laut.de-Kritik
Noch mehr Ikkimel mit noch weniger Micskill.
Review von Yannik GölzWas für ein Catch-22: Ich kann jetzt im Vorfeld tausendfach beteuern, dass mir die beiden MCs des Duos 6euroneunzig in Interviews und Podcasts sympathisch vorkommen. Ich kann herauf- und herunterbeten, dass ich allen dargebotenen politischen Messages von Herzen zustimme. Trotzdem werde ich in Verdacht geraten, zur Kategorie 'getriggerte Menners' zu gehören, denn ich komm' einfach nicht drumherum: Dieser neue Eintrag ins wachsende Genre 'Feministischer Techno-Rap' ist einfach nicht wahnsinnig spannend.
Ihr müsst 6euroneunzig nicht gehört haben, um genau zu wissen, was sie machen. Das Tape heißt "Fotzen An Die Macht". Die Tracks heißen "Pussypop", "Hoe Hoe Hoe" und "BWL Justus". Sagen wir es, wie es ist: Das hier ist ein Ikkimel-Rip-Off, und zwar eine satte Zehn-von-Zehn in Schamlosigkeit auf der Rip-Off-Skala. Sound, Attitüde, Texte, Vibe: wirklich eins zu eins. Es gibt keinen Moment, der den Namen 'Ikkimel' nicht frontal in dein Hirn beamt.
Aber ist okay, manchmal fangen coole Artists mit klarer Inspiration an und mutieren dann graduell davon weg. An manchen Stellen zeigt "Fotzen An Die Macht" ja Potential. Manchmal schreiben 6euroneunzig solide Punchlines. Witzigerweise seltener dann, wenn sie Ski Aggu-style Bad-Bars-Wie-Vergleiche versuchen, sondern eher, wenn sie besonders absurde Bilder zeichnen. "Entfern' dir ein paar Rippen, kannst dir selber einen blasen" auf "Pussypop" ist zum Beispiel eine Killerline. "Ich bin ein böses Mädchen und komme auf dem Scheiterhaufen" auf "Hexe" ist ebenfalls quite das Bild, und auch definitiv der beste Beat des Projektes.
Mein persönlicher Favorit ist aber: "Hab' jetzt ein Kind, das macht mich zur Milf." Ich weiß nicht ganz, warum, aber irgendwie lässt das die Rapperin schneller und direkter greifbar erscheinen und gibt ihr mehr Persönlichkeit und Komplexizität, als das Projekt bisher an Charakterisierung zuwege bekommen hat.
Genau das ist der springende Punkt: Dieses Album fühlt sich sonst an, als würde man den Kopf in Twitter stecken und dort mit 100 Tweets pro Minute beschossen werden. In seinem Standardmodus ist es nur eine endlose Barrage an Slogans. Es ist ein Demoplakat nach dem anderen, Meme an Meme. Das Duo rappt auch nicht gerade spektakulär. Man mag vielleicht anerkennend nicken und die Stoßrichtung wertschätzen. Aber zu 95 Prozent der Zeit wirken die beiden wie zwei wahllose empörte Social Media-Accounts, die zufällig rappen.
Man findet online die Selbsteinschätzung der Band, mit dieser Musik Konventionen zu brechen. Doch sind wir ehrlich: Das hier ist designt dafür, eine bestimme Bubble nie zu verlassen, und in dieser Bubble könnte man konventionellere Musik gerade gar nicht machen.
Klar: Die Technobeats sind durch die Bank gut produziert. Also keine Frage, dass man dieses Album locker auf irgendeiner Uni-Fete anmachen könnte und gute Reaktionen kriegte. Aber ist das wirklich der Anspruch? Das hier ist musikalisches Trash-Party-Geballer, das unter einer dünnen Schicht der Edginess im Grunde anschlussfähige Meinungen an genau die Zielgruppe verkauft, die ihnen eh schon zustimmt.
Ich wäre überrascht, wenn allzu viele von den Menners, die sich von dieser Band triggern lassen könnten, überhaupt je davon mitbekommen. In der Summe wirken 6euroneunzig mit ihrem servierfähigen Ikkimel-B-Seiten-Sound eher wie Trittbrettfahrer, die politische Slogans zur Selbst-Promotion benutzen. Das Album, wenn auch handwerklich okay, umweht ein immenses Gefühl von 'been there, done that'.


6 Kommentare mit 2 Antworten
"Zwei wahllose empörte Social Media-Accounts, die zufällig rappen." fasst mein Gefühl dazu wirklich perfekt zusammen.
Ich denke mit zunehmender Ermüdung wehmütig an SXTN zurück.
Ich denke, dieses ganze Fotzen-Gedöns soll zum Einen die gänzliche Kreativlosigkeit trotz diverser Linguistik-Semester, die eine gewisse Erwartungshaltung aufbauen, überdecken, zum anderen aber auch gleichzeitig verhindern, dass man im German-Pop-Universum landen muss, was zwar viel lukrativer wäre, aber das damit einhergehende Schamgefühl für solche Kreaturen möglicherweise die Verpulverung bedeuten könnte, ähnlich den Vampiren bei Sonnenaufgang.
Was also tun? Vielleicht Tagebucheinträge vorsingen, die davon zeugen, wie man jahrelang mit Selbstzweifeln und Depressionen zu kämpfen hatte, anstatt so zu tun, als wäre ständig "Fotze" zu sagen ein unfassbar originelles Neo-Linguistisches Konzept, das nur schwer zu verstehen ist, weil halt abstrakt und gleichzeitig all das möglicherweise Mit-Symptom und irgendwie gleichzeitig auch wieder Mitursache für die Versagensängste und niedergeschriebenen Depressionen ist!? Ich würde sagen: Ja.
Also ich fand den Track von SXTN ja auch nice, aber könntet ihr evtl. versuchen, das Wort "Fotzen" jetzt nicht total nicht zu eurem Ding zu machen, liebe deutsche Musikerinnen?
Das wirkt irgendwie besser, wenn das so ein bisschen gezielt provokativ eingesetzt wird, und nutzt sich ansonsten doch ziemlich schnell ab und bekommt dann so einen ekligen touch.
Ausnahme ist natürlich Fotzenfritz, den lass ich als Evergreen durchgehen.
Schonmal was von Geusenwort gehört?
Musik für Fotzen.
Lady Bitch Ray war hierzu ja Vorreiterin
Dr. Lady Bitch Ray, so viel Zeit muss sein, die Doktorwürde hat sie ja nicht umsonst.
Hab mal reingehört und muss der Rezi zustimmen. Uninspirierte Kopie, und dazu noch handwerklich schwach. Dann lieber Ikkimel oder $hoki, die machen das besser.