laut.de-Kritik

Gemeinsam in den Morgen tanzen.

Review von

Unvorsichtig pessimistisch hielt sich nach dem eher konservativen Nachfolger zu Arlo Parks' gelungenem Debüt die Vorfreude bei der Ankündigung von "Ambiguous Desire" eher in Grenzen. Auch wenn "My Soft Machine" noch gut war, hätte ein weiteres Album ohne große Veränderungen wohl wenig Begeisterung ausgelöst. Zum Glück scheint die Sängerin und Songwriterin dies selbst erkannt zu haben. Mit ihrem dritten Longplayer findet sie einen neuen Ansatz, ohne groß von ihrem Songwriting abzukommen. Vielmehr verbindet sie dieses mit einem neuen elektronischen Zugang und einem Blick auf Begegnungen und Erfahrungen innerhalb der queeren Clubkultur.

Beide Ansätze ergeben zusammen eine flauschige Atmosphäre. Mit Hilfe von Hauptproduzent Baird (Brockhampton, Kevin Abstract) entsteht eine zeitweise schon unwirkliche, aber jederzeit tanzbare Musik, die ausgesprochen gut zu ihrer melancholischen Stimme und dem weiterhin präsenten Indie-Pop passt. Mal steht der Song im Mittelpunkt, mal verliert sie sich gänzlich im Klang ihrer Musik. Nie steht das eine dem anderen im Weg, immer bildet beides eine Einheit. Gemeinsam tanzen sie in den Morgen.

Als zentrales Thema des Albums ruft die Sängerin "Begehren" aus. "Während ich diese Platte aufnahm, habe ich mehr getanzt als je zuvor, ich habe auch mehr Freundschaften geschlossen als je zuvor, fand mich in der skurrilen Unterwelt von New Yorker Juke-Nächten wieder, entfesselt, habe gelacht und gelacht und gelacht", erklärt Parks, die sich während ihrer Schulzeit noch als "das schwarze Kind, das nicht tanzen kann, zu viel Emo-Musik hört und sich in Mädchen in ihrer Spanisch-Klasse verknallt" sah.

"Blue Disco" zeigt zunächst nur wenig Änderungen und führt mit einer hilfreich ausgestreckten Hand von "My Soft Machine" zu "Ambiguous Desire". Spätestens im mitreißenden "Get Go" landet Longplayer Nummer drei jedoch knietief in Club-Sounds, die sich merklich an den späten 1990ern und 2000ern orientieren. Während sie im Refrain "I knew we had it from the get-go / But I don't wanna let go" singt, mag man einfach nur mit ausgestreckten Armen im Kreis tanzen und langsam in den sich vor den Augenlidern bildenden Lichtern verlieren.

Im nächtlichen "Senses" findet sie Unterstützung in Sampha und seiner gefühlvollen Stimme, die zum Ende den Song komplett übernimmt. Gemeinsam zerlegen sie Schuldgefühle in winzige Bilder. "Treat myself with this impatience / I would never give a friend." "Heaven" tastet sich zuerst nur zögerlich heran, "until the dawn breaks", und der pulsierende Bass über den Track mit voller Wucht hereinbricht. Ohne sich in den Vordergrund zu drängen, entwickelt sich der Track schnell zu einem der herausragenden Momente des Albums, der Euphorie und Melancholie zu einem Aufbruch in einen neuen Tag verbindet.

"Nightswimming" vereint ihr Songwriting mit einem UK-Garage-Beat. Ein berauschender Song, dessen mantrahafter "Just a moment in time"-Refrain Stück für Stück in ein anderes Universum zieht, das auf dem Rücken eines gewaltigen Koalas balanciert. Wieso lächelt er? Was weiß er? "2SIDED" fasst schließlich die Stärken des Longplayers zusammen: Drumbeat und Synthesizer, ein von Unsicherheit und Sehnsucht getriebener Text über eine sich anbahnende Beziehung, pulsierend und melancholisch zugleich.

Während Arlo Parks also munter das Tanzbein schwingt, geht dies manchmal zulasten der Texte. Vieles bleibt eher ein Hauch, ein kurzer Einblick, meist ohne klare Richtung. Oft bleiben nur verwackelte Polaroidaufnahmen. Manch verlorene Seele, manch Fahrradfahrt und das Duschen am nächsten Morgen. An frühere Lyrics reicht all dies nur selten heran, kratzt zu häufig nur an den Oberflächen. Gelang es ihr auf "Collapsed In Sunbeams" noch, für ihre Themen eindringliche Worte zu finden, wirkt "Ambiguous Desire" häufig vage. Meist bleibt sie in Alltagssituationen des Nachtlebens stecken, die in keine Richtung führen. In "Beams" spricht sie, ähnlich wie einst in "Black Dog", Depressionen und sogar einen Selbstmordversuch an – jedoch so beiläufig wie beim Bestellen eines Trendgetränks.

Am spannendsten stellt sich "What If I Say It?" heraus. Seltsamerweise liegt dessen Stärke gerade darin, so gut wie nichts zu sagen. Wie bei Monstern in Filmen, die umso gruseliger wirken, je weniger man sie sieht, lebt auch der Song von dem, was unausgesprochen bleibt. "In your parents' house in mid July, I / You were hurting, and we both know why / ... / Oh, what does it matter / If it was twenty-somethin' years, or a day? / Oh, what does it matter? / If you still cannot find a way to cope." Was genau vorgefallen ist, kann man sich ausmalen, eine wirkliche Antwort bleibt "What If I Say It?" jedoch schuldig.

Natürlich stehen auf einem Album mit elektronischem, tanzbaren Dream-Indie-Pop nicht unbedingt die Texte im Mittelpunkt. Doch bei einer Künstlerin, die zuvor gerade deshalb herausstach, hätte man sich hier und da mehr Tiefe gewünscht. Dadurch fehlt stellenweise genau die Dimension, die sie früher besonders machte. Zudem verläuft sich "Ambiguous Desire" musikalisch mit zunehmender Dauer etwas, verliert den Fokus. Dennoch wirken die Grundstimmung, die neue Ausrichtung und die Mischung aus melancholischer Stimme und Dance-Sounds wie eine frische Entwicklung, die Arlo Parks gut zu Gesicht steht.

Trackliste

  1. 1. Blue Disco
  2. 2. Jetta
  3. 3. Get Go
  4. 4. Senses
  5. 5. Heaven
  6. 6. Beams
  7. 7. South Seconds
  8. 8. Nightswimming
  9. 9. 2SIDED
  10. 10. Luck Of Life
  11. 11. What If I Say It?
  12. 12. Floette

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