laut.de-Kritik
Viel Sopran auf unsicherer Bass-Verteilung.
Review von Philipp KauseImmer noch einer der größten Pop-Stars, kommt Ariana Grande auf "Petal" ohne ausgemachte Mitsing-Hooklines aus. Ihre neuen Nummern zeichnen sich durch Understatement aus. Manchmal zu wässrig-verwaschen, plätschern unauffällige Downbeat-Downtempo-Stücke vorbei. Im Hochsommer landen sie besonders punktgenau, denn die Produktion hat etwas Herunterkühlendes, Unaufgeregtes, Luftiges. In dieser geballten Nonchalance setzten sich auch gesanglich misslungene Aufnahmen durch. So klingt Ariana in "Stay" wie auch in "Kiss Me" angestrengt, als habe sie große Schwierigkeiten so hoch zu trällern, wie die Songs transponiert sind.
Sowieso sind beide in Arrangements eingetunkt, die rein gar nichts für die Amerikanerin tun. "Kiss Me" hört sich an wie einer Callcenter-Warteschleife entnommen, konturlos und langweilig. Im ebenso verschmusten "Stay" hat zwar eine Drum-Machine mehr Präsenz, der Stop-and-go-Rhythmus wirkt jedoch bremsend, untanzbar und schon nach der Hälfte der 148 Sekunden ermüdend; praktisch, dass die "Warning Signs - Interlude" tatsächlich nach halb so viel Zeit zu einem Ende kommt.
Demgegenüber machen die schiebenden R'n'B-Tunes "Freak" und "Big Feelings" weitaus mehr Laune. Grande kann hier stimmlich mit ihrem präzisen Säuseln, fiepsigen Maunzen und butterweich zarten Antupfen sehnsuchtsvoller Höhentöne sogar die Schlafzimmer-Atmosphäre und das flächige Synth-Gewaber von "Freak" relativieren. Sanfte Unterleger für sanfte Vocals erscheinen dagegen in etlichen Beiträgen hier zu arg Ton in Ton. Je mehr es brummt und auch mal satte Bässe vorkommen wie im Titeltrack, desto reizvoller wird es. Dieser sticht durch den Charme verschobener Beats heraus, mutet dadurch frecher und nicht völlig vorhersehbar harmonisch an. Arianas Ultra-Sopran klappt hier im titelgebenden "Petal" perfekt. Der Vibe des Liedes ist eine sympathisch leichtfüßige Niedlichkeit, deren Rhythmik dieses Mal ansteckt.
Schnucklig, teils reichlich beiläufig tröpfelt so manches der kurzen Lounge-Pop-Liedchen dahin, die den Großteil der LP prägen. Komplexität, Instrumental-Soli oder Bridges braucht hier niemand erwarten, so knapp als möglich lautet die Devise im Zeitalter des grasgrünen Streaming-Dienstes, auf dem Frau Grande als eine der wenigen Artists mit nennenswerten Erlösen abschneidet. Auf textlicher Ebene verblüfft sie dagegen mit manch originellen, sogar verwirrenden Formulierungen im pulsierenden "Hate That I Made You Love Me", bei dessen Video-Clip der (Ex-?)Liebespartner nahezu unversehrt, aber hinkend einem brennenden Auto entsteigt. "You studied my crown and borrowed my body", zirpt sie voller betonter Unschuld, "sorry if I made me your type" fasst sie die ambivalente Beziehung zusammen. Der Song scheint sich als Steilvorlage für Essays in Marie Claire, Missy, Vogue, Cosmopolitan positionieren zu wollen.
Vergleichsweise lyrisch konventionell traktiert "Never Get Over Me" das selbe Thema: Er hat sich auf sie fixiert, sie weiß dagegen keine Therapieansätze, kommt aber bestens ohne ihn klar. Dieser transparenteste und geradlinigste Song ist der Hit des Albums, wenn wir Groove und Eingängigkeit als Gradmesser anlegen. Hier sind auch die Bässe adäquat beigemischt, die in den meisten Stücken gefühlt zu gehaucht oder zu holzhammermäßig einfließen. Dass man das ganze Werk gleich der Shoegaze-Strömung zuordnen sollte, wie manche Kritiker im anglophonen Raum es tun, wirkt nicht so gut untermauert. Allenfalls das Intro von "Bad Thing (Bunny Hop)" spricht dafür, oder auch für eine ansatzweise Verortung von New Wave-Einflüssen.
An "Stay", "Petal" und "Hate That I Made You Love Me" hat Max Martin als Multiinstrumentalist, Arrangeur, Abmischer und Co-Produzent mitgewirkt. Auf ihn gehen Banger wie Katy Perrys "I Kissed A Girl" (2008), Britney Spears "Hit Me Baby One More Time" (1998) und auch schon zwei Songs vom Ariana-Vorgänger "Eternal Sunshine" mit zurück. Die Tatsache, dass er generell für plakative Mainstream-Ohrwürmer steht, unterstreicht Ariana Grandes These, sie habe auf dem neuen Album "ungefiltertem Zorn" seinen Raum gelassen, wie sie dem Billboard-Magazin sagte. Auch wenn sich ihre Aussage auf die Texte bezog, kann man auch der Musik attestieren, nicht auf dem ersten direkten kürzesten Weg ins Ohr drängen zu wollen, sondern sich ein wenig zu sperren und mit einer gedämpften Gesamtstimmung eher zum aufmerksamen Hinhören zu zwingen.
Da bahnt sich der Widerspruch an, dass sich mit einigermaßen nebenher 'floatenden', beinahe trivialen Sounds vielleicht nicht ganz das Konzeptalbum für die Ewigkeit ergibt. Immerhin ist es eins: Über die verschiedenen Gesichtspunkte von Trennung oder illoyalem Flirt- und Partnerschaftsverhalten. Ghosting, Manipulation, übertriebene Romantik, das Vermischen von Nur-F***-Friendship und tieferer Abhängigkeit spielt sie hier durch. Sie beschreibt teils eine Wir-, meist aber eine Cis-Frau-Verführungsperspektive. Manches Kokettieren mag die Ich-Erzählerin schon als kleines Kind oder in der frühen Pubertät erlernt haben und nun vollendet routiniert durchspielen. Das zu thematisieren ist sicher legit. Aber eine selbstreflektierte Frage, wie sich Männer denn am besten verhalten sollten, damit die Romantik so schön wird wie beispielsweise bei Benny Blanco und Selena Gomez, beantwortet die Künstlerin nicht und stellt sie auch gar nicht.


1 Kommentar
Mit „Petal“ präsentiert Ariana Grande ein zurückhaltenderes und emotionaleres Album, das stärker auf Stimmung als auf große Pop-Momente setzt. Die Produktion überzeugt mit einer eleganten Klangwelt, doch trotz einiger gelungener Passagen fehlt vielen Songs die nachhaltige Wirkung früherer Veröffentlichungen. Grande zeigt zwar musikalische Reife, bleibt aber insgesamt hinter meinen Erwartungen zurück.
Ein solides Album mit starken Ansätzen, das jedoch mich nicht durchgehend überzeugen kann. 3/5