laut.de-Kritik

Jeder erwartete ein Hardcore-Album, es kam ein Punk-Nukleus.

Review von

Als "Rohnert Park" erschien, waren Ceremony schon eine richtige Nummer im Hardcore-Game. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt mit Converge und A.F.I. getourt, ihre ersten beiden Alben sind bis heute strahlende Klassiker des Genres. Album Nummer drei erschien als letztes bei den Post-Hardcore-Spezialisten Bridge 9 auf der anderen Seite der USA – jeder erwartete ein Hardcore-Album. "Rohnert Part" ist aber Punk.

Punk war für mich eine große Unbekannte – mit großer Anti-Einstellung in der bayerischen Provinz trug ich sogar mal Iro, aber Punk hatte mich nie in die Finger bekommen. Die Tony Hawk-Soundtracks waren nicht schlecht, aber zu spaßig, nicht wütend genug, und diese Art von Titus-Skatertum erkannten sogar wir Waldaffen intuitiv als uncool. Von der Band der Stunde Sum 41 gefiel nur manches, der Wirt meiner (bis heute) Lieblingskneipe ist der Sänger von Abgestorbene Gehirnhälften, einer Art-Untergrund-Dada-Punkband, Deutschpunk viel zu peinlich (Pisse und Team Scheisse waren noch Spermien) und die alten Ami-Sachen irgendwie abgestanden, für Good Charlotte war man sich der eigenen Sexualität noch nicht sicher genug. Die Gelegenheiten waren da, aber das war es irgendwie nicht. Es fehlte Punk die Aggression, wo Hardcore die Musikalität fehlte. Für punkübergreifendes Zeug wie Alice Donut, The Dead Milkmen, Jawbreaker oder Unsane fehlte es schlicht an Kenntnismöglichkeit, und The Clash hörten nur die traurigsten aller Lehrer; die, die ihr Schicksal noch bekämpften. Punk und ich, das wurde nichts.

Das blieb so, bis die Arbeitswelt mich schon in ihren unerbittlichen, widerlichen Klauen hatte. Dann kam "Rohnert Park", und schlagartig war klar: So sollte sich das anhören. Das hätte ich hören sollen auf besoffenen Fahrten durch den Bayerischen Wald. Dazu hätte man Skateboardfahren lernen können auf schlechten, uralten, ungepflegten, bitterkalten, dysfunktional geplanten Skateparks (also dem einen im Umkreis von 20 Kilometern). Die Augen schließen, die kalifornische Wärme auf der Haut imaginieren und dabei aber den Weltenhass voll ausleben. Das ist natürlich schon immer noch Hardcore-beeinflusst, wie Hardcore ja nun mal eigentlich Hardcore-Punk ist – oder zumindest mal war. Aber das, das fühlte sich nicht wie Hardcore an, das fühlte sich an wie Punk.

"Rohnert Park" ist ein exzellentes Album, das, für Meilensteine unüblich, in zwei Teile zerfällt: Einen aggressiveren, aber auch melodiöseren ersten und einen klassischeren, straighteren zweiten Part. Umklammert wird das Werk von drei Teilen "Into The Wayside". Der erste, "Into The Wayside Part I/Sick", ist Hardcore-Punk, der zweite, "Into The Wayside Part II" ist Ambient Metal-Rock, wie auch der Closer "Into The Wayside Part III". Alle drei sind sie großartig, der erste mit seiner an Stigmata erinnernden Aufzählung von Hassobjekten ein ewiger Klassiker, und doch nur Nebendarsteller auf dieser Scheibe. Auf dem dritten Teil taucht nach gut sieben Minuten der Bonustrack "In the Land of Lawmen and Lawwomen" auf, dessen Gasmaskenatmungssample und unbarmherziges Geklöppel einen wund und auf eine noch mal ganz andere Art in die Nacht verabschiedet.

Das erste Filetstück ist das verdaulichere, einfachere, da das Genius von "M.C.D.F.", "Moving Principle", "The Doldrums (Friendly City)" und vor allem dem spektakulären "Open Head" offensichtlich ist. Post-Punk im Sinne eines weiterentwickelten reinen Punks, nicht etwas, das sich aus Punk entwickelt hätte. Der großartige Lärm des stockend beginnenden und dann in diesem kreischenden Krüppelsounds brillierenden "Moving Principle", das mit weißen Fingerknochen gespannt lauernde "The Doldrums (Friendly City)", das sich überschlagende "M.C.D.F." zeugen allesamt von einer geradezu unverschämt gefestigten Band. "Open Head" beginnt, die Band mag solche Beginne, ein wenig flach anmutend, man denkt, man kenne den Rest des Songs rasch. Dabei unterschätzt man wie viel Handwerk Crescendi benötigen und wie viele die Rohnerts davon haben. Ich kann das nicht hören, ohne zum Schluss zu brüllen wie ein Wahnsinniger.

Der zweite Teil wirkt auf den ersten Blick schlichter, versammeln sich dort doch sehr viel klassischere, eingängig nach vorne gehende Punksongs. "Terminal Addiction" fängt rasselnd und mechanisch-perkussiv stoisch an, die richtigen Reißer kommen aber erst: "Don't Touch Me" schraubt sich über zwei Minuten mit seinem exorbitanten Gitarrenspiel und dem tollen Bass unermüdlich in sich selbst, "Back In '84" knüpft unmittelbar an, hier übernimmt Schlagzeuger Casarotti die Regie. Sänger Farrar ist auf dem ersten Teil eine Wucht, hier blüht er aber erst so richtig auf, im schimpfenden, rauen Singsang übertrifft ihn kaum jemand. "All The Time" lässt absolut keine Atempause, erst auf "The Pathos" gibt es kurz vor Schluss für den Hörer wieder Gelegenheit, den eigenen Puls zu spüren. "Nigh To Life" versammelt die Spielarten der zuvor gehörten Banger gekonnt, ein Punk-Nukleus.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Into The Wayside Part I/Sick
  2. 2. M.C.D.F.
  3. 3. Moving Principle
  4. 4. The Doldrums (Friendly City)
  5. 5. Open Head
  6. 6. Into The Wayside Part II
  7. 7. Terminal Addiction
  8. 8. Don't Touch Me
  9. 9. Back In '84
  10. 10. All the Time
  11. 11. The Pathos
  12. 12. Nigh To Life
  13. 13. Into The Wayside Part III

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