laut.de-Kritik
Katharsis gegen Depris.
Review von David Maciej LaskowskiAls ich den Opener des neuen Crystal F-Albums "Fiebertrauma" "Und Deshalb Lüge Ich" hörte, dachte ich mir bei den folgenden Zeilen zunächst einmal nichts, vermutlich, weil es etliche solcher Verse wie diese gibt: "Das ist für alle, die verzweifeln, ohne Hoffnung sind / Das ist für alle, die das hör'n in der Geschlossenen / Das ist für alle, die im Leben immer scheitern / Und auch für mich, weil ich weiß: So geht's nicht weiter."
Doch beim zweiten Durchlauf blieb ich komischerweise an diesen Worten hängen, weil mir schien, dass Crystal F hier eine klare Intention verfolgt. Dabei wirkt das Album auf den ersten Blick zum Großteil wie eine bloße Aneinanderreihung von Techno- oder EDM-Beats mit Rap-Einlagen.
Der eher trappige, fast schon Dubstep-artige Beat von Ikarus, Chazer One und Crystal F selbst klingt sehr gut produziert. Auch für den zweiten Beat legt der Hauptinterpret selbst die Hand an. "Hochhaus" brilliert mit fettem Memphis-Sound. Das von MC Money und Gangsta Gold gesamplete, repetetive "Glock tight, smoked out" kommt sehr hart in der Hook. Und was hat Hauke zu sagen? "Gott soll sich verpissen / Nur Goth Girls können mich richten." Diese Line ist so bescheuert, dass ich sie liebe. Amen.
Ab da übernimmt fast ausschließlich Ikarus die Produktion des Albums, manchmal auch mit Unterstützung von Johnboy. Mit dem finsteren "Messer In Der Brust" zeigen sich in der Hook und dem Outro die ersten Techno-Einlagen, die sich schließlich in "Wahnsinn" komplett entfalten. All der Frust und Schmerz, über den er rappt, entlädt sich im Chorus mit einem simplen, aber effektiven "Da, da, da, da, da-da, da-da-da", das sich schon fast wie ein "Döp Döp Döp" á la "Maria (I Like It Loud)" von Scooter anhört. Das dürfte auch die mehreren Referenzen auf dem spaßig gehaltenen "Oh Weia" erklären: "Hundertausend Euro Schulden, ja das kommt mir viel vor / Ich fliege raus wie bei Scooter der mit Keyboard."
Die Ekstase fährt mit "Frechheit" fort, wo aggressive Trapparts mit fiesen, Hardtekk-artigen Refrains clashen, während "FYMF" mit einem schönen, buzzenden Lead Synth überzeugt, der die Stimmung wieder auflockert. Mit den drei darauffolgenden Songs "Es Gibt Kein Koks In Lichtenberg", "Dopaminspiegel" und "Crash-Test-Dummy" merkt man aber, dass die Techno-Formel beginnt, ein wenig eintönig zu werden. Zum Ende des Albums hin gibt es ähnliche Nummern wie "Alles, Was ich Wollte" und "Filterkaffee", die sich wie Filler anfühlen.
Trotzdem finden sich dazwischen noch einige starke Momente wie "Winteranfang". Die erste Hälfte verläuft rockig, aber verhältnismäßig ruhig. Eine gechoppte Post-Hook leitet zu einem brachialen Trap-Feuerwerk in der zweiten Hälfte über. Der Track thematisiert, wie Hauke mit seiner Geliebten versucht, aus dem grauen Stadtalltag auszubrechen: "Komm, wir fahr'n aus der Stadt raus / Nehm'n uns ein Waldhaus und werden clean." Textlich findet sich nichts Bahnbrechendes, aber Haukes emotionale Delivery und das sehr ambitionierte Instrumental von Ikarus machen den Track zum Klimax dieser Platte.
Ebenfalls positiv hervorzuheben sind der atmosphärische Drum'n'Bass-Beat und die Hook der Sängerin Cary auf "Trümmer" sowie der Part von Karina Rose auf dem Titelsong "Fiebertrauma". Die herzzerreißensten Zeilen hat sich Hauke für das Outro "Einer Zu Viel" aufgehoben: "Mein Herzschlag sagt mir, dass das einer zu viel war / Niemand den ich kenn' findet 'nen scheiß Therapieplatz", und "Mein Zimmernachbar, der bewegt sich nicht / Es gibt schon Wetten, wer der Nächste ist."
Um nun auf die Textpassage vom Opener zurückzukommen: Scheinbar will Crystal F mit "Fiebertrauma" für sich, aber auch all die Hoffnungslosen und Verzweifelten ein Stück Musik abliefern, mit dem er und die Angesprochenen zumindest für eine Weile ihre Sorgen und Depressionen ordentlich wegtanzen können. Trotzdem konfrontiert das Album einen immer wieder mit der tristen Realität. Das Projekt hält die Waage zwischen nach vorne gehenden, teils auch spaßigen Beats und den bekümmernden Momenten im Gleichgewicht. Es hätte aber auch ein paar Tracks weniger vertragen.


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