laut.de-Kritik

Ein Indiefolk-Debüt, das erst knistert und dann explodiert.

Review von

Was wäre die Musikgeschichte bloß ohne ihr größtes Heilsversprechen? "All You Need Is Love" sangen die Beatles einst. "Love Will Make It Right" gelobte Diana Ross. Beim schwedischen Pop-Duo Roxette lautete die Formel "Love Is All". Inklusive einer Perspektive bis in alle Ewigkeit: "Love will always be the law".

Dove Ellis ist anderer Meinung. "Love is not the antidote to all your problems", singt der irische Indie-Folk-Newcomer auf seinem Debütalbum "Blizzard". Einzig den Titel hat sein Song "Love Is" mit dem zuckersüßen Comicstrip gemeinsam, den die neuseeländische Zeichnerin Kim Casali vor über 50 Jahren ins Leben gerufen hat. Während dort ein niedliches Paar kuschelt, knutscht und verträumt Kanu fährt, zeichnet der 23-jährige Sänger im wuchtigen Call-and-Response-Modus nicht nur originellere Bilder in Sachen Liebe ("The sweeping hair that is protecting your sleep tonight"), sondern stellt auch nüchtern fest, was Liebe seiner Meinung nach nicht ist: "What's in your dreams".

Ellis, der eigentlich Thomas O'Donoghue heißt, verpasst dem angestaubten Pop-Repertoire eine poetische Erfrischungskur. Auf "Blizzard", das schon zum Streamrelease im Dezember zahlreiche Lobeshymnen einfuhr, balanciert der Prince- und Shane MacGowan-Fan mit großen Gesten und raffinierten Brüchen. Im Laufe der insgesamt von zehn Musiker*innen eingespielten Aufnahmen, die instrumental vom Cello bis zum Knopfakkordeon reichen, entsteht ein Folk- und Chamber-Pop-Panorama, das sowohl Platz für ein zartes, geheimnisvolles Flüstern freiräumt wie auch für ein weit ausholendes, barockes Pathos.

In zehn Stücken, die 35 Minuten dauern, präsentiert der frisch am Konservatorium in Manchester ausgebildete Musiker eine dynamische Songauswahl, die von den Besten lernt (Van Morrison, Jeff Buckley), um sich einen schlauen, eigenen Weg zu bahnen. Mit "Little Left Hope" etabliert der letztjährige Supportact von Geese eine seiner Lieblingsstrategien: Zurückhaltend auftauchen, selbstbewusst aufbauen und schonungslos explodieren.

Wie Thom Yorke vor dem elektronischen Urknall seiner Band erzählt O'Donoghue zur Akustikgitarre von Namen, die wie Weiden klingen und von Feldern mit kleinen steinernen Augen. Bis Dove Ellis das Tempo kräftig anzieht und mehrstimmig mit Rufus Wainwright- und Queen-Harmonien die Entstehungsgeschichte seiner Band feiert: "So maybe we'll start a band / With the strangler you have to like".

Leiser, lauter und zurück. Bei manchen Tempowechseln oder Lyrics-Kapriolen erreicht "Blizzard" schwindelerregende Sphären. An der Grenze zur Übersteuerung konkurrieren im Zweiminüter "Jaundice" die traditionellen Klänge des irischen Jig-Volkstanzes mit einem skurrilen Songtext ("Sometimes a child's born without any face / At the breast of their own mother, right out of place"). Anderswo droht das Melodrama zu kippen. Die Folkballade "Away You Stride" mündet in fast opernhaftem Falsett und in Formulierungen, die tollkühn auf Tuchfühlung mit dem Kitsch gehen: "I cut out my heart", bekräftigt der Singer-Songwriter, "I'm spilling my blood on your knees".

Meistens gelingen die Höhenflüge fabelhaft. "When You Tie Your Hair Up", der längste Song des Albums, fleht so lange und eindringlich, bis er sich in einen Rocksong verwandelt. "Heaven Has No Wings" entwirft ein Spielfeld zwischen groovendem Piano, flirrenden Vocaleffekten und entspannten Jazz-Nuancen.

Besonders zielsicher gerät der Titeltrack. Klassisch begleitet von Akustikgitarre und Klavier, erzählt "It Is A Blizzard" mit dramatischer Hingabe von Krähen, Kälte und Whisky. Es ist ein zugleich altkluges wie hinreißendes Abschiedslied, das mit der Zeile "I'll be gone by Christmas" all den Weihnachtsliedern vor ihm die lange Nase zeigt.

Trackliste

  1. 1. Little Left Hope
  2. 2. Pale Song
  3. 3. Love Is
  4. 4. When You Tie Your Hair Up
  5. 5. Jaundice
  6. 6. Heaven Has No Wings
  7. 7. It Is A Blizzard
  8. 8. Feathers, Cash
  9. 9. To The Sandals
  10. 10. Away You Stride

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