laut.de-Kritik
Singer-Songwriter-Debüt im Stile eines Klassikers.
Review von Michael SchuhAuf aktuellen Pressefotos posiert Tyler Ballgame vor großen Automaten in einem Waschsalon. Es ist anzunehmen, dass er diese Etablissements mittlerweile gut kennt: Noch vor fünf Jahren lebte er als Endzwanziger namens Tyler Perry im Keller des Hauses seiner Mutter in Rhode Island. Dort war für alles gesorgt, nur nicht für eine hoffnungsvolle Zukunft. Tyler litt während Corona an Depressionen und fasste schließlich entgegen seines scheuen Naturells den Entschluss, seine Musikkarriere in Kalifornien anzuschieben. Er ließ Familie und Freunde zurück wie auch seine erfolglose Band Ralph Waldo.
Ein Wagnis, das rückblickend voll und ganz geglückt ist. Denn anstatt reumütig an die US-Ostküste zurückzukehren, spielte sich der 34-Jährige in L.A. bei Open-Mic-Abenden und in Szene-Bars in die Herzen eines immer größeren Publikums, traf die richtigen Leute und entfachte schließlich einen Bieterwettstreit unter Plattenfirmen, den Rough Trade für sich entschied. Labelboss Geoff Travis erging es dabei so wie den meisten Menschen, die Tylers psychedelisch angehauchte Stimme zum ersten Mal hören: Sein weiches und auch in hohen Lagen kraftvolles Organ bleibt sofort hängen und ruft Legenden wie Roy Orbison und Otis Redding ins Gedächtnis.
Wie solch eine einzigartige Stimme so lange unentdeckt bleiben konnte, ist ein Mysterium, das der Sänger jüngst im Interview lüftete: "Ich singe in vielen verschiedenen Stimmen, es war nicht immer das, was man jetzt auf der Platte hört. Ich musste diese Stimme erst finden." Dies geschah, als er eines Abends Roy Orbisons Weltschnulze "Crying" anstimmt und damit den Saal elektrisiert.
Perry, eine imposante Nerd-Erscheinung von kräftiger Statur wie ein Sad-Indie-Jack Black, erfand den Charakter Ballgame und verabschiedete sich vom Flüster-Folk seiner früheren Band. Zumindest weitgehend: Der verhuschte Opener "For The First Time, Again" ist zwar ein Fest für Nick Drake-Fans, erinnert dennoch an die zurückhaltende Hippie-Ästhetik seiner Ex-Band. Aber so leicht zu entschlüsseln ist der Künstler nicht: Ausgerechnet der herausragende Albumtrack "Got A New Car" stammt aus seiner Zeit in Rhode Island, klingt aber wie eine verschollene 60s-Hymne, getränkt in satten, sepiafarbenen Soul und üppige Harmonien aus Akustikgitarren, Bläsern und Piano.
Mühe- und zeitlos klingt sein Retro-Repertoire, das er gemeinsam mit Foxygen-Songwriter Jonathan Rado entwickelte, einem ausgewiesenen Fachmann für 60s-Sounds und analoges Equipment. Rado haben wir auch die Integration von "Got A New Car" zu verdanken. Leider reichte sein Einfluss offenbar nicht aus, um den letztjährigen Standouttrack "Help Me Out" in die Tracklist zu hieven - ein herber Verlust.
Ballgames Songs handeln von Liebe, Hoffnung und dem Glauben an sich selbst, sind meist balladesk arrangiert, was seine Stimme angemessen in den Vordergrund rückt, unterstützt von einer grandios eingespielten Band, zu der auch Schlagzeugerin Amy Wood von Fiona Apple zählt. Samtballaden wie "Sing How I Feel" und "I Know" stellt Ballgame ab und an flottere Songs gegenüber, das angefunkte "I Believe In Love" klingt wie der gelungene Versuch, eine schwärmerische Hitsingle zu schreiben, im verwaschenen Country-Rocker "Matter Of Taste" lässt er sich dann so richtig gehen und channelt seinen inneren Van Morrison.
"Goodbye My Love" suhlt sich ein wenig zu sehr in Sentimentalität, "Ooh" wirkt seltsam ziellos, danach zieht er aber nochmal an: In "Down So Bad" croont Ballgame beinahe wie Elvis, zwinkert in "Deepest Blue" Father John Misty zu und scheint am Ende in "Waiting So Long" sein Glück bezüglich des Musiker-Happy-Ends selbst kaum fassen zu können. Dabei ist "For The First Time, Again" für Tyler Ballgame ganz sicher erst der Anfang.


1 Kommentar mit 7 Antworten
Oh ja... Ganz großes Tennis. Vibes sind stark in ihm! ♥
Nicht perfekt. Ab und zu könnte er mehr ans Album denken. Hat alles viel Single-Charakter, pustet dabei oft ins selbe Horn. Gibt Luft nach oben, aber hat gut genug vorgelegt, dass ich das Lob mal oben alleine stehen lasse.
"dass ich das Lob mal oben alleine stehen lasse."
Genau da
Es ist ja so: die Kommetarspalte beinhaltet ja die Ausklappfunktion, wodurch es dem geneigten Leser selbst überlassen ist, ob er die spezifizierten Einordnungen lesen möchte. Ich würde es einfach als eine Art Fußnote betrachten - nicht mal als eindeutige Floskel. In Deutschland sprechen wir umgangssprachlich ja in solch einem Fall gerne von "das Haar in der Suppe suchen". Hierdurch wird die Suppe ja nicht schlecht, wenn das Haar - dem Grunde nach ohne Eigengeschmack - entfernt wird.
Ojeojeoje, die Demenz kickt mal wieder rein bei dir...
Also, mir sind ja mal beim Bartschneiden Haare in die Kaffeetasse gefallen, der war danach ungenießbar.
Anfängerfehler. Musst den Bart vorher buttern und mit etwas Zucker karamellisieren lassen.