laut.de-Kritik
Cloud Raps Sankt Georg kämpft gegen Dämonen.
Review von Sibel TayçimenNach zahlreichen Veröffentlichungen mit unterschiedlichen Produzenten kehrt Bladee auf "Sulfur Surfer" mit dem Producer Whitearmor wieder zu jenen schwebenden, ätherischen Soundlandschaften zurück, die ihn und sein Kollektiv Drain Gang zu den Vorreitern der europäischen Variante des Cloud Rap gemacht haben. Whitearmor kombiniert auf Sulfur Surfer Elemente von Cloud Rap, New Age und Folk, und Bladee schreckt nicht davor zurück, seine Vocals zwischen engelsgleichem Chorgesang und tiefen, gutturalen Black Metal-Anklängen changieren zu lassen. Es ist sein achtes Soloalbum, das rund eine Dekade nach seinem Debüt "Eversince" erscheint.
Auf "Versailles Flow", einem der stärksten Songs des Albums, rappt Bladee mit souveränem Flow über Whitearmors wabernde Beats. Verzerrte Stimmen und Adlibs hallen durch den Mix, der Song wirkt leicht verhext, nicht zuletzt aufgrund des Samples des Electronica-Duos ISAN mit dem Titel "Remegio". Der Verweis auf Versailles deutet auf eine Oberfläche des Glanzes und Prunks, unter der der Zusammenbruch nur wartet.
Auch das farbintensive Albumcover wirkt in seiner Bildsprache überladen. Im Hintergrund erstreckt sich eine chaotische, für die Drain Gang typische Collage aus digitalen Kritzeleien und übereinander geschichteten Symbolen, Bildern und Schriftzügen. Eine Actionfigur-artige Gestalt mit Odin-Amulett um den Hals, die mit ihren langen braunen Haaren Bladee ähnelt, blickt nach vorne, mit ausgestreckter Hand, auf und hinter der sich schwefelgelbe Kristalle befinden, gerahmt von purpurfarbenem Glow. Die Figur steht in Badehose auf einem Surfbrett, auf dem sich ein mittig platziertes Om-Zeichen erkennen lässt. Die visuell angedeutete synkretistische Arbeitsweise, die unterschiedliche spirituelle und mystische Symbole miteinander verbindet und für Bladees Werk charakteristisch ist, bleibt auf "Sulfur Surfer" erhalten.
Man wundert sich, wie Reviews zu diesem Album auskommen, ohne auch nur einmal den Heiligen Georg zu erwähnen. Dabei steht der Drachentöter längst nicht mehr am Rand von Bladees Kosmos, sondern ist seit "The Fool" von 2021 eine wiederkehrende Figur in seinen Musikprojekten. Auf "Highland Tyrant" beschwört Bladee Sankt Georg über einem schnellen Beat und identifiziert sich mit ihm. Der Kampf mit den Drachen wird zum Kampf gegen innere Dämonen, Depressionen und Zweifel. Überhaupt arbeitet das Album weniger mit klaren Aussagen als mit bereits in der jüngeren Diskografie eingeführten Symbolen: Engel, Sterne, Schwerter, Drachen und Zahlen tauchen immer wieder auf.
Auch im Opener "Sulfur Surfer" wird deutlich: Es geht hier um Bewegung, um das Navigieren durch unterschiedliche (Geistes-)Zustände. Bladee überhöht sich selbst als "upholder of divine law" und referiert über Dichotomien, die das Album durchziehen: Leben und Tod, Ekstase und Wahn, Gut und Böse. Schwefel bleibt dabei das zentrale Symbol: Er kommt immer wieder vor, ohne dass Bladee das Konzept je erläutert.
Der zweite Höhepunkt folgt mit "Killswitch". Über einen treibenden Beat liefert Bladee eine solide Rap-Performance, die Selbstreflexion mit selbstreferentiellen Rückgriffen auf frühere Songs verbindet und um die Frage kreist, ob Veränderung überhaupt möglich ist. Motive von Erschöpfung, Manie und Selbstzweifeln münden schließlich in dem Wunsch nach Transzendenz: "Let's not dance, walk into the light."
Dass der Pionier des Neofolks, David Tibet von Current 93, der einzige Feature-Gast des Albums ist, wirkt folgerichtig. Auf "Fox & Birch" entsteht mit Tibets Beitrag im Outro eine traumartige, rätselhafte Atmosphäre, die eher an eine uralte überlieferte Legende als an einen zeitgenössischen Rap-Song erinnert, nicht zuletzt auch wegen der mittelalterlich anmutenden Melodie, die in der zweiten Hälfte des Songs einsetzt. David Tibet wirkt in der Tat wie ein künstlerischer Verwandter Bladees: Beide eint die Faszination für Mystik und religiöse Symbolik.
"Under My Umbrella" zeigt dagegen einen Bladee, der vielen Hörer:innen vertraut ist. Die Bars fließen mühelos über die Produktion, der kleine melodische Refrain bleibt sofort hängen. Gleichzeitig gehört der Song zu den persönlichsten Momenten der Platte, er reflektiert über Musik, seine Hörerschaft und sich selbst: "This music shit just like a strip club, get up and work it / I wanna give you everything, but you don't deserve it / These motherfuckers meddling make me wanna murder / I put the shield all on my back like a ninja turtle."
Doch das Album zeigt Bladee auch von seiner funny Seite beim Flexen und Boasten und seinem Spiel mit Referenzen, das seit Jahren seine Texte prägt. Etwa auf der brummenden Produktion "Durins Bane", das problemlos auch auf dem Vorgänger Platz gefunden hätte, wenn Bladee unter anderem Balrogs aus "Der Herr der Ringe", den Terminator, den Prinzen von Bel-Air, Cerealien und den verstorbenen Bodybuilder Zyzz nennt.
Den emotionalen Schlusspunkt setzt "Scab", ein otherworldly klingender Song, der ohne Rap-Anteile auskommt. Er wirkt wie eine Rückschau auf mehr als zehn Jahre künstlerischen Schaffens. Das Bild des Schorfs, der geheilten Wunde, wird zur zentralen Metapher. Anders als "Cold Visions" endet "Sulfur Surfer" nicht in Hoffnungslosigkeit. Im Outro sucht Bladee viel mehr mit ruhiger Stimme nach der Kraft zum Weitermachen. Darin liegt die eigentliche Aussage des Albums: Bladee schreibt weiter am Archiv des Cloud Rap, das er wie kein anderer Rapper in über zehn Jahren Arbeit mitgestaltet und an seine Grenzen getrieben hat, sowohl textlich als auch klanglich.


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AOTY