laut.de-Kritik

Auf dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Selbstmitleid.

Review von

Bevor ich mich "Drama Endet Nie" widme, möchte ich kurz klarstellen, dass ich Fatoni kenne, bzw. kannte. Dass wir häufiger miteinander redeten, ist jedoch lang her, seine Crew hieß noch Creme Fresh, und selbst die Schauspielschule war noch Zukunftsmusik. Seit der Releaseparty seines Debüts 2015, die staatliche Schauspielschule Otto Falckenberg hatte er erfolgreich abgeschlossen, liefen wir uns noch zweimal über den Weg, beide Male im übrigen zufällig, aber das tut nichts zur Sache.

Was hingegen etwas zur Sache tut, ist, wie wir uns kennenlernten, denn es hat mit zwei seiner und zwei meiner Leidenschaften zu tun: Hip Hop und Theater in der Ausprägung Schauspielsparte. Und warum es was zur Sache tut, könnte man mit den quasifaustschen zwei Seelen in der Brust beschreiben, denn auch wenn sich Hip Hop von seiner dogmatischen Sichtweise ab- und immer mehr thematischer Vielfalt zugewandt hat, ist die Historie, der Kern, dem er auch entstammt, immer noch working class, Straße und derbe Sprache. Das Feuilleton wendet sich der Kultur nach wie vor nur sporadisch zu, wenn es unerlässlich ist, weil eine Crew, ein Album oder ein Film einfach mit roher Urgewalt durch die Gesellschaft fegt und selbst das Feuilleton erreicht; dabei verharrt es jedoch oft in Klischees.

Dem (Bühnen)Schauspiel hingegen wohnt trotz Wandel immer noch Dünkel inne, oft Elitäres, nicht unbedingt äußerlich ästhetisch, aber in Gepflogenheiten und Gebärden; vor allem aber in sprachlichem Schöngeist, was sich vor allem in den letzten Jahren in eine antidiskriminatorische, gewaltfreie Dogmatik mit erhobenem Zeigefinger ergoss, die die Gegensätze dieser beiden Kulturen und Kunstformen wieder verstärkte. Diese beiden Identitäten nicht nur zu lieben und zu verehren, sondern sich beiden kulturell verbunden zu fühlen und sie nicht als Widerspruch zu verstehen, sondern als etwas, das sich gegenseitig befruchten kann, ist eine Sache, die viele nicht nachvollziehen können. Dieses Dilemma - zugegeben eine kühne Behauptung - trägt Fatoni nach wie vor in sich.

Dass (Bühnen-)SchauspielerInnen in ihrem Lebenslauf das Spielen mindestens eines Instruments aufführen, hat damit zu tun, dass Musikalität nicht selten auch ein Anstellungskriterium ist, da Gesangsrevues und Musikeinlagen im heutigen "Sprech-Theater" zum Repertoire und zum Selbstverständnis gehören. Ich denke, außer OpernsängerInnen würde niemand der Schlussfolgerung widersprechen, dass SchauspielerInnen besser musizieren und singen als OpernsängerInnen schauspielern.

Fatoni setzte sich somit auch damit auseinander, und ich schreibe dies deshalb, um klarzustellen, dass es ihm nicht deshalb wichtig ist, Songs mit teils theatraler Ästhetik zu schaffen, um wie viele andere einer avantgardistischen Kulturelite zu gefallen, sondern weil es in seiner DNA seines zweiten Berufs verankert ist und er es fühlt. Es geht ihm um die Synthese seiner zwei Existenzen, Anerkennung in beiden Bubbles, und darin wird er zunehmend richtig gut. Wenn Fatoni somit Melodien in Hooks spielt und Instrumente einspielen lässt, selbst einspielt und singt, gut singt, ist dies nicht Attitüde, einem Anspruch zu genügen, sondern organisch.

So geht es schon los. "Alles Neu" ist sowohl inhaltlich als auch mit dem Casper-Kraftklub-Vibe nicht neu, aber egal, wenn ein Album so leidenschaftlich los geht. Aus Hesses "Stufen" hätte er jedoch mehr zitieren dürfen als diesen einen wohlbekannten plakativen Satz, beispielsweise das mit der Heimat.

Seinen im Hip Hop verwurzelten lakonischen Humor hat er nicht verloren, in "Wann Werd Ich Endlich Ausgetauscht?" blitzt die Nonchalance seines Humorverständnisses auf, und dies auf so kluge Weise, dass es eine Angst vor