterschwellige Spannung, als könne der Song jeden Augenblick kippen.

"Cannon Fodder" reduziert die Mittel noch weiter. Orgel, Stimmen und Gitarre reichen Tricky, um eine bedrückende Szenerie aufzubauen, die zugleich unfertig und vollkommen kontrolliert wirkt. Dieses vermeintlich Skizzenhafte gehörte schon immer zu seinen größten Stärken. Wo andere Produzenten Lücken schließen, lässt Tricky sie stehen. Geräusche dürfen abbrechen, Stimmen dürfen zu früh verschwinden, und Rhythmen müssen nicht unbedingt dorthin führen, wo man sie erwartet. "Because I Don't Know" zieht daraus eine störrische, beinahe beiläufige Bedrohlichkeit. Der Song kommt nicht auf den Hörer zu. Er bleibt in der Ecke stehen und wartet wie die besseren The Kills.

Mit "Marinade" nimmt sich Tricky einen Song von Dope Lemon vor, doch von dessen sonniger, entspannter Psychedelik bleibt wenig übrig. Tricky zieht das Stück hinunter in seine eigene Unterwelt, lässt Bass und Gesang schwerer werden und ersetzt jede Lässigkeit durch Müdigkeit und Misstrauen.

Für das pathosgeladene "Piano" würden selbst Beach House töten. Tricky lässt Songs und simple Songideen auch einfach mal leben; das kann er sich leisten, da der Boden immer doppelt und wackelig wirkt, auch wenn er ihn nicht wegzieht. Beats sind auf "Different When It's Silent" oft nur noch ein Bestandteil unter vielen, Trip Hop nur noch dem Musikverständnis nach. Wichtiger sind Raum, Reibung und die Frage, wie viel von einem Song entfernt werden kann, bevor nur noch Stimmung übrig bleibt.

Wenig funktioniert nicht, und selbst dann bleiben Atmosphäre und Prägung des Albums gewahrt. "Radana" schafft es nicht, Dwaine Brown gescheit einzubinden. Auf "Frontier Town" übernehmen Christian Pattemore und Martin Glover die Stimmen, das Stampfende des Stücks wirkt aber aufgesetzt. Mitch und Tricky funktionieren so gut, langweilen nie, dass alle Zusatzexperimente nur stören. Das gilt leider auch für "Out Of Place", auf dem Marta zurückkehrt. Ihr zurückhaltender Gesang trifft auf Trickys punkig herausgestoßene Zeilen, ein wenig passender Rausschmeißer. Der Song war ursprünglich für Martas eigenes Album gedacht, nach den vielen verletzlichen Männerstimmen kommt noch eine sphärische Frauenstimme und ein wütender Tricky - seltsam.

"Different When It's Silent" ist kein zweites "Maxinquaye". Das Album lebt vielmehr davon, dass es seine Vergangenheit kennt, ohne sich ihr zu unterwerfen. Vieles klingt vertraut: die dumpfen Bässe, die halbfertigen Strukturen, die Stimmen aus dem Schatten, die Mischung aus Intimität und Bedrohung. Doch die ungewöhnlich starke Präsenz von Mitch Sanders verschiebt das alte Verhältnis. Seine Stimme gibt der Platte eine neue Farbe, ohne ihre Dunkelheit aufzuhellen.

Trackliste

  1. 1. Still See Me There
  2. 2. I'm Yours
  3. 3. Be Still In The Pain
  4. 4. I Tried
  5. 5. So Cold
  6. 6. Paris Maybe
  7. 7. Cannon Fodder
  8. 8. Because I Don't Know
  9. 9. Marinade
  10. 10. Radana
  11. 11. Piano
  12. 12. Frontier Town
  13. 13. Hengrove Blues
  14. 14. Out Of Place

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 49 Minuten

    Eine interessante Kritik, da werde ich wohl als alter Trip Hop Jünger und größter Sammler dieses Genres mal ein Ohr draufwerfen.

    • Vor einer Sekunde

      Gibts noch andere Alben-Highlight aus dem TripHop Lager, die du empfehlen kannst? Ich kenne vor allem die Big Three und Earthling Radar, aber dann ist es bei mir irgendwie eingeschlafen. Sollte halt nicht nur rein instrumental sein, dafür ist mir TripHop dann doch zu gemächlich ;-)
      Ach da fällt mir noch ein, Bohren & der Club of Gore, wobei das bei mir eher unter Ambient läuft.

      Neue Trick höre ich mir auch mal an. Das Konzert vor ein paar Jahren hat mir allerdings nicht so zugesagt. Das war mir insgesamt zu action-, zu energie lastig. Live hat Tricky wohl die Ambitionen, mit mehr Power rüberzukommen. Hätte es mir aber lieber etwas meditativer, trickiger gewünscht