laut.de-Kritik

Dem Grauen mit Schönheit begegnen.

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Slasher, Psychothriller, Body Horror, Zombie- und Vampirfilme: Der bekennende Grusel-Cineast Bartees Strange hat sie seit seiner Kindheit alle verschlungen. Auf seinem dritten Album "Horror" stellt er sich nun seinen eigenen Dämonen - und verwandelt sich dafür selbst in einen.

Die Transformation beginnt bereits auf dem Cover: Der 36-Jährige posiert zwielichtig im Blade-Look. Strange gibt hier den Daywalker in düsteren Zeiten. Als queerer Künstler blickt er nicht nur sorgenvoll auf die Trump-Administration, er beschäftigt sich auch mit seiner eigenen Identität. Dabei helfen soll die übergroße Persona des Covers und natürlich seine Musik, die ebenso bunt wie sein Filmgeschmack zwischen den Genres zirkuliert.

"Horror" garniert mal sanften, mal bombastischen Stadionrock mit viel Soul-, Funk-, und Hip Hop-Würze. So erschafft er getreu dem Albumtitel akustische Jumpscares, da man nie weiß, welche Musikrichtung als nächste um die Ecke springt.

Als Kind einer Opernsängerin und eines Ingenieurs bei der US-Army wirkt es bei Strange schon wie vorgegeben, dass er enorm kraftvolle Songs bis ins kleinste Detail austüftelt. Dabei unterstützt ihn Produzent und erster Swiftie Jack Antonoff, den Strange auf einem Festival in seinem Wohnort Washington kennenlernte. Nachdem man beim Catering angebandelt hatte, fand sich Strange später in Antonoffs Wohnung wieder, wo sie über die Rohfassung des Albums brainstormten. Dass es eine äußerst fruchtbare Session gewesen sein muss, beweist "Horror" in jedem Winkel.

Die Geisterbahnfahrt startet zunächst zurückgelehnt mit einer samtigen Fusion aus Rock und Soul. Auf "Too Much" lässt Stranges Gitarre noch die Sonne scheinen, während vergnügte Background-Chöre gute Stimmung verbreiten. Das klingt wie der Frühlingsanfang und man vermutet schon False Advertising. Wo bleibt der Schrecken?Der findet sich dann in Stranges Text, in dem er die Qual von Beziehungsunfähigkeit abhandelt: "And all the reasons for why I can't be loved / I need somebody to hold me down to the earth."

"Hit It Quit It" verquirlt abgebrühten Funk mit einer Hook, die stark in den Gothic-Rock driftet und sich am Ende in einem an Wahnsinn grenzendes Crescendo verliert. Der Text stimmt auf die verbleibende Laufzeit des Albums ein: "Don't fear what's coming".

Allein beim Titel "Sober" kommen zwar nicht gerade Assoziationen zu Fleetwood Mac auf, der Sound dieser zarten Zeitreise in die Siebziger trägt die Einflüsse aber mit Stolz. Ganz ohne interne Beziehungskrisen erlebt Strange hier ähnlich fragile Gefühlsausbrüche. Durch seine warme und erschütternde Stimme besteht auch zu keinem Zeitpunkt Verwechslungsgefahr, wenn er seine innere Zerrissenheit nach außen trägt: "I'm standing here, in between the lines / Guess I never had a guiding light / That's why it's hard to be sober." Spätestens beim Klimax dieses unter die Haut gehenden Kuschelrock-Giganten stellen sich die Armhaare auf.

Auf dem stampfenden "Lie 95" entflammt Strange wiederum gefühlsbetonten Slowburn-Pop, der mit genau der richtigen Dosis Pathos auf die Tränendrüse drückt. "I been searching for someone to love / Now we're folded and I can't get enough". Nach einem weiteren Hakenschlag geht es mit "Wants Needs" weiter in die volle Arena, wo Strange knarzigen Alternative-Rock präsentiert. Bei all dem Spaß, den der Song macht, muss an dieser Stelle der Hinweis kommen, dass hier alle Tonspuren auf Anschlag laufen, was gerade bei den Höhepunkten zu unangenehmem Soundbrei führt. Waren die Loudness Wars nicht vorbei?

Der nächste Stilwechsel schafft Abhilfe, wenn "Lovers" mit pumpendem Deep House durch die Nacht prescht. Hier passt die Produktion besser, da das Klangbild deutlich minimalistischer ausfällt. Der Song kommt einem Sprung ins tiefe, kalte Wasser gleich und liefert die Erklärung gleich mit, warum Burial Stranges liebster Electro-Musiker ist. Ein spätes Highlight steht mit dem leicht angejazzten "Loop Defenders" an, das zunächst mit einer Rap-Einlage Roots-Vibes versprüht und im Anschluss in einer Indierock-Explosion völlig die Fassung verliert. Strange verpackt hier Genrevielfalt für eine ganze Karriere in einen einzigen Song und reißt in jedem Bereich so ab, dass man den Mic Drop am Ende der Session wohl im ganzen Bundesstaat gehört haben muss.

"Backseat Banton", das man locker in die Rotation einer Classic Rock-Radiostation schmuggeln könnte, schließt das Album mit spritzigem Barpiano und Pomp-Refrain. Hier liegen Gefühl und große Melodien so nah beieinander, dass der Wunsch nach einer gemeinsamen Tour mit The War On Drugs aufkommt. Nach so einem Gig wären wohl keine Endorphine mehr übrig. "Horror" möchte nicht erschrecken, es begegnet dem Grauen vielmehr mit Schönheit, Kraft und unbändiger Ideenfreude.

Trackliste

  1. 1. Too Much
  2. 2. Hit It Quit It
  3. 3. Sober
  4. 4. Baltimore
  5. 5. Lie 95
  6. 6. Wants Needs
  7. 7. Lovers
  8. 8. Doomsday Buttercup
  9. 9. 17
  10. 10. Loop Defenders
  11. 11. Norf Gun
  12. 12. Backseat Banton

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