laut.de-Kritik
Risse in der Glasvitrine.
Review von Ben SchiwekWer sich fragt, was zur Hölle denn jetzt schon wieder ein neues Hip Hop-Subgenre namens Jerk sein soll; wer vor ein paar Wochen noch auf EsDeeKid aufmerksam geworden ist, weil er der Geschichte auf den Leim gegangen ist, hinter ihm stecke Timothée Chalamet; oder wer zu viele TikToks im Y2K-Stil reingespült bekommen hat; ja, selbst wer sich Drakes Auftritt beim 2025er Wireless Festival angeschaut hat – all diese Menschen sollten dabei auf Fakemink gestoßen sein. Ein 21-jähriger, zurückgezogen lebender Bedroom-Artist aus London, der aktuell auf einer Skala von einem viel diskutierten UK-Underground-Mysterium bis zum baldigen Gen-Z-Rap-Superstar gehandelt wird.
Egal, wo auf dieser Skala man Fakemink mittlerweile verortet, eindeutig ist, dass er eine herausstechende Ästhetik hat. Viele bringen ihn oft mit dem eingangs erwähnten Genre Jerk in Verbindung: eine UK Hip Hop-Kreation aus rasanten Snare-Patterns, Synths, die zwischen klimpernd und verzerrt rangieren, und Texten, die meist so oberflächlich selbstbewusst ausfallen, dass man einen verletzlicheren doppelten Boden durchscheinen sieht. Diese Beschreibung trifft größtenteils auch auf Fakemink zu, er selbst aber sieht sich nicht als Jerk-Künstler. Stattdessen findet er eine passendere Selbstbeschreibung in seinem Künstlernamen: Fakemink, gefälschter Nerz, was für ihn eine Gegenüberstellung von Luxus und Dreck bedeutet.
Und diesen Kontrast hört man in seiner Musik. Schöne, illustre Glasvitrinen aus Synthesizern und Fakeminks leicht hochgepitchte, kindliche Stimme wirken psychedelisch und luftig, ihnen stehen aber Verzerrungswellen und hektische Drums gegenüber. "Blow The Speaker ." beginnt die neue EP nach genau diesem Prinzip: Zarte, aber künstlich klingende Streicher eröffnen, Fakemink singt übers verlorene, einsame Rennen durch die Nacht. Cheesyness könnte man an diesem Punkt attestieren, bis dann in der Hook das passiert, was der Titel verspricht, und laute 808s den sanften Song zerbomben.
Auf den sieben Tracks und insgesamt nur 14 Minuten von "The Boy Who Cried Terrified ." geht Fakeminks Prinzip weiterhin auf, auch wenn hier keine seiner Songs drauf sind, die sich direkt als besonderer Hit einbrennen, wie es etwa "Easter Pink" oder "Makka" taten. Stattdessen sammelt Fakemink kleine Stimmungsbilder, die bei jedem Hören etwas eindeutiger werden.
Trotz der kurzen Lauflänge hat die EP als Gesamtwerk einen gelungenen Spannungsbogen. Nach dem sich aufbauenden Intro von "Blow The Speaker ." fängt "Young Millionaire ." den selbstbewussten, jungen und hungrigen Status ein, den der Rapper verkörpert. Die Mitte der EP klingt wiederum finsterer und gehetzt, bis es gegen Ende der Tracklist wieder etwas abtaut. Das lässt uns spüren, wie Fakeminks Erfolg, von den er in jedem Song stolz berichtet, bald zum Stressfaktor wird.
"Dumb ." ist der Höhepunkt der Anspannung, die sich in anderthalb Minuten stetig steigert. Die Drums werden immer hektischer, Fakemink geht stellenweise in höhere und dringlichere Bereiche seiner Stimme als gewohnt – einer seiner intensivsten Songs. "Mr. Chow ." bleibt verbissen und unruhig: Immer mehr Stimmen wiederholen Mantras über Fakeminks Erfolg, bis gegen Ende eine einsame "lalala"-Gesangsstimme alles übertönt. "The Mercer ." bringt hohle Flexes wie "You're washed and I'm great" – ist das überhaupt noch ein Flex oder nicht eher kindisches Runtermachen? Aber wie stumpf das ist, zeigt gelungen, wie verzweifelt Fakemink sich an diesen Phrasen hangelt und darunter wahrscheinlich eine Hassliebe zu seinem schlagartigen Aufstieg entwickelt.
Doch er findet in "Milk & Honey ." zumindest ein wenig Frieden. Grau, aber besonnener klingt der Song, der mit gelegentlichen Lead-Synths in den richtigen Momenten mächtige Höhepunkte schafft. "I'm just a guy, no god", erinnert Fakemink sich zum Schluss der EP. Dafür ist er aber ein Newcomer mit verdammt viel Momentum. Wie viel langwährendes Potenzial da noch drinsteckt, wird sein kommendes Album "Terrified" noch in diesem Jahr zeigen. Diese kleine Vorgeschmacks-EP demonstriert aber schon mal, dass er trotz mittlerweile über 100 Singles seine Ideen bisher noch nicht verballert hat.


1 Kommentar
Sehr gute EP