laut.de-Kritik
Das kannst du echt vergessen.
Review von Emil DröllEigentlich könnte man den ersten Freitag des Jahres offiziell zum Daniela Alfinito-Feiertag erklären. Verlässlich wie der Silvesterkater erscheint pünktlich zum Jahresstart ein neues Album aus dem Hause Telamo.
2026 heißt es nun: "Wer Liebt Gewinnt". Und siehe da: Der Platte ist die Winterstimmung ebenso fern wie die Kommasetzung. Auf dem Cover schwebt Alfinito sanft ins türkisblaue Meer gephotoshopt, getoppt von einem herzförmigen Wölkchen. Alle Zeichen stehen auf Liebe. Umso überraschender der Opener "Das Kannst Du Echt Vergessen". Gemeint ist hier keineswegs der musikalische Anspruch der kommenden 16 Tracks, sondern eine gescheiterte Beziehung. Trennung, Nebenbuhlerin, Rückkehrversuche. Das lyrische Ich ist angefressen: "Die schönste Zeit begann für mich / nach unserm letzten Tag".
In diesem Universum gilt also eher: Wer liebt, verliert. Musikalisch untermalt vom reinsten Telamo-Copy-Paste-Beat. Willkommen im Jahr 2026. Die anfängliche Sturheit weicht in "Vielleicht Nicht Heute" einer vorsichtigen Versöhnungsfantasie. "Ein Happy End mit dir, das wünsch ich mir" – Träume werden wahr, sagt der Schlager, auch wenn er selbst seit Jahren im Wachkoma liegt.
"Aber Nicht Mit Mir" sorgt dann endgültig für Verwirrung. "Du kannst deine Spielchen spielen, aber nicht mit mir". Dieses Album scheint für emotional chronisch Unentschlossene konzipiert. Ab Track drei wird es zudem akustisch anstrengend: grelle Schlager-Synths kleben parallel am Gesang, als hätte jemand Angst vor Stille. Bei diesen Sounds gilt eigentlich immer: weniger ist mehr. Hier wäre weniger schlicht erträglich gewesen.
Der Titeltrack "Wer Liebt Gewinnt" soll Ordnung in das Gefühlschaos bringen. "Setz alles auf Liebe", "spiel nicht mit Gefühlen", schöne Ratschläge. Tun wir einfach so, als hätten die vorherigen Songs nicht bereits das Gegenteil bewiesen.
Fast schon wie ein musikalischer Ausbruch wirkt "Walkman": tiefere, rhythmischere Synths, kleine Pausen, ein Hauch von Dynamik. Irgendwer am Produktionstisch ist hier tatsächlich mal fünf Prozent vom Schema F abgewichen und man nimmt es dankbar an.
"Vom Himmelsritt Zum Höllenflug" bestätigt dann wieder: Schuld sind immer die anderen. Vielleicht ein Album für Perfektionisten? Oder für Menschen, die in jeder Beziehung Opfer sind. "Mit Wem Wenn Nicht Mit Dir" greift tief in die Plastik-Drum-Kiste, "Wenn Aus Gefühlen Liebe Wird": Aus den Gefühlen für dieses Album wird wohl keine Liebe mehr.
"Da Ist Die Tür" startet mit einem haarscharf gemopsten "Ein Stern (Der Deinen Namen Trägt)"-Intro. Kurz keimen Glücksgefühle auf, bis zur Textzeile: "Ich hol dich später ab / nur muss ich vorher noch tanken". Danach wieder Vorwürfe, wieder derselbe nervtötende Beat.
"Hör Niemals Auf" ersäuft im Schlager-Pathos, "Weil Ich Es Kann" liefert immerhin die Antwort auf die Frage, warum man dieses Album hätte früher beenden sollen. "Und wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter", rät Alfinito anschließend, bevor sie in "Herzmenschen" kollektiv Lob verteilt.
In "Einmal Im Leben" tauchen plötzlich Arielle und Peter Pan auf, und man verliert endgültig jeden Bezug dazu, worum es hier eigentlich gehen soll. Fast hellseherisch wirkt "Hitmix 2026", in dem Alfinito ihre Songs bereits am zweiten Tag des Jahres zu Hits erklärt. Dieser Mix zumindest ist keiner. Mehrere Songs aneinanderzukleben ist keine Kunst, erst recht nicht, wenn sie ohnehin alle auf demselben Plastikbeat beruhen. Als Bonus gibt es "Dann Zieh Ich Meine Blue Jeans An" als Nur-So!-Remix.
"Wer Liebt Gewinnt" hinterlässt maximalen Unbehagen-Faktor. Die Botschaft ist klar: Liebe tut weh, das Leben ist kein Ponyhof, aber irgendwie wird trotzdem alles gut. Warum dieses Album dafür aber eine Armada passiv-aggressiver Abrechnungssongs mit Ex-Partnern braucht, bleibt rätselhaft. Schlager lebt von der großen Geste, nicht vom kleinen Groll. "Wer Liebt Gewinnt" ersetzt Herzschmerz durch Dauerfrust und Romantik durch Vorwurfsketten. Was rauskommt, ist ein Album, das lieber Recht haben will als Spaß zu machen. Und das ist im Schlager ungefähr das Todesurteil.


3 Kommentare mit 2 Antworten
Kommt von ganz unten, ist trotz Ruhmes nicht abgehoben und auf dem Boden geblieben und arbeitet in einer Branche, die sehr wichtig für unsere Gesellschaft ist und wer sie mal live getroffen hat, der weiß, dass sie immer noch eine von uns ist.
One of us! Darauf erstmal ne Knorr Tütensuppe
Mir fällt es wirklich schwer, etwas Schlechtes über Daniela Alfinito zu sagen. Ihre Musik ist nicht jedermanns Geschmack. Das hat auch der Letzte verstanden, und alle anderen fühlen es zumindest tief in ihrem Herzen. Ansonsten ist diese Frau ohne Fehl und Tadel. Abzüge gibt es von mir allerdings für das Überhand nehmende Ausmaß an Tätowierungen. Meiner bescheidenen Ansicht nach gibt es nur ganz wenige Personengruppen, die sich dieser Zierde bedienen dürften: richtige Seebären (Sind Santiano eigentlich tätowiert?), irgendwelche indigenen Völker, Yakuza und vergleichbare Gruppen.
Dass die Farbe unter der Haut mittlerweile auch solche boden- und anständige Bürger wie Daniela erreicht hat, erfüllt mich nicht mal mit Sorge, sondern eher mit Resignation.
Ich fühle, was Du denkst, zumal Tätowierungen zu 80% Scheiße aussehen, da die meisten Zeitgenossen sich offenbar ohne Sinn und Verstand zutackern lassen, und sich dabei offenbar für Motive entscheiden, die stark dem jeweils aktuellen Modediktat unterliegen. Waren das dereinst das Arschgeweih oder als "Tribal" verklärte undefinierbare schwarze Linien ist das heute offenbar die liegende 8 mit Namen von Kindern, Hunden oder Partnern oder irgendwelcher kleinteiliger Scheiß, der in keiner ersichtlichen Verbindung untereinander steht, und den/die Träger*in aussehen lässt wie ein wandelndes Stickerheft für Kinder im Grundschulalter.
Tätowierte Fußrücken bei Frauen sind dabei übrigens der Gipfel des schlechten Geschmacks.
Wer Hört Verliert