laut.de-Kritik

Die Wut macht Platz für den Schmerz.

Review von

Nette Überraschung in beschissenen Zeiten: Nur vier Monate nach "Love Is Not Enough" legen Converge bereits das nächste Album vor. Die letzten Aufnahmesessions der Metalcore-Institution aus Massachusetts waren offenbar derart fruchtbar, dass gleich Material für zwei Alben anfiel. "Warum nicht? Das Leben ist kurz", sagte Frontmann Jacob Bannon in einem Interview lapidar zur Entscheidung, schon wieder nachzulegen.

Nach einiger Reifezeit lassen sich allfällige Bedenken, dass mit "Hum Of Hurt" nur die B-Sides versilbert würden, getrost entkräften. Die beiden Alben agieren auf Augenhöhe und sogar der Sinn der Zweiteilung erschließt sich auf Anhieb. Denn während "Love Is Not Enough" ein wutentbrannter Rundumschlag war, wie man ihn von den Krachkuratoren kennt, wirkt "Hum Of Hurt" wie die darauf einsetzende Phase der Besinnung. Natürlich liegt die Welt immer noch im Argen, aber diesmal richtet sich der Blick nach innen: auf den Schmerz und die Verzweiflung, die an manchen Tagen so schwer auf der Brust lasten.

"Slip The Noose" fungiert mit nervöser Energie und manischen Aggressionsschüben noch als eine Art Bindeglied zum Vorgängerwerk. Denn gepoltert wird bei Converge natürlich immer noch, die Herren Bannon, Kurt Ballou (Gitarre), Ben Koller (Drums) und Nate Newton sind ja keine Chorknaben. Positiv fällt sogleich auf, wie deutlich sich der Bass in dem ganzen Chaos behauptet.

"Doom In Bloom" reduziert die Reizüberflutung bereits. Der Track ist langsamer und in seiner Wucht erschlagend. Bannon malt seine düstere Innenschau in blutroten Farbtönen aus: "Everything's a shade of red / From the mirror to my hands / Staining everything I touch / As I reach for what is loved". In "It Only Gets Worse" sprüht der rote Lebenssaft erneut und die Hoffnungslosigkeit nimmt endgültig Überhand. Die Lyrics durchzulesen ist bei Converge zwar ein lohnendes, aber deprimierendes Unterfangen. Stilistisch platziert sich der Track irgendwo zwischen Raserei und fiesem Groovemonster, das einem die Eingeweide zerfleischt. Und schon wieder kommt dabei dieser markante Bass zum Tragen.

"Detonator" setzt sowohl den Pessimismus als auch den heavy Groove fort. Es gibt zwar vermehrt ruhige Passagen, doch Ballous schief heulende Riffs und Kollers zappelige Füße erfüllen auch diese mit einer unheilvollen Energie, die einen direkt am Nacken packt. "I Won't Let You Go" erhöht das Tempo und verschiebt das Gewicht der Metalcore-Gleichung hin zum 'Core', ist aber nicht der prägnanteste Moment der Platte. Vielleicht liegt es daran, dass hier für einmal ein wenig Hoffnung aufglimmen darf.

"It's Not Up To Us" verpackt Kritik an der Leistungsgesellschaft ("This pace we must run / It's not up to us") in halbem Nervenzusammenbruch, halber Besinnung. Spätestens hier wird klar: Converge agieren auf diesem Album nach einem angepassten Drehbuch. Wie die Band ihre Songs auch einmal atmen lässt, ist nicht nur erfreulich, es wirkt auch organisch. Ein paar Lücken in der Ziegelwand. Insbesondere dieser Track erinnert an das, was The Dillinger Escape Plan auf "One Of Us Is The Killer" gemacht haben.

"Dream Debris" treibt dieses Spiel mit starkem Sludge-/Doom-Einschlag am weitesten. Zäh und monoton, dennoch bissig schält sich dieser Sechsminüter aus seiner Haut. Man muss in der Stimmung dafür sein, dann nickt es sich aber wie in Trance mit. Ohnehin ist das letzte Kapitel der Platte für atmosphärische Tracks reserviert: Das instrumentale "It Used To Matter" erscheint mit seinen scheuen Gitarrenklängen wie die Titelmelodie zu einem Western.

Der vertrackte Titelsong bringt das Quartett zurück auf den Pfad des gepflegten Krawalls. Es dauert zwar etwas, bis sich Riffs, Drums, Bass und Vocals gefunden haben – dann entsteht aber wiederum eine einnehmende, düstere Stimmung. Gerade Jacob Bannon liefert hier eine der stärksten Performances des Albums ab.

"Nothing Is Over" walzt zum Abschluss nochmals tonnenschwer und dröhnend über die Hörerschaft hinweg, lässt zugleich aber ermutigende Botschaften auf sie niederrieseln. Die bösen Mächte aus Staat, Kirche und Technologie seien hinter uns her ("they have come for the glow inside"), doch noch sei der Kampf nicht verloren. Von der Dramaturgie her ist das die naheliegendste Auflösung, als Schlusspunkt für die Platte funktioniert sie dennoch.

Die Band legt mit "Hum Of Hurt" ein ungewohnt düsteres Werk vor und beweist Mut zur Veränderung. Dass dadurch manche Arrangements geradliniger geworden sind, als man es von den Amis gewohnt ist? Geschenkt, solange es der Atmosphäre dient. Das Album bietet somit eine ganz andere Art von emotionalem Schleudergang als der Vorgänger. Für jede Stimmung das passende Converge-Album: Allein dadurch ist die Welt 2026 schon einiges erträglicher geworden.

Trackliste

  1. 1. Slip The Noose
  2. 2. Doom In Bloom
  3. 3. It Only Gets Worse
  4. 4. Detonator
  5. 5. I Won't Let You Go
  6. 6. It's Not Up To Us
  7. 7. Dream Debris
  8. 8. It Used To Matter
  9. 9. Hum Of Hurt
  10. 10. Nothing Is Over

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