laut.de-Kritik
Im Glaskopf ist ganz schön viel los.
Review von Franz Mauerer"Call To Arms & Angels" fand nicht nur breiten Applaus, das sperrige Werk führte zu einer der kommerziell lukrativsten Phasen für die Band und wurde ausgiebig betourt. Faul waren Archive aber nicht, nach vier Jahren ist der Nachfolger "Glass Minds" am Start. Schnell merkt man, dass die aktuelle Scheibe wieder homogener ist als der erfüllende, aber fordernde Vorgänger. Die Grundstimmung des Düsteren und britisch-triphoppigen ist wiederhergestellt; ohne vollwertiges Drum-Mitglied und mit nur spärlichen Gitarren ist das Gewand ein deutlich elektronischeres. 77 Minuten stolze Spielzeit scheint die Sonne nur mal durch, um zu blenden. Die auf dem Vorgänger noch unangenehm flachen Lyrics heimsen auch dieses Mal keinen Pulitzer ein, stören aber nicht weiter.
Der Opener "Broken Bits" dröhnt zu Beginn zwar nett bedrohlich, kann das Versprechen aber nicht einlösen und ergeht sich in einer Alt-Prog-Break-Nummer, die schnell vergessen ist. Der Titeltrack macht es besser, was zuvorderst an Sängerin Lisa Mottram liegt. Die Nummer könnte schnell in den Kitsch kippen, das verhindert Mottram aber mit ihrem mit größter Kontrolle präsentierten Vortrag, die das simple Grundgerüst und die nach oben strebenden Synthies trefflich vereint.
"Patterns" und "Look At Us" sind ein wesensverwandtes Gegensatzpaar: Der Erste langsam aufbauend und Wave- wie Goth-beeinflusst, das letztere Stück ein gemäßigter Uptempo-Rocker; beide sehr Archive und hymnisch. Überhaupt klingt "Glass Minds" vortrefflich nach der Band zu klingen, ohne sich wie ein Stücksammlung der letzten Jahrzehnte anzuhören. Dabei hilft die sehr ausgefeilte und klare Produktion, die eine gewisse Aktualität schon technisch transportiert.
Auf "When You’re This Down" toben sich die Sänger Dave Pen und Pollard Berrier mal so richtig aus, im Gegensatz zu früheren Scheiben passt ihr supertheatralischer Vortrag aber zu der Synth-Pop-Nummer wie die Faust aufs Auge. Bislang lief es gut, dann schlägt der Mittelteil ein: "So Far From Losing You" ist eine saucoole Nummer. Die Bandchefs Keeler und Griffiths bräuchten trotzdem manchmal jemanden, der an den Keyboards ein paar Tasten versperrt und fragt: Braucht der Song das gerade? Insgesamt aber eine starke Nummer, denn zwar bewahrt Archive seine Schwächen, spielt die Stärken aber supergekonnt aus. "Wake Up Strange" fügt sich gut an, auch hier sitzt fast alles, nur ein wenig kürzer dürfte der Lounge-Pop-Bastard mit Hip Hop informierten Beats sein.
Auf "City Walls" hätte man verzichten können, die zunächst okay gelungene Emotionalität säuft in Kitsch ab und scheitert am eigenen Willen zur Tiefe. "The Love The Light" macht es viel besser und lässt sich viel Zeit, bis die bärenstarke zweite Hälfte alle Zweifel beseitigt. Der einzige Abriss des Albums, der live sicherlich besondere Wucht entfaltet. "Shine Out Power" muss man nur kurz anhören, um sich für immer in den Choruspart zu verlieben. Die Entscheidung, dem eine drängende Einzelstimme entgegenzusetzen wirkt zunächst unsinnig, gibt dem Song aber eine tolle Chorus-Response-Struktur.
Zwar ist der andauernde Wille Archives, immer wieder Rapelemente einzubauen, zu begrüßen, auf "Heads Are Gonna Roll" bleibt der Rap aber Fremdkörper wie der Song im Albumkontext. Er erschließt sich nicht zwingend und als Gimmick ist er von Jimmy Collins zwar aggressiv, aber nicht überzeugend genug vorgetragen. Bei so vielen Sängerinnen und Sängern an Bord hätte man das ruhig selbst probieren können, der Reiz wäre größer. Der ruhige Closer "Where I Am" wirkt dann fast ein wenig pflichtschuldig ruhig und mäandert ein wenig. Sehr viel Licht im Zwielicht dieser Platte, die gleichwohl von einer ungleich disziplinierenderen Produzentenhand als der von Langzeitkollaborateur Jerome Devoise profitiert hätte.


4 Kommentare
Die können auch nicht schlecht. Mal ist es auf die eine Art interessant, mal auf eine andere, und mal ist es grandios (wo bleibt der Meilenstein für "You all look the Same To Me"?), aber immer ist es ein willkommener Anlass für einen Abriss und ich freue mich, in ein paar Wochen mal wieder Darius Keeler beim Abspacken zuschauen zu können.
Für mich eines der besten Archive-Alben. Habe es bereits unzählige Male rauf- und runtergehört. Eingängiger als der ebenfalls starke Vorgänger, Lisa Mottram kann auf dem Titelstück stimmlich und atmosphärisch glänzen, für mich vielleicht das Highlight der Platte. Stimme der Rezi aber dahingehend zu, dass der Rapsong "Heads are gonna roll" mich auch nicht voll überzeugt (ohne schlecht zu sein). Trotz zwei oder drei nicht ganz so starker Tracks klare 5 Punkte.
Gutes Album. Bin auch mit dem Opener einverstanden, das Horn zu Beginn hat aber was von ‚Ahnma‘.-)
Die wahre stärke entwickelt die Band allerdings eh Live, letztes Jahr beide Tage in Berlin erleben dürfen.
Grandios.
"77 Minuten stolze Spielzeit scheint die Sonne nur mal durch, um zu blenden."
"Überhaupt klingt "Glass Minds" vortrefflich nach der Band zu klingen, ohne sich wie ein Stücksammlung der letzten Jahrzehnte anzuhören."
"Insgesamt aber eine starke Nummer, denn zwar bewahrt Archive seine Schwächen, spielt die Stärken aber supergekonnt aus."
Find's stark, dann dennoch mit der Pulitzer-Keule zu kommen.