laut.de-Kritik
Glück auf, Ruhrpott-Rainbow!
Review von Stefan Johannesberg"Den ARP-Alben kann man tatsächlich immer und verlässlich die gleiche Punktzahl geben. Hier bei laut.de sind es anscheinend immer 3, bei mir hingegen stets 4 Sterne." Laut.de-User Galatea kommentierte unter dem letzten Axel-Rudi-Pell-Werk "Risen Symbol" aus dem Jahre 2024 zu Recht und offenbarte sich als echter Fan von Bochums second Finest. Die spannendste Frage bei einem neuen Release von Pell ist also nicht, welche überraschenden Songstrukturen und Harmonien auf dem x-ten Werk auftauchen, sondern nur: Ziehen wir wieder die Drei?
"Ghost Town" startet zumindest stärker als sein Vorgänger und punktet mit vollem Sound und mitreißender Wucht. Nach einem obligatorisch sphärischen Intro schneiden die Gitarren von "Guillotine Walk" selbst durch Mithril, Sänger Johnny Gioeli findet seinen Sweet Spot zwischen Dio-Timbre und Dirkschneider-Range. Die Strophen fliegen zunächst ohne Gitarre, allein mit treibendem Bass und Drums, während gelegentliches doppeltes Riffing diese Dynamik noch unterstützt. Glück auf, Ruhrpott-Rainbow. Der Titeltrack haut in die gleiche Kerbe. Das Tempo bleibt gleich, Pell holt die Mosh-Sounds hervor, und der schöne, in die Länge gezogene Chorus brennt sich in die Synapsen. Sollte sich hier tatsächlich eine maßgeblich Steigerung anbahnen?
Nein. Der dritte Track "Holy Water" prescht zwar auch nicht schlecht oder drucklos aus der Zeche, aber die Erkenntnis fällt wie Schuppen aus den headbangenden Haaren: Bass, Kick und Snare werden von Volker Krawczak und Bobby Rondinelli so emotionslos und straight gespielt, dass man meinen könnte, Axel hätte sich Rock'n'Rolfs Drumcomputer ausgeliehen. Der Gesang ist gut, die Gitarren sind vom Feinsten, aber warum in aller Welt wird die Rhythmussektion so unterdrückt? Schaut man sich die Hardrock-Klassiker der Historie an, verfügten diese mindestens über lebendiges Drumming mit leicht eigenständiger Note.
Hat man sich erst einmal auf diesen Umstand eingeschossen, lässt er sich auch bei den folgenden Kompositionen nur schwer überhören.
"The Enemy Within" beginnt fast Maiden-esk, jedoch nur für eine Minute, dann stampft der March-or-Die-Song mit orientalischen Riffs wieder hölzern ins VfL-Stadion. "Hurricane" zieht die Geschwindigkeit an, während "Sanity" im Midtempo und mit großer Geste im Refrain an Magnum erinnert. Diese Variante steht ARP sehr gut und sollte in Zukunft ausgebaut werden.
Die obligatorische Ballade "Towards The Shore" schunkelt sicher über die sieben Meere. Hatte man dieses Lied nicht schon auf "Metal Ballads IV" gehört? Der einzige Ausfall ist "Step Of Stone". Der Rocker quält sich ins Ziel, da waren die ersten Tracks noch wesentlich zwingender.
Den "Weg zur Guillotine" beendet das siebenminütige "Higher Call". Natürlich gelingt Axel Rudi Pell trotz Länge und Synthie-Geigen weder ein Maiden-Opus noch ein "Don't Wake The Lion"-Augenöffner, trotzdem macht die Band ihre Sache gut. Einen weiteren Stern vom Himmel des Kritikers konnten sie aber nicht ergattern; dafür fehlen trotz Steigerung zum Vorgänger zwei Hits und mehr Mut bei den Beats. Tut mir leid, Galatea. Du hattest leider recht.


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