laut.de-Kritik
Ein seltsam abgedämpfter Klon.
Review von Ben SchiwekWar das wirklich nötig? Das ist die Frage, die wohl am häufigsten aufkommt, wenn Bands ihre alten Alben Jahre später noch mal neu aufnehmen. In einigen Fällen lautet die Antwort: "Nein." In manchen Fällen sogar: "Nein! Und was zur Hölle soll das hier sein?" Es grüßt Roger Waters' "Dark Side Of The Moon Redux" zum 50. Albumjubiläum. Wenn man aber mal ein positives Beispiel herausheben will für eine Band, die mit so einer Neuaufnahme einen Volltreffer gelandet hat, seien Car Seat Headrest genannt. Nicht mit "Teen Of Denial: Joe's Story". Sondern mit "Twin Fantasy".
Das 2011er-Original von "Twin Fantasy" war ein brillantes, aber limitiert umgesetztes Album, das Will Toledo damals noch komplett alleine im College schrieb und aufnahm. Dementsprechend lo-fi klang es. Also nahm Toledo es sieben Jahre später noch mal neu auf, nun mit einer ganzen Band, größeren Arrangements, besserer Produktion und dem Label Matador im Rücken. So wurde aus dem einstigen Bandcamp-Geheimtipp ein wahrer, moderner Indie-Klassiker, der die Genialität und pure Emotion der Songs deutlicher strahlen ließ.
"Teens Of Denial" ist ein etwas anderer Fall. Vor genau zehn Jahren veröffentlicht, brachte es Will Toledo den Durchbruch in die größere Indie-Welt, den er immer verdient hatte. Es war (wenn man von der Compilation "Teens Of Style" absieht) das erste Album von Car Seat Headrest als feste Band und das erste auf einem Label. Nun, da Toledo endlich die Mittel hatte, die er lange entbehren musste, konnte er seine Ideen gebührend umsetzen, und deswegen kam "Teens Of Denial" auch so gut an. Es war endlos zitierwürdig, endlos jugendlich, es war catchy und ausufernd zugleich geschrieben; und der Produktionsstil unterstützte sowohl die rohen Emotionen als auch die komplexeren Kompositionen. Bissige Gitarren, ab und an verzerrter Gesang, mal schöne Tiefs mit Klavier und Akustikgitarren, dann Höhepunkte mit Bläsern und vielen Gesangsspuren. Dieses Album klang genau richtig. Eine Neuaufnahme war überhaupt nicht nötig.
Mit dem Sound des Originals scheint Will Toledo auch kein grundlegendes Problem zu haben, er verändert nämlich nur Details daran. Instrumente und Gesang wurden noch mal neu aufgenommen, aber mit dem gleichen Equipment, dem gleichen Produzenten (Steve Fisk) und dem gleichen Stil – mehr dazu später. Die grundlegende Veränderung, die Toledo umsetzen möchte, ist eher eine textliche.
"Teens Of Denial" war keine Rock-Oper. Es behandelte viele Themen des Heranwachsens, aber es hatte keine narrative Struktur. Der Name Joe, der in manchen Songtiteln auftaucht, war kein Charakter, sondern eher ein Platzhalter fürs lyrische Ich der Songs, in Anlehnung daran, wie Daniel Johnston den Namen verwendet hatte. Will Toledo merkt beim Hören von "Teens Of Denial" im Jahr 2026 aber, dass das Album wie eine nie beabsichtigte, aber erstaunlich schlüssige Geschichte verläuft – "als hätte ich beim Graben in meinem eigenen Garten das Fundament einer antiken Stadt entdeckt". Daher will er mit "Teen Of Denial: Joe's Story" nun die Geschichte von Joe als Figur erzählen. Wir begleiten ihn auf seiner Reise vom verunsicherten Teenager, der zunehmend in Drogen und angestauter Wut abtaucht, sich von seiner Familie und Freunden isoliert, zum Schluss aber erkennt, dass er noch mal von neu anfangen und ein richtiges Verständnis von Liebe lernen kann.
Um das umzusetzen, werfen Car Seat Headrest zwei Songs komplett raus und fügen zwei neue Songs ein, die besser ins Narrativ passen. Verkraftbar, so sind die verlorenen "Not What I Needed" und "Unforgiving Girl" zwar gut, aber nicht die essenziellsten Highlights des Original-Albums. Die sie nun ersetzenden neuen Songs sind auch nicht verkehrt: "Optimistic Son" beleuchtet Joes Familiendynamik und enthält einen starken Endteil mit Gitarrensolo, Klimax und der Energie einer sehr gut eingespielten Band. "Joe Drives Again" ist ein Ohrwurm, in seiner Springsteen-Artigkeit klingt er aber schon mehr nach Car Seat Headrests aktueller "The Scholars"-Ära.
