laut.de-Kritik
Der Mega-Hype aus dem P-Pop.
Review von Yannik GölzLasst uns nicht glauben, wir könnten am jeweiligen Idol-Pop eines Landes großartige Rückschlüsse auf die Kultur einzelner Länder ziehen. Also klar: K-Pop und J-Pop sind relativ lang gewachsene, organisch unterschiedliche Genres. Aber C-Pop? V-Pop? T-Pop? Für Kenner gibt es sicher ihre Feinheiten. Aber seit dem Boom der Hallyu im panasiatischen Raum ist das Erfolgsmodell K-Pop doch die dominierende Spielart von Idol-Musik der meisten Länder.
Die philippinische Gruppe BINI hat keine musikalischen Kniffe oder Sounds zu bieten, die ihren P-Pop als distinktiv pinoy hervorhebt. Ihre neue EP "Signals" arbeitet ganz klar mit einem K-Pop-Vokabular. Oder mehr noch: Die Songwriter und Producer, die zwar auch schon für Ariana Grande gearbeitet haben, kommen alle aus der K-Pop-Maschine. Konkreter: BINI ist so etwas wie das philippinische Twice: Eine bei einer Idol-Casting-Show gebildete Powergruppe, die in kürzester Zeit maximale nationale Relevanz erreicht hat.
Warum sich also mit dieser "Signals"-EP auseinandersetzen, wenn sie schon keine wirklich ungewöhnlichen oder innovativen Sounds produziert? Ganz einfach: Weil man der Gruppe ihr Momentum und den Auftrieb gerade absolut anhört. Jüngst sind BINI der erste Act ihres Landes geworden, der auf Coachella gespielt hat. Viele ihrer Songs haben dreistellige Millionen Streams angehäuft - und sie gehören zu den ersten richtig effektiven musikalischen Exportgütern ihrer Nation. 'The nation's girl group' werden sie genannt - in bewusster Referenz auf die koreanischen SNSD Ende der Nullerjahre.
Diese Tracks sind einfach ziemlich gut. Besonders ins Auge sticht natürlich der Opener "Blush". Das ist ein erfrischender Popsong, der den Dembow-Riddim unter sonnige, fast ein bisschen Amapiano-eske Synth-Texturen platziert. Dazu geben die Members sich stimmlich entspannt und briesig die Klinke in die Hand. Der Song beschwört hocheffektiv dieses Gefühl herauf, bei 35 Grad am Strand gedünstet zu werden, auf dass nicht ein einziger Gedanke durch den Kopf geht.
"Unang Kilig" dürfte der interessanteste Song des Projekts sein. "Kilig" ist das landeseigene Wort für Schmetterlinge im Bauch - "Unang Kilig" heißt also zu deutsch etwa 'erste Liebe'. Dafür baut es sich eine Retro-City Pop-Atmosphäre mit stilvollen R'n'B-Brass und einer sehr tanzbaren Bassline auf. Diese Atmosphäre hätte man gern noch ein bisschen weiter ausgebaut gehört.
Der Rest der EP setzt stattdessen eher auf gerade Trendiges. "Sugar Rush" klingt nach dem Britney-Worship der aktuellen Y2K-Nostalgie, "Honey Honey" klingt nach NewJeans oder ILLIT.
Gemeinsam haben alle Tracks der EP einen bestimmtes Gefühl von Purpose. Wir hören hier eine Gruppe, die beweisen will, dass die landeseigene Pop-Industrie nach international höchsten Standards mitspielen kann. Herauskommt ein makelloses Pop-Projekt, kurzweilig, sommerlich und extrem rund. Ob in kommender Arbeit von BINI vielleicht auch noch der BTS-Turn bis zum Representen aller Facetten der eigenen Kultur kommen wird? Man darf doch hoffen. In jedem Fall lohnt es sich, die hier auf dem Zettel zu haben.


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