laut.de-Kritik
Der vertraute Schwung ist wieder da.
Review von Jasmin LützOk, jetzt greifen wir noch mal ganz tief in die Erinnerungskiste. 2002 fand die Popkomm noch in Köln statt, aber in der Branche kriselte es. Nicht nur die zahlreichen Umzüge in die Hauptstadt verärgerte die Musikszene, auch der massive Einbruch der Verkaufszahlen von CDs. Illegale Kopien waren nicht mehr aufzuhalten. Um so mehr musste man die Indie-Szene und Bands, die nicht die Charts beherrschten, ordentlich unterstützen. Und davon gab es einige. 2002 war das Jahr, in dem man so tolle Bands wie Broken Social Scene (BSS) entdeckte und ihr zweites Album You Forgot It In People für immer ins Herz schloss. Auch die fantastischen Live-Events bleiben in guter Erinnerung.
Jetzt ist das kanadische Pop-Rock-Kollektiv zurück, und der Albumtitel lässt bereits eine tiefe Sehnsucht vermuten. "Remember The Humans" steht für Zusammenhalt und ist prallgefüllt mit melancholischer Zuversicht. Das erklingt schon mit der Eröffnungs-Bläser-Hymne "Not Around Anymore".
Musikalische Hoffnungsträger sind dabei Kevin Drew und Brendan Canning, die Gründer von Broken Social Scene, die die Truppe immer wieder zusammen bringen. Und das ist nicht so einfach bei so vielen Leuten. Die einen ziehen sich zurück, um Familien zu gründen oder um sich anderen Karrieren zu widmen.
Es ist dieser lässige Sound, der sofort anspricht. Melodische Gitarren, aufbrausende Bläser und harmonische Gesänge. Die gute Mischung aus Indiepop, Indierock, Folk und Singer-Songwriter-Glanz. Das kann auch mal chaotisch klingen, aber lieber hört man noch ein Rascheln im Hintergrund als irgendeine ausgefeilte Über-Produktion. Dafür sorgt Produzent David Newfeld, der war bereits an dem Durchbruch mit You Forgot It in People beteiligt und beim selbstbetitelten Album "Broken Social Scene" aus dem Jahr 2005. Über 20 Jahre später steht er wieder für "Remember The Humans" an der Seite des Kollektivs.
Das Wiedersehen von Kevin Drew und David Newfeld bestand nicht nur in der harmonischen Zusammenarbeit an den neuen Songs, sondern sie verarbeiteten beide auch den Verlust ihrer Mütter. Eine emotionale Verbindung, die der Hörer sofort mit Titeln wie "And I Think Of You" wahrnimmt. Dabei fällt man aber nicht in ein trostloses Loch, sondern lässt sich auf die Emotionen ein. Der vertraute Schwung ist wieder da! Und niemand spielt sich in den Vordergrund. Alle finden Platz in ihren Positionen, und so bereichern auch BSS-Debütantin Hannah Georgas ("Only The Good I Keep"), Lisa Lobsinger ("Relief") und Feist ("What Happends Now") mit voller Leidenschaft die neuen Songs.
"Remember The Humans" ist ein Gemeinschaftswerk von und mit vielen Leuten und Arrangements. Bläser, grooviger Bass, mehrstimmiger Gesang und jede Menge Zeit, um sich besser zu fühlen. Dieses Kollektiv versprüht weiterhin seinen frischen Optimus und das verdanken sie auch ihrem Produzenten Newfeld. Bei "The Call" lässt man sofort alles stehen und liegen. Das ist der Song, den man immer wieder in der Plattenküche laut anspielt. Diese Lieder klingen vertraut und mit dieser Musik musst du keinen fremden Baum mehr umarmen. "Relief" sorgt für schnellere Akkorde und steckt mit kraftvollen Moves an. Dieser positive Vibe erinnert an Bands, wie I'm From Barcelona, Bran Van 300 oder Stars, dem anderen kanadischen Kollektiv auf City Slang.
Broken Social Scene sorgen nicht nur für Tanzeinheiten, sondern spielen auch viele ruhige Momente ein. Auf beschwingte Melodien folgen entschleunigte Synthie-Klang-Dramen mit jazzigen Momenten ("The Briefest Kiss"), die aber weiterhin für Aufmerksamkeit sorgen. Zeit lassen sie sich sowieso immer, auch mit der Veröffentlichung von Platten. Das vorherige Album Hug Of Thunder erschien 2017.
"Parking Lot Dreams" ist der krönende Abschluss von "Remember The Humans". Eine akustische, intime Klangschönheit mit atmosphärischen Streichern. Die Menschheit ist noch nicht verloren, wenn es Bands wie Broken Social Scene gibt. Und jetzt freuen wir uns auf ein Wiedersehen vor der Bühne.


2 Kommentare
huch! die gibts noch? oder wieder? egal, wird gehört
Eine ganz wunderbare Platte.