laut.de-Kritik

Dieses Album war nicht Zeitgeist, es löste einen aus.

Review von

Wir schreiben das Jahr 2003, "Nordisch By Nature" ist acht Jahre alt und Dialekt im Rap nur sporadisch Bestandteil der deutschsprachigen Hip Hop-Kultur. Als Texta 1999 die "Sprachbarrieren" aufnehmen, um den Piefkes ein Glossar des (ober)österreichischen Vokabulars zu präsentieren, sind südliche und alpenländische Dialekte in der Hip Hop-Community noch unter ferner liefen, und auch Texta fahren bis auf Ausnahmen die Schiene gefärbtes Hochdeutsch. Es braucht die Schweiz und Sektion Kuchikäschtli, um dies zu ändern. Die hatten schon im Jahr 2000 angefangen, Schwyzerdüütsch auf die Raplandkarte zu bringen. Mundart has it, hat plötzlich Konjunktur, so bring it on.

Der Legende nach kam Da Fränzn a.k.a. Monaco F. irgendwann zu einer Crewsession und meinte, er verböge sich, wenn er auf Hochdeutsch rappte. Das ist tatsächlich eine Mär, stellt er später klar: Vielmehr war es so, dass ein nicht näher benannter Radiosender auf die hochdeutschen Raps das Feedback gab, dass das niemals eine Chance habe, weil man ja den Dialekt heraushöre.

Die Conclusio war so einleuchtend wie neu, dass zumindest für Da Fränzn Dialekt authentischer sei und damit völlig logisch zu realerem Rap führe. Der sture Waidler (O-Ton) fühlte sich provoziert und schrieb seinen ersten Dialektsong "In meim Jargon". Das Doppel-D-Album "A Schnitzl Bitte" kommt 2005, der Titel ist eine Trotzreaktion auf eine Juice-Review zu einem Label-Sampler von Twa Mobsta aus Deggendorf, weil die Review meinte, die (Nieder-)Bayern sollten doch bitte bei ihrem Schnitzel bleiben, anstatt zu rappen.

Dass nicht das Debüt, sondern das Zweitwerk "B-aya-N" hier als Meilenstein besprochen wird, liegt mitnichten daran, dass das Debüt von Doppel D alias Fränzn, Grämsn und DJ Spliff schlecht gewesen wäre, sondern primär daran, dass "B-aya-N" ein phänomenales Album ist, aber vor allem daran, dass mit dem Release von "B-aya-N" 2009 etwas Bemerkenswertes geschah: die Münchner Hip Hop-Szene zog mit an, zog mit, und wie. Zuvor war Rap aus München und Bayern bis auf kleinere Sprachfärbungen frei von Dialekt und bis auf Stadtteil- oder Augustiner(-Bier-)Referenzen (hoch-)sprachlich und inhaltlich mit Rap aus Köln, Stuttgart, dem Ruhrgebiet oder Berlin austauschbar.

"B-aya-N" bringt den Paradigmenwechsel. Im Video zu "Watschnbaam" gibt sich Münchens und Bayerns Rap-Exzellenz die Ehre, Creme Fresh, der Wahlmünchner Juse Ju oder Manekin Peace sind am Start, beim Remix-Album "Re-B-aya-N" wechseln sich Fiva, Maniac, Boshi San, Roger Rekless, Weeh 78, Cajus (Blumentopf) und Teecain (Echorausch Crew) am Mikro ab, und auch an den Remixknöpfen gibt es ordentlich Alarm, unter anderem legt Glammerlicious von Main Concept seine Hände an einen Beat.

Das zeigt, "B-aya-N" ist nicht Zeitgeist, es löst einen aus, für den bayerischen Dialektrap, weg von der Nischenexistenz kleiner (nieder-)bayerischer Clubs und ab in die Münchner Szene-, Club- und Radiolandschaften.

Die Beats sind sehr gutes Handwerk in einem Fahrwasser, das im Hip Hop international auch Jahre später immer noch state of the art sein sollte. Sie holpern sperrig durch die Gehörgänge und pulverisieren jede Erwartungshaltung, die mit Bayern volkstümliche Musik oder auch Stubnmusi assoziiert. Hier geht es eher kantig und hantig zur Sache wie Goaßlschnoizen und Schuahplatteln. Dass dies Konzept ist, zeigt "CSU Rapper", hier wird der Anklang von Blasmusik nach nicht einmal zwei Sekunden zerblasen und durch einen wuchtigen Beat ersetzt.

Wuchtig geht es schon los, kein Intro, Grämsn zündet auf dem Opener "Du moanst" gleich mal die Lunte an, gibt eine kurze Synopsis über Bayern, seine Landschaften, Stimmungen, seinen Bezug dazu und feuert Punchlines für die Ewigkeit raus wie "Da Opa woaß ned, wos des ist- woher denn aa - und ziagt si's Zeig ind Nosn eine, ois wenn er Scarface war" - "Opa weiß nicht, was es ist (woher denn auch) und zieht sich das Zeug in die Nase rein als wenn er Scarface wäre" - gemeint ist Schnupftabak, vermutlich.

