laut.de-Kritik

Von der Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu ertragen.

Review von

"1783" unterlag die britische Kolonialmacht im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg den dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich als Vereinigte Staaten von Amerika unabhängig erklärten. An der Seite des British Empire kämpften 3.000 Black Loyalists, denen bei einem Sieg eine Befreiung aus der Sklaverei versprochen war. Nach der Niederlage evakuierte man diese von New York nach Nova Scotia in Kanada. Dort erwartete sie jedoch nicht das versprochene Happy End, sondern nur weiterer Rassismus, Armut und systematische Benachteiligung.

Mitten unter ihnen: die Vorfahren des kanadischen Sängers, Rappers und Komponisten von Lance Sampson. Unter dem Namen Aquakultre verschmilzt er seit 2015 R'n'B, Soul, Hip Hop und Funk. Auf seinem dritten Album "1783" verbindet er diese Mischung nun mit seiner Familiengeschichte, folgt dem aus dieser resultierendem Trauma durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Als direkter Nachfahre dieser Menschen, dieser Schicksale erzählt er ihre Geschichten nicht aus akademischer Distanz, sondern aus dem Inneren einer Familie heraus.

Besonders drastisch fällt der Song "Gallows" aus, in dem Lance Sampson die unrechtmäßige Hinrichtung seines Ur-Ur-Großvaters Daniel Perry Sampson im Jahr 1935 verarbeitet. Er war die letzte Person, die in Halifax zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Blues, Gospel verdichten sich zu einem marschierenden Rhythmus, der körperlich schmerzt, das Leiden spüren lässt. "Exhibit one, my black skin cause threat upon my life / Force-fed, these words were never mine to swallow /Mama, mama, please don't let them take me to the gallows."

So wie Aquakultre die Geschichte der letzten zweieinhalb Jahrhunderte seiner Familie verknüpft, führt er seine musikalischen Einflüsse zusammen. Im Mittelpunkt steht seine angenehm die Seele umschmeichelnde Stimme, die jedoch immer wieder Ausflüge in Richtung Spoken Words und Rap wagt. Der Opener "What Are You Sayin'" verbindet Marvin Gaye und Curtis Mayfield auf die schönstmögliche Art und Weise. "Holy" zeigt ihn herausragenden Soul-Crooner, dessen Stimme gleichermaßen Trost spendet und anklagt.

In "Make That Change" rappt er auf unaufgeregte Art und Weise von seinem inneren Kampf zwischen Gewalt, Trauma und gesellschaftlicher Spaltung, der ihn vor seiner musikalischen Karriere ins Gefängnis brachte. Zeitgleich steht der entschlossene Wunsch im Mittelpunkt, seinen Kindern einen anderen Weg aufzuzeigen. Über all dem schwebt Measha Brueggergosman-Lees entfernter Opern-Gesang.

Interludes wie das von einer Free-Jazz-Trompete begleitete "Letter To The No. 2 Construction Battalion" stehen dem Album nicht im Weg, sondern fügen es zusammen, werden zum tragendem Element. Aquakultre schreibt hier einen direkten Brief aus der Vergangenheit der Black Loyalists. Dass "1783" trotz seiner schweren Themen erstaunlich zugänglich bleibt, stellt dabei vielleicht die größte Leistung dar. Sampson spricht von Verbundenheit, von Transformation, von der Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu ertragen, sondern aus ihr etwas Neues zu bauen. Der mit Gary Beals und Haliey Smith entstandene Closer "Scotia Born" fasst all dies zusammen. Ohne überheblich zu klingen, vermittelt er Stolz. Ohne die Historie zu glätten, vermittelt er Hoffnung.

Auch wenn sich über die siebzehn Tracks mit der Zeit die ein oder andere Länge einschleicht, funktioniert "1783" als persönliche Aufarbeitung, als Dokumentation der Vergangenheit, als Erinnerungskultur. Es würdigt vergessene Schicksale, ohne diese im Halbdunkel einer Museumshalle verhungern zu lassen.

Trackliste

  1. 1. What Are You Sayin'
  2. 2. Bags Packed
  3. 3. Letter To The No. 2 Construction Battalion
  4. 4. Holy
  5. 5. La Joux
  6. 6. The Great Judgement Morning
  7. 7. Gallows
  8. 8. Keep Me Down
  9. 9. Make That Change
  10. 10. The Avenue
  11. 11. Old Bones
  12. 12. Black Doll
  13. 13. Matriarchs
  14. 14. Father's Fresh Start
  15. 15. I'll Be Damned
  16. 16. Show Me The Way To Go Home
  17. 17. Scotia Born

1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 2 Stunden

    "In 'Make That Change' rappt er auf die unaufgeregte Art und Weise von seinem inneren Kampf zwischen Gewalt, Trauma und gesellschaftlicher Spaltung, die ihn vor seiner musikalischen Karriere ins Gefängnis brachten."

    Ich glaube, an den Satz muss ich noch mal ran. :ill.
    Jesses.