laut.de-Kritik
Die Magie der 80er und 90er ist einfach nicht mehr da.
Review von Malte SchierenbergWas macht ein Weltstar, der in seiner inzwischen über 40-jährigen Karriere an die 100 Millionen Tonträger verkauft hat? Der bereits 15 Langspieler für die großen Labels um den Globus geschickt, zig Welttourneen hinter sich gebracht und sich zudem ein zweites Standbein als ausgezeichneter Fotograf aufgebaut hat? Er befreit sich von allen Verpflichtungen, gründet sein eigenes Label (bezeichnenderweise namens Bad Records), versammelt seinen alten Mitstreiter Robert "Mutt" Lange um sich, um endlich selbst entscheiden zu können, was er machen möchte. Dumm nur, wenn dabei fast ausschließlich Belangloses entsteht. Vielleicht hätte man doch den einen oder anderen mehr beteiligen sollen?
Das Album steigt kräftig ein: Wummernde und schreiende Gitarren schaffen im Intro des Titeltracks "Roll With The Punches" die Erwartung auf etwas Großes und vor allem unerwartet Hartes. Doch leider verlässt Adams der Mut nach dem Intro und so verfällt er in beliebigen Poser-Rock, der bereits hundertmal gehörte Durchhalteparolen im Sinne des Stehaufmännchens verbreitet, aber zumindest in sich konsistent ist. Dass dies bereits einer von zwei kleinen Höhepunkten des Albums ist, weiß man hier noch nicht.
Ungläubig reibt man sich kurze Zeit später die Ohren: Adams, ohnehin nicht im Verdacht stehend ein großartiger Lyriker zu sein, reimt sich in "Never Ever Let You Go" auf VHS-Fremdsprachenkurs-Niveau um Kopf und Kragen "Somehow, someway / always let your feelings show / no how, no way / they grow and grow and grow". Zugegeben, auch bei den Welterfolgen wie z.B. "(Everything I do) I Do It For You" oder "Heaven" waren es nicht die tiefgründigen Texte, die einen faszinierten, sondern die großen, eingängigen Melodien, die einen über eben diese hinwegsehen ließen. Aber hier rettet ihn nichts, die uninspirierte Musik aus dem Kirmesmusik-Baukasten verstärkt den schmerzenden Effekt sogar noch.
Wie schon zuvor bei "Wake Up Your Mind" vergibt Adams in "A Little More Understanding" Lebenstipps, die ja allesamt nicht falsch sind, aber kontextlos und plump auf Plattitüden-Niveau verbleiben. Auch wenn der Song zumindest solide groovt, langweilt man sich bei der dargebotenen Beliebigkeit schon beim ersten Hören. Zu allem Überfluss will auf diesem Album auch sein Brot- und Buttergeschäft wie die Balladen "Life Is Beautiful", "Two Arms To Hold You" oder "Will We Ever Be Friends Again" so gar nicht funktionieren, zu schwurbelig, zu glitschig, zu egal.
Eine erfrischende Abwechslung und das kleine Highlight des Albums stellt das kuschelig-folkige "Love Is Stronger Than Hate" dar, bei dem mit der Kriegsveteranen-Geschichte tatsächlich einmal so etwas wie textliche Tiefe entsteht. Ohnehin ein Thema, das Adams umtreibt, wie sein Bildband mit Kriegsversehrten zeigt. Auffällig ist auch "How's That Workin' For Ya?" mit seinem leicht schrägen Riff und einem kleinen The Beatles - "Come together"-Moment, auch wenn der Song sonst ein eher durchschnittlicher Rock'n'Roller bleibt.
Wie dieses Werk waren bereits auch die beiden Vorgänger-Alben "So Happy It Hurts" und "Shine A Light" vor allem von Bedeutungslosigkeit geprägt. Im Grunde genommen ist Adams seit den späten 90ern nicht mehr viel Neues eingefallen. Was schade ist, denn seine Stimme ist auch mit 65 Jahren noch immer frisch und präsent, wie nicht nur die Live-Aufnahmen aus der Royal Albert Hall aus 2024 eindrucksvoll zeigen. Aber die Magie der großen Melodien der 80er und frühen 90er ist nun einfach nicht mehr da. Die Selbstbesinnung hat da auch keine Lösung gebracht, so dass man dieses Album als weiteres schleichendes Auslaufen einer großen Karriere sehen muss. Bleibt's dabei, oder kann sich Adams doch noch einmal aufraffen, sich von neuen Leuten ehrliche Meinung einholen und sich noch einmal neu erfinden?
2 Kommentare
Magie der 90er? Der Bryan hatte mit Cuts Like A Knife und Reckless zwei richtig gute Alben, danach kam Mittelmaß bis Schrott. Erinnert sich noch wer an "All For Love" oder "Have You Ever Loved A Woman"?
Das Zusammengehen mit Mutt Lange machte ihn auch nicht zu AC/DC oder Def Leopard - eher zu einer männlichen Shania Twain, überlange Songtitel mit ? oder ! imclusive.
Auch wenn mich bis auf 1-2 Songs seine Musik nicht die Bohne interessiert...das Album-Cover ist richtig gut.