An den Texten der meisten Songs verändert Will Toledo recht wenig. Teilweise sind nur ein paar Wörter angepasst, um besser zu Joes Geschichte zu passen. Dabei zensiert er auch alle Schimpfwörter – wofür Toledo sicher persönliche Gründe haben wird, dennoch stößt es hier mitunter sauer auf. In "Cosmic Hero" ist es noch okay, in anderen Songs klingt es geradezu dämlich, vor allem wenn man das Original kennt. "Destroyed By Hippie Powers" etwa ändert "I killed that fucker" zu "I killed his brother", was inhaltlich etwas komplett anderes ist und in der Bedeutung des Songs wenig Sinn ergibt. Eigentlich schrieb Toledo hier über Desillusion von der eigenen Person; davon, sein eigenes früheres Ich umzubringen. Was soll der Bruder hier? Selbst wenn das ein Plotpoint in der Geschichte ist, wird sie nicht ausreichend im späteren Verlauf erklärt.
Songs wie "Drugs With Friends" wirkten doch gerade wegen dieser trocken wiedergegebenen Vulgarität so packend und authentisch. Aus "I just felt like a walking piece of shit" jetzt "I just felt like a dying alien" zu machen, klingt awkward. Musik muss weiß Gott nicht explizit sein. Aber ist es nicht auch ein Teil des Teenagerseins, vulgäre Sprache in Hoffnung auf Katharsis oder eine Prise Rebellion zu nutzen?
Die sinnvollste textliche Änderung macht "The Ravenous House", was im Original noch "The Ballad Of The Costa Concordia" war. Bis auf einen Abschnitt sind die Lyrics dieses Mal ganz anders – und siehe da, es funktioniert. Will Toledo nimmt sich Zeit, Joes Gedanken passend zu seiner Geschichte und seiner Person darzulegen. Der Nervenzusammenbruch und die Erkenntnis, wie er an diesem Punkt angelangt ist, gerät im Mittelteil des Songs zum emotionalen Höhepunkt des Albums. Wieder führt uns Will Toledo vor Augen, wie wunderbar er Geschichten erzählen und die zerrüttete Psyche sprachlich illustrieren kann. Hätten doch mehr Songs sich getraut, mehr am Original zu verändern und eine wirklich grundlegend andere Geschichte zu erzählen! So aber wirken die Songs mit den minimalen Veränderungen einfach komisch.
Das gilt auch für den Sound. Während Car Seat Headrest aus "Twin Fantasy" ein viel größeres Bild schufen, klingt "Teen Of Denial: Joe's Story" so, als wollten sie ja nichts kaputt machen – was im Umkehrschluss hauptsächlich einen schlechteren Mix zur Folge hat. Manche Instrumente klingen nun etwas klarer und breiter, es kommen auch mal ein paar mehr Bläser dazu. Im langen Intro von "Vincent" funktioniert das gut, um eine Live-Band-Atmosphäre aufzubauen. Schlimm hat es aber das Schlagzeug getroffen, das nun trocken, komprimiert und vor allem sacklaut ist. In "Fill In The Blank" hört man am deutlichsten, wie es die Gitarren durch schiere Lautstärke erdrückt. So fehlt den härteren Songs ("1937 State Park") und emotionalen Höhepunkten ("Drunk Drivers/Killer Whales") nun der Druck und die Dynamik.
Toledos Gesangsperformances sind in Ordnung, aber erreichen nicht die emotionale Authentizität des Originals – was jemandem, der das 2016er-Album noch nie gehört hat, nicht negativ auffallen wird. Aber für alle, die es kennen, klingen die Songs schwächer und nachgespielt. Und das ist das Hauptproblem an "Teen Of Denial: Joe's Story": Es ändert zu wenig und wirkt dadurch geradezu uncanny. Entweder man traut sich, etwas Grundlegendes am Original zu ändern, oder man lässt das Album einfach so, wie es war. Songs aber durch kleine Details in einen neuen Lore-Rahmen zu pressen, verkrampft sie nur.
Toledos Erklärung zum Album ist aufschlussreich: "Irgendwann im letzten Jahr wurde mir vorgeschlagen, etwas zum zehnjährigen Jubiläum von "Teens of Denial" zu machen. Also begann ich, auf dieses Album zurückzublicken, um zu sehen, was wir machen könnten." Es wurde ihm vorgeschlagen? Er kam also nicht selbst auf die Idee, dass da irgendetwas nötig wäre, und musste erstmal schauen, was man daraus Neues machen könnte? "Obwohl einige der Songs im letzten Jahrzehnt fester Bestandteil meines Lebens waren, war es kein Album, über das ich als Ganzes viel nachgedacht hatte, seit es erschienen ist." Vielleicht, weil es gut so ist, wie es ist? Wenn ihn nichts am Album plagt, das schon immer anders sein sollte, muss man ja nicht versuchen, es herauszukitzeln.
Viele Fans zerreißen das Remake nun vollends, was auch übertrieben ist. Natürlich ist das nicht kompletter Müll und es zerstört "Teens Of Denial" nicht. Die neuen Kompositionen und "The Ravenous House" bringen interessanten Mehrwert und sind gut geschrieben. Auch die restlichen Tracks behalten größtenteils die gleichen Qualitäten wie zuvor. Neueinsteiger:innen finden hier immer noch ein tolles Album, das sie von Car Seat Headrests Handschrift begeistern kann. Aber es ist doch ein seltsam abgedämpfter Klon.


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