laut.de-Kritik
Im Rausch der Freiheit.
Review von Jan HassenpflugWürde man dieses Album ohne Kontext für sich sprechen lassen, ließe es sich halbwegs unspektakulär als logische Fortsetzung des etablierten Stils der Band aus Columbus, Ohio abstempeln. Aber machen wir uns nichts vor. Eine tiefere Bedeutung entfaltet "Pure Ecstasy" aufgrund der jüngsten Geschichte des Beartooth-Protagonisten Caleb Shomo. Über allem schwebt – oder besser gesagt: In jedem Schrei und in jeder Liedzeile steckt der Mut, mit dem sich der Frontmann über die Grenzen einer lange Zeit eher heteronormativ geprägten Szene hinweggesetzt und vor allem sein Leben komplett auf links gedreht hat.
Im Mai 2026 wendet sich Shomo mit den Worten "I am a proudly gay man" an seine Fans. Was Freunde und Familie schon länger wissen, erreicht nun die Öffentlichkeit und sorgt für Schlagzeilen. Schließlich gibt es im Metalcore nur wenige prominente Outings – und vor allem wenige Menschen, deren öffentliches und privates Leben so stark von einer zuvor gelebten Hetero-Identität geprägt war. Höchste Zeit also, ein Ausrufezeichen zu setzen. Klar, dass genau diese Aufbruchsstimmung musikalisch einfließt. Eine solche Geschichte muss erzählt, eine solche Bürde will verarbeitet werden.
Sperrig, verzerrt und beklemmend windet sich der Titeltrack aus den gesellschaftlichen Zwängen. Was im Songwriting seit jeher als bewährtes Stilmittel gilt, wird hier auch auf der Metaebene konsequent gelebt: Der Chorus wird zum befreienden Höhepunkt. Gewohnt eingängig groovt sich "Eyes Closed" dann warm und versprüht hingebungsvolle Leichtigkeit. Erst der scheppernde Breakdown bringt Wut und Härte zurück.
Oft sind es kleine Anspielungen, die Themenkomplexe wie Selbstliebe, Akzeptanz oder den Wunsch nach Freiheit aufgreifen. Doch der Weg zur authentischen Identität ist gepflastert mit Selbstzweifeln und Ängsten – samt der viel zu oft naheliegenden Flucht in Alkohol- oder Drogenexzesse. Und dies besonders dann, wenn die eigene Orientierung als Last für sich und andere empfunden wird: "Why would I love this part of me? Only been fucking up everything."
Es braucht mehr als die Hoffnung auf ein Happy End, um sich am Ende "Beautiful Again" zu fühlen. Wahrscheinlich auch, weil der Track genau diesen inneren Kampf so sehr lebt, verkörpert er die Hit-Single der Platte. Hier steckt jede Menge Identifikationspotenzial drin.
Überhaupt bietet die Trackliste genügend Abwechslung zwischen poppigem Vorwärtsdrang, Stadionchören ("Stadiums") und wütender Metalcore-Attitüde, wie sie zum Beispiel in "You" nach außen dringt. Ersteres nimmt dabei deutlich mehr Raum ein. Das melancholisch startende "Free" lässt sich als Paradebeispiel nennen: Warme Gitarre trifft auf nachdenkliche Gesangspassagen, bis der verzerrte Befreiungschlag frische Energie tankt und das Glück kaum zu fassen ist. "Could it be? I'm free!" Am Ende stehen Zuversicht und Überzeugung: "There's nobody else, I'd rather be." Ein paar experimentelle Samples vorausgeschickt, lässt "Sorry" in all seiner Vehemenz erst gar keine Zweifel am eingeschlagenen Kurs aufkommen. "I'll never be sorry"
Wie eigentlich bei jedem Beartooth-Album lässt sich auch diesmal trefflich über die Produktion streiten. Besonders die auf Wumms ausgelegten Versatzstücke machen einen kratzigen Eindruck. Für den Punk im Geiste eine nette Geste, und für Fans wahrscheinlich ein Grund mehr, der Band ungeschliffene Emotionen zuzutrauen.
Die stärksten Augenblicke zeichnen sich aber doch im zurückhaltenden Setting ab. Denn hier gibt es musikalisch auch neue Facetten zu entdecken. Mit Highschool-Riff, 80er-Beat und einer sommerlichen Highway-Melancholie trifft "Lose You To Find Me" das zuversichtliche Gefühl von Neuanfang und Selbstfindung geradezu perfekt. Vielleicht der schönste Chorus der Platte?
Weiter vor wagt sich nur "I Made It", das sich noch offener in ein 80er-Soundgewand hüllt. Die Synthies machen den Eindruck komplett. Diesmal wartet auch kein eingerahmter Chorus am Ende des Regenbogens, sondern vielmehr ein lässiges Aufbegehren im Hawaihemd. Die verzerrten Gitarren dienen nur noch dazu, die eigene Erzählung zu unterstreichen und die wichtigste Errungenschaft nochmal Revue passieren zu lassen: Am Ende steht die Freiheit. Und darauf lässt sich mit Stolz blicken!


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