laut.de-Kritik

Am Ende bleiben Fragen.

Review von

Hier ist es, das vorerst letzte Album des Wortakrobaten J. Cole. Für dieses abschließende Statement zu seiner Karriere, nimmt sich der Künstler auf "The Fall-Off" satte 101 Minuten, aufgeteilt in 24 Songs. Schon beim zweiten der vier Titel auf dem vorab erschienenen Mixtape "Birthday Blizzard '26" bekam ich Zweifel, ob sein punchlinelastiger Reimketten-Rap auch auf Albumlänge überzeugt, und siehe da: Meine Zweifel bestätigen sich.

Dabei fängt das Album recht gut an. "29 Intro" wiegt den Hörer mit einem friedlichen Country-Song in Sicherheit, bis plötzlich die Schusswaffen ertönen, woraufhin "Two Six" mit einem ordentlichen Trap-Beat ankommt. In "Safety" rappt Cole aus der Perspektive dreier Bekannter aus seiner alten Heimatstadt Fayetteville, die ihm vom üblich harschen Alltag auf der Straße berichten. Besonders der dritte Part trifft ins Mark, wenn der Hörer erfährt, dass Cole und seine Freunde sich von einem Kumpel aufgrund seiner Homosexualität distanzierten, der dann mutmaßlich an AIDS verstarb. Zwar rappt Cole aus der Sicht eines anderen, aber man spürt, dass er sein Verhalten bereut: "We turned our backs on him, some of us called him a fa- / Nah, time's changed, I know that's wrong / Now that we grown, I wish I could apologize, 'cause we did him wrong."

"Run A Train" dagegen fühlt sich merkwürdig an. Zwar ist der oldschoolige Beat recht gut und paradoxerweise macht Future die Hook, was aber schön slappt, doch im Grunde genommen ist der Track nur eine Weiterführung der Gedanken des vorangegangenen Titels, wenn auch jetzt eher aus J. Coles eigener Perspektive. Dabei gelingt es ihm nicht so gut, irgendeine Form von Emotionalität rüberzubringen, weil er die Probleme auf der Straße nun auf ein allgemeineres Level hieft und nicht auf individueller Ebene thematisiert wie davor. An dieser Stelle ist er jemandem wie Kendrick Lamar weiterhin deutlich unterlegen. Stattdessen bedient er sich z.B. an Vergleichen, die zumindest mir wie eine Art "No-Shit-Sherlock"-Moment vorkommen: "When too many bodies get piled up in these rivals' histories / So stoppin' this violence is like bringing the Gaza Strip peace."

Ein bisschen ähnlich wirkte auch die Zeile: "'Cause I done spent so long playin' games and holdin' back / From givin' all of me, too scared that I won't get it back / And yes, I'm well aware I rhymed the word 'back' with 'back'", auf "Legacy". Er baut diese Line so unnötig auf, als müsse er sich dafür entschuldigen, das so zu reimen, weil er damit ein ultrakrasses Statement abliefern will: "'Cause that's exactly the direction that I'm tired of lookin' at". Wo sind wir hier, r/ichbin14unddasisttief? Wirklich herausstechend gute Lines sucht man dagegen vergeblich.

Okay, einmal will ich noch über die Lyrics haten: Auf "Bombs In The Ville/Hit The Gas" wiederholt er im Hintergrund "Gyatt, damn". "Gyatt"? Alter, du bist 41. Trotz der ein oder anderen merkwürdigen Line oder Zeile bleibt Coles Flow und Lyricism auf der Platte routiniert gründlich, mehr aber auch nicht. Handwerklich und technisch gibt's da nichts zu bemängeln, außer, dass er größtenteils immer noch so rappt, als müsse er weiterhin allen beweisen, was für ein krasser Artist er ist. Manchmal artet das sogar in extremsten Cringe aus, wie auf "Drum N Bass": "The shit I write so fire, I got my hand afraid of my pen". Yikes! Ebenfalls gut, aber niemals herausragend, sind die Beats auf der Platte, die J. Cole größtenteils auch mitproduzierte. Nicht mal The Alchemist bewirkt mit seinem Beat auf "Bunce Road Blues" ein großes Wunder.

Auch das grundsätzliche Konzept dieses Doppel-Albums, dass er die erste Hälfte aus Sicht seines 29-jährigen Ichs und die zweite Hälfte aus Sicht seines 39-jährigen Ichs schreibt, zündet nicht wirklich. Er macht auf der zweiten Hälfte vielleicht einen etwas reflektierteren Eindruck. Das spiegelt sich auch in den ruhigeren und weniger trappigen, leider oft auch müderen Beats wider. Doch er verbringt verflucht viel Zeit damit, weiterhin über die Straße oder das Leben zu sinnieren, ohne dass er das sonderlich aufregend in Rap-Form verpackt. Spätestens in der zweiten Hälfte und vor allem bei Songs wie "Old Dog", "Life Sentence", "Man Up Above" und "And The Whole World Is The Ville" saß ich vor mich hin, mit den Lyrics vor den Augen und das ganze Vor-Sich-Hin-Gereime und Rumphilosophieren floss über das eine Ohr zum anderen nur noch so hinaus. Dem zum Trotz findet man Lichtblicke wie auf "The Villest" mit Erykah Badu, wo er im zweiten Part über einen verstorbenen Homie rappt und sich mit Survivors Guilt plagt.

Vielleicht punktet er stattdessen in Songs mit einem bestimmten Konzept. Hierbei gibt es neben ein paar Misses tatsächlich auch Hits zu verbuchen. "The Let Out" arbeitet mit einer interessanten Prämisse: Dem Moment, wenn sich eine Party in der Hood auflöst, wo das Potential steigt, dass es zu einer Schießerei kommen könnte. Scheitern tut der Track jedoch an J. Coles Delivery und dem Flow auf dem Track: Leicht nuschelig und durch den Triplette-Flow eher unnahbar. Besser hingegen wird es auf "The Fall-Off Is Inevitable" durch den chilligen Beat und das Konzept, seine Lebensgeschichte rückwärts von Tod bis Geburt zu erzählen. Der Lovesong "Only You" klingt, abgesehen von dem schönen Gedicht von Eve L. Fontes am Ende, schlichtweg langweilig.

Doch kurz vor Schluss des Albums legt J. Cole gleich dreimal hintereinander Punktelandungen hin. In "I Love Her Again" rappt er von seinem turbulenten Liebesverhältnis zum Hip Hop, den er hier als eine geldgeile Prostituierte darstellt. Wenn man die doch recht stereotypischen und sexistischen Implikationen in dem Song ignoriert und auch außer Acht lässt, dass das Konzept durch Commons "I Used To Love H.E.R." nicht neu ist (auch wenn Common den Hip Hop weitaus weniger obszön redete), haut der Track schon ordentlich rein.

Darauf folgt "What If", ein alternatives Geschichtsszenario, in dem Cole in zwei Parts die Rollen von The Notorious B.I.G. und Tupac zur Zeit ihres Beefs in den 90ern einnimmt. In dieser von Cole konzipierten Timeline entschuldigen sich die beiden Kontrahenten nach langer Reflektion zum Ende ihrer jeweiligen Strophen. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie J. Cole den Flow und die typischen Betonungen der Legenden dezent übernimmt, ohne sie dabei aber zu sehr nachzuahmen.

"Quik Stop" spielt nicht unbedingt mit einer innovativen Idee - eine Begegnung mit einem Grasdealer und Fan, der Cole erzählt, wie seine Musik ihn durch harte Zeiten gebracht hat - überzeugt aber umso mehr mit Coles Delivery im Part, weil man in dem Moment zum ersten Mal so richtig spürt, dass er aus sich herauskommt und hier mit Passion und Power spittet. Das hat mir nämlich auch das ganze Album über gefehlt, trotz der ein oder anderen etwas härteren Trap-Nummer. Erst im drittletzten Song schaltet er wirklich den Turbo an. Schade.

Am Ende bleiben Fragen und auch Frust zurück. Der Kerl erzählt, wenn er will, wirklich interessante Geschichten, ohne dabei großartig in die Punchline-Trickkiste zu greifen. Musste er dieses Album so extrem aufblähen? Denn in vielerlei Hinsicht bietet uns dieses Projekt einen nicht enden wollenden Stream of Consciousness, der nicht sehr spannend rüberkommt.

Merkwürdigerweise ist einer meiner Lieblingstracks auf der Platte "Lonely At The Top (Bonus)", das Outro der ersten Hälfte. Ich glaube, das liegt an der schönen Atmosphäre und wie er hier offen thematisiert, ob er diesem Rap-Ding die selbe Passion entgegenbringen kann wie zu seinen Anfangszeiten. Warum finde ich es merkwürdig, dass das mein Favourite ist? Wegen dieser Hookzeile: "I never understood the phrase 'It's lonely at the top' / Until I scaled that mountain all the way up 'til it stopped." Nach all dem hauptsächlich mediokren oder nur soliden Output, den er in seiner ganzen Karriere ablieferte, frage ich J. Cole: Warst du je wirklich an der Spitze?

Trackliste

  1. 1. 29 Intro
  2. 2. Two Six
  3. 3. Safety
  4. 4. Run A Train (With Future)
  5. 5. Poor Thang
  6. 6. Legacy (With PJ)
  7. 7. Bunce Road Blues (With Future & Tems)
  8. 8. Who Tf Iz U
  9. 9. Drum N Bass
  10. 10. The Let Out
  11. 11. Bombs In The Ville/Hit The Gas
  12. 12. Lonely At The Top (Bonus)
  13. 13. 39 Intro
  14. 14. The Fall-Off Is Inevitable
  15. 15. The Villest (With Erykah Badu)
  16. 16. Old Dog (With Petey Pablo)
  17. 17. Life Sentence
  18. 18. Only You (With Burna Boy)
  19. 19. Man Up Above
  20. 20. I Love Her Again
  21. 21. What If (With Morray)
  22. 22. Quik Stop
  23. 23. And The Whole World Is The Ville
  24. 24. Ocean Way (Bonus)

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