laut.de-Kritik
Die Zukunft ist noch nicht jetzt.
Review von Yannik GölzVielleicht haben sie die Messlatte einfach zu hoch gelegt. Als Aespa mit der "Savage EP" ihren ersten Body of Work vorgelegt haben, haben sie sich als die aufregendste aktive K-Pop-Gruppe präsentiert. Nicht nur waren die Songs stark, die Produktion fantasievoll, mehr als alles andere: "Savage" war wahnsinnig konsequent. Da haben wir also die Girlgroup mit dem bizarren Science-Fiction-Konzept, die wie ein Schlag Nerds am D&D-Table darüber singen, dass sie nach Kwangya fliegen, um einen Bösewicht namens Black Mamba zu bekämpfen. Folgerichtig war das Ding von vorn bis hinten klanglich sleak, futuristisch und verchromt.
Was die Singles angeht, sind Aespa die aufregendste Gruppe geblieben. Aber es gab einen großen Dämpfer. Als sie mit "Supernova" und "Armageddon" - zwei absolut kongruenten Bangern - ihr Debütalbum angeteast haben, schienen alle Pfade für einen Genreklassiker offen. Und dann verpufft das trippy Apokalypse-Soundkonzept jenseits der Singles komplett. Stattdessen bekommen wir K-Pop-B-Seiten, so austauschbar wie sonst irgendwo. An irgendeinem Punkt sangen sie über einen Sommerferien-ass-Beat darüber, dass sie gern auf die Bahamas fahren würden. Es war ein ziemlicher Letdown.
Als darauf (das unglaubliche "Whiplash" einmal ausgeklammert) mit "Dirty Work" und "Rich Man" auch noch zwei eher unterwältigende Singles folgten, könnte man meinen, Aespas campy Sci-Fi-Ära und ihr Status als die aufregendste Gruppe auf dem Feld würde sich langsam legen. Und dennoch: "Lemonade" zeigt jetzt, warum diese Gruppe ihr Genre so immens dominiert hat.
Besonders sticht natürlich der brachiale Electroclash des Titeltracks "Lemonade" heraus. Das zieht die offensichtliche Lektion aus dem Runway-fertigen Hip House von "Whiplash" und entwickelt das konsequent weiter. Der Subbass klingt geradezu diabolisch, und die attitüde-lastig gerappten Verses ergänzen das High-Fashion-Bild. Das bockt schon immens. In Tandem mit dem stimmungsvollen Hip Hop-Opener "Whole Different Animal" mit kleinem Gruß von Koreas Pop-Rap-Goat G-Dragon lässt sich "Lemonade" stark an.
Und dann kommt eine Flaute. "Shakin'", "Can't Help Myself" und "Camouflage" macht in Sachen Songwriting nichts, das gegen das Regelwerk verstößt. Es ist hörbar, smooth und clean. Aber sind das Songs, die man für immer im Kopf behalten möchte? Gerade der mittlere fühlt sich auch relativ wahllos und dazwischengeworfen an, was den Pop-Rockigen Nullerjahre-Sound angeht.
Trotzdem kriegt "Lemonade" noch einmal die Kurve. "Bite" baut auf brickigen, kompexen Electro-Sound auf. Es fühlt sich an wie ein etwas melodischerer Rückverweis auf den "Savage"-Titeltrack. Da ist der Hauch von PC Musik in dieser Produktion, den man am Anfang öfter mal in Aespa gesehen hat. "Switchblade" hätte gar noch mal die Chance, ein dritter Titeltrack zu sein. Es fühlt sich wie das perfekte Begleitstück zu "Lemonade" an, macht die ganze Spielzeit interessante Sachen mit der Produktion - und wenn für den Refrain der House-Beat droppt, wird man wieder auf den Dancefloor zurückgetrieben.
Den Outro unterstützt Becky G für einen "Lemonade"-Remix, und man spürt wieder die seltsame Reggaeton-K-Pop-Achse, die diesen schönen, kollegialen Respekt voreinander hat. Mehr noch: Man kriegt noch einmal den kollossalen Banger "Lemonade" zu hören. Warum diesen Sound nicht auf Albumlänge durchziehen?
Die restlichen Tracks auf dem Album sind musikalisch rund und solide (wenn wir die "row, row, row the boat"-Interpolation auf "Roll" einmal ausblenden, was soll das). Aber man spürt, wie "WDA", "Lemonade", "Bite" und "Switchblade" ein zweites Mal die archimedischen Punkte eines potentiellen Genre-Klassikers aufspannen. Und irgendwann werde ich brauchen, dass Aespa ein Album machen, das komplett und radikal Nutzen aus dem eigenen Konzept zieht.


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