laut.de-Kritik
Die früheren Emo-Legenden in ihrer The Cure-Phase.
Review von Rinko HeidrichDie fast gruselige Isolation der amerikanischen Mittelschicht, der ängstliche Blick von innen nach außen und dann die Nebelwand: Die Alben-Cover von American Football deuten seit dem Debüt die Grundstimmung des jeweiligen Albums an. Der blutrote Himmel, der sich diesmal vor die Sonne schiebt, kündigt bereits Unheil an, und tatsächlich präsentiert die Band mit "LP4" ein schonungsloses Album über Suizid, Scham, Scheidung und Sucht. Diesem Alliterationsreigen des Untergangs und der Selbstzerstörung auf Albumlänge beizuwohnen, fühlt sich nicht gerade wie die perfekte Untermalung eines Frühlingsnachmittags an. American Football bleiben im Herzen immer noch Emo in seiner wahrhaftigen und ungefilterten Form, obwohl sie sich immer weiter von dessen Wurzeln lösten.
Das vertrackte "Never Meant" mit seinen Math-Rock-Anleihen begründete bereits eine Abgrenzung zu den Pop-Auswüchsen anderer Emo-Bands; die späteren Veröffentlichungen lassen sich irgendwo zwischen Shoegaze und Post-Rock verorten. Auch wenn manche Fans diesen Stilwechsel kritisch sehen, bilden Kinsellas schmerzerfüllte Stimme und die nach wie vor überragende Schlagzeugarbeit doch einen verlässlichen Anker in diesem weiten Ozean aus Schmerz.
Die Zärtlichkeit von "LP3" ist nicht vollständig verschwunden, wohl aber jene Anzeichen von leiser Hoffnung. Alles ist weg, der Nebel wieder zurück. In "No Feeling" sickert eine The-Cure-Traurigkeit ein - deren Monolith "Songs Of A Lost World" ebenfalls ein Abschiedsalbum an eine Welt war, die es so nicht mehr gibt und nie wieder geben wird. "No Feeling, No Pain, No One To Shame, It's Just An Eternal Blank Page": Unendliche Leere, Taubheit und tiefe Selbstzweifel sind die Grundpfeiler jeder Depression. In "No Feeling" wird es noch eindringlicher, wenn Suizidgedanken als letztes Fanal auftauchen. Man war vorgewarnt - und trotzdem trifft es anders, wenn Kinsella "One Last Goodbye And One Last Wish" einsingt. Merkwürdig, wie ein Song gleichzeitig so schön in seiner Melodie sein kann, während man nicht weiter in diesen langsamen Abwärtsstrudel eintauchen möchte, erst recht, wenn das Thema einen selbst betrifft und Suizid nicht mehr nur als Schockmeldung in den Nachrichten auftaucht, sondern im eigenen Umfeld.
Und all das bereitet einen nicht im Geringsten auf "Bad Moons" vor. Eine achtminütige Selbstanklage, in der Kinsella sich als untreuer Ehemann und Vater geißelt und seinen Weg in die Dunkelheit minutiös nachzeichnet. Musikalisch stagnieren American Football auf sehr hohem Niveau in ihrer vertrauten Mischung aus Post-Rock-Schichtungen und Shoegaze-Gewittern. Doch werden wir auf "LP4" Zeugen einer bitteren Abrechnung mit einer gelebten Lüge. Die Unschuld einer Kindheit - zerbrochen. Das Haus aus "LP1" und "LP2" war zumindest eine Zuflucht, nun stehen American Football wirklich schutzlos da. Das große Kind in Kinsella ist verschwunden, der große Bluff endgültig aufgeflogen. "I've been so many kids under my trenchcoat, ask my ex-wife." Beim Hörer breitet sich eine Ratlosigkeit aus angesichts dieses theatralen Selbsthasses in zwei Akten: Hat jemand, der all diese Dinge getan hat, Absolution verdient – oder inszeniert sich Kinsella hier letztlich doch als das eigentliche Opfer? Ein moralischer Konflikt, der dieses schwere Album noch erdrückender macht.
Was in Worten den Eindruck eines bleiernen Albums erweckt, klingt für all die Katharsis und Dämonenaustreibung erstaunlich leicht. Auch wenn American Football in einer desillusionierten Goth-Phase gelandet sind: "Pale Saint Of Pale" klingt, abgesehen von gelegentlichen Rhythmusverschiebungen, fast wie ein beschwingter Anti-Folk-Song. "Wake Her Up" knüpft mit leichten Shoegaze-Pop-Anklängen an "LP3" an. Statt Hayley Williams von Paramore übernimmt nun die Songwriterin Whisp den Duett-Part; in dem ähnlich verträumten "Blood On My Blood" ist es Caitlin De Marais von Rainer Maria. Auch hier kommt das Drama in lyrischer Form, während die Musik wie ein eindeutiges Lullaby-Zitat wirkt. Und als würden American Football nicht schon genug mit dem verlorenen Wave-Sound von The Cure flirten, bekommt ein Instrumental auch noch das Wortspiel "Lullabye" verpasst. Die "Disintegration" von Mike Kinsella schreitet unaufhaltsam voran.
"Ladies and gentlemen / You've watched me walk through fire / Swallow swords and ugly desires / I've nothing left to fear / Now, for my next trick, you can watch me disappear." Am Ende dieses Schauspiels in mehreren Akten fasst Kinsella das gesamte Drama in "No Soul To Save" noch einmal zusammen. Wer war hier der Schurke, wer die Opfer, und wollten wir das überhaupt so genau wissen? Wir sind nun unfreiwillig Voyeure einer großen Tragödie. Das Album endet in großem Selbstmitleid und gibt die Frage nach Vergebung trotzig zurück: "Ladies and only the gentlest of men, please, fuck you / I already said I'm sorry for everything and I won't say it again / Well, I wasn't made to live on a stage / I've made too many mistakes / I've no hope for redemption and no soul to save."
Auch das erklärt, warum man "LP4" nicht so unmittelbar ins Herz schließt wie seinen Vorgänger: Jener ließ einen mit einem melancholischen Gefühl zurück, nicht aber mit einem ganzen Berg an Ballast. Kinsella hat für sich eine musikalische Form der Verarbeitung gefunden, seine Affäre geheiratet und lebt in der Nähe seiner Familie. Uns Hörer, die nun zu Mitwissenden geworden sind, bleibt ein Album in der moralischen Grauzone - einmal mehr wunderschön zwischen dramatischer Post-Rock-Schwerkraft und ätherischer Shoegaze-Schönheit inszeniert.


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LP1 Meilenwein stann?