laut.de-Kritik

Uralte Anekdoten in kafkaesken Arrangements.

Review von

Indigo ist diese Farbe, die wie keine andere sinnbildlich für Melancholie steht, für Tiefe und für geschmackvolle Zwischentöne. Im "Indigo Park" des Bruce Hornsby lässt sich flanieren, auf mancher Parkbank der Moment zelebrieren und die Zeit anhalten. Schnell biegt man dabei auf den Weg zum Palast der Erinnerungen, "Memory Palace", ein, wo vergessene Träume "clean and shaped", rein und geformt erscheinen, sogar "Erinnerungen an die Zukunft" wachgekitzelt werden.

Hier trifft Hornsbys Synkopen-Rhythmik auf ein Best Of aus seiner altgedienten Art des Americana-Storytelling und der experimentelleren Dissonanzmusik der letzten Jahre und Alben, angereichert mit bunten Streicher-Akzenten. Gast Ezra Koenig von Vampire Weekend fällt in dieser Eklektik gar nicht weiter auf.

Auf der LP findet sich ein Sammelsurium aus Tönen, die wie Schrabben übers Waschbrett wirken, aufgeregten Pizzicati, aus denen sich ein dichter Sound-Dschungel formt, sowie eine etwas längliche und detailreich getextete Pianoballade, "Silhouette Shadows", in der Hornsby auf das tödliche Attentat auf John F. Kennedy und auf den sehr umstrittenen US-Präsidenten Nixon anspielt (Watergate-Skandal, Vietnamkrieg). Ein roter Faden lässt sich weder musikalisch noch lyrisch erkennen: Man hat es mit einer losen Track-Sammlung zu tun, die mit Abwechslungsreichtum punktet.

Pulsierende Plug-In-Schleifen, mehr Dramatik, aber auch südafrikanische Bezüge offeriert "Ecstatic ft. Bonnie Raitt". Raitt fungiert mit ihrer Country-Stimmfarbe als Background-Stimme, die der exotischen Mixtur und dem laut Liedtext "mystery everywhere" etwas rustikalen US-Südstaaten-Vibe einhaucht. Apropos Südstaaten - "Alabama" bekommt hier einen eigenen Song gewidmet. Es sei der Staat, in dem Adler im Chor ums Feuer sitzend sängen - während Bruce ein Banjo auf seinen Knien hat und sich nach Freiheit auf der ganzen Welt sehnt.

Um verspulte Metaphern, wilde Assoziationen, kaum übersetzbare Gedankensprünge geht es in der tieferen Textur hier öfter: Man könne dieselben Zähne nicht zwei Mal ausschlagen. Der Ich-Erzähler streife durch eine "special dollar beach-room girly-book-bar". Teils dominieren clashender Silbenklang und Anspielung, "Mister Concupiscence is tumescent to the touch (...) my Brobdingnagian friend", nachzuschlagen in der Literaturgeschichte bei Jonathan Swift, oder mit Wortspielen wie "solutions" (Lösungen) versus "dissolution" (Auflösung). Untergangsszenarien von Chaos, Kollaps, Zer- und Verfall ("disorder", "decay", "decline", "collapse", "date of his expiration") zeichnen das Geschehen. Tropfendes kochendes Wasser und schmelzendes Eis spielen im Harmonien quer bürstenden "Entropy Here (Rust In Peace)" die Hauptrollen.

Selbst wenn man nur nebenbei auf die Sprache achtet, fallen Fremdwörter auf. Hört man dann genauer hin, entstammen viele einem mathematischen, chemischen oder physikalischen Kontext. Ein Mathematiker, Fibonacci, wird direkt genannt.

"Take A Light Strain" enthält immerhin mal eine mitsummbare und erkennbare Hookline. Das einzige, das sonst noch halbwegs einen eingängigen Eindruck mit catchy Melodie macht, ist der Opener und zugleich Titelsong, "Indigo Park". Das Stück kreist um eine Party im Indigo Park-Pool in seiner Heimatstadt in Virginia, zu Bruces Schulzeiten, 1971. Ein Klassenkamerad namens Carter Braxton Navarro Finn habe ihn zum Sprung ins kalte Kimberlit-diamantblaue Nass animiert, so scheint es. Carter Braxton wiederum hieß ein Sklavenhalter und Abgeordneter, der für die Gründung von Hornsbys Heimatstaat Virginia maßgeblich war. Navarro steht paradox für die in Reservate abgedrängten Navajo-'Indianer'.

Der 71-jährige Berklee-Absolvent, geschulte Jazzer (einschließlich Jazz-Impro in "Alabama"), Soundtrack-Gestalter und Loops-Liebhaber blättert hier im persönlichen Tagebuch seines Lebens. Er verpackt uralte Anekdoten und Begebenheiten in kleidsame, wenngleich meist schräge, kafkaeske Arrangements. Die Plattenfirma fasst das alles treffend in einem Satz zusammen: "Er bedient sich Absurdismus, veränderten Dominantakkorden, literarischen Referenzen, Melodien mit großen Intervallsprüngen, Wechseln von Takt und Textur, (...) tiefgründigen Metaphern, die alle zu einer multidimensionalen Untersuchung der Art und Weise, wie wir uns erinnern und wie wir vergessen, verschmelzen."

Trackliste

  1. 1. Indigo Park
  2. 2. Memory Palace ft. Ezra Koenig
  3. 3. Entropy Here (Rust In Peace)
  4. 4. Silhouette Shadows
  5. 5. Ecstatic ft. Bonnie Raitt
  6. 6. Alabama
  7. 7. North Dakota Slate Roof
  8. 8. Sliver Of Time
  9. 9. Might As Well Be Me, Florinda ft. Bob Weir + Blake Mills
  10. 10. Take A Light Strain

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