Damit etabliert er gleich inhaltlich etwas, das sich vom bisherigen Rap in Bayern abhebt, nämlich kulturelle Referenzen, eben zum Schnupftabak oder zum Kartenspiel Schafkopfen. Kulturelles Vorwissen über Altbayern ist zur besseren Rezeption von Vorteil, "stich di nua mitm Unter, weil du kimmst do eh ned drüber ..."

Beide MCs sind äußerst verschieden und ergänzen sich zu einem Ganzen. Während Grämsn dem Hochdeutschen sprachlich mehr Zugeständnisse als Fränzn macht, jenseits des Weisswurstäquators verständlicher ist, haut Fränzn sein Bayerisch so unnachgiebig und breit raus, als gäbe es keinen Gott neben Gerhard Polt. Während Grämsn drückt, ist Fränzn deutlich zurückgelehnter und oft lakonisch. Dass er aber auch verdammt poetisch sein kann, beweist sein Part auf "94 Area".

Poesie, aber auch Soul und eine Brise Pathos gibt es auf der Platte nur punktuell, so in Beat und Sample von "Mama des is so" und beide Mamas, sowohl die von Grämsn als auch Fränzn dürften danach verstanden haben, warum Rap einfach wichtig ist und "dass da Bua do wos Gscheids macht"; und nicht nur die zwei.

Der Beat von "Superfresh" kommt aus einer Garage und hat inhaltlich die dicke Hose an, "Oidaz" hat einen Beat, der zu jeder Zeit in den letzten vierzig Jahren zwischen Philly und der US-East-Coast amtlich gewesen wäre, "Hoibe Sechse (Gemma, Gemma)" zerpflückt gekonnt einen funkigen Basslauf und ist nebenbei noch unfassbar tanzbar. Auch "Schausd guad aus" mit einem in Bayern bekannten und allgegenwärtigen Sample von Haindling bewegt Ärsche.

"Spliff, bring den Beat z'ruck", heißt es am Ende des Tracks, und jener Spliff, der Dritte der Crew, cuttet, was das Zeug hält. Besagter DJ Spliff steht im Übrigen immer noch an den Decks, seit ein paar Jahren bei Dicht & Ergreifend, die große Hallen füllen und keinen Hehl daraus machen, dass sie - wie im übrigen die meisten bayerisch Rappenden - Ziehsöhne von Doppel D sind. DJ Spliff gehörte auch damals schon zu den absoluten Könnern seines Fachs an den 1210ern, die Cuts in "Mechst mi testn" oder "Drüber redn" brauchen den Vergleich mit sämtlichen Altmeistern nicht zu scheuen.

Den Anspruch und das Selbstverständnis der MCs zeigt "Drüber redn", nämlich hart arbeiten, DIY. "Da oane jammert, Rap duad koan Essn in mein Wannst, dann hea hoid auf, wennst as dir ned leisten kannt. Du wuist Cash, Oida, geh oabat'n ...", rasiert die Hybris verblendeter Zeitgenossen, dass das Rapgame ein Selbstläufer sei. "Du redst von Crowd rocken, moanst nua zwoa drei Händ, Du redst von Business, moanst nur a Freigetränk. Du redst vo Takeover, I red vo Übergebn, schau mir ned so aa, Du woitst ... drüber redn."

"Blauweisse Gschichtn" geht in die Retrospektive und schwelgt in der Vergangenheit. Es rundet eine Platte ab, in der es um Identität geht, und um Haltung.

"B-aya-N" hat für mich und viele andere den Dialekt unserer Heimat und unsere Musik endlich in einen Kontext gestellt und gezeigt, dass das funktioniert. Das Album hat den Dialekt musikalisch den gängigen Genres entrissen. Inhaltlich und stilistisch hat es die Sprache durch die Verwurzlung der Crew im Hip Hop der Deutungshoheit der Traditionellen, der CSU entrissen; weg von "Laptop und Lederhose" zu zwei Plattentellern, einem Mic und - auch wenn dieses Bild irgendwie schmerzt und das Phrasenschwein jubelt - dicker, tiefsitzender Baggy-Lederhose.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Du moanst
  2. 2. Watschnbaam
  3. 3. CSU Rapper
  4. 4. Oidaz
  5. 5. Mama des is so
  6. 6. Superfresh
  7. 7. Hoibe Sechse (Gemma, Gemma)
  8. 8. Mechst mi testn
  9. 9. Kann ned aufhörn
  10. 10. 94 Area
  11. 11. Fang nomoi o
  12. 12. Schausd guad aus
  13. 13. Blaze it up
  14. 14. Drüber redn
  15. 15. Blauweisse Gschichtn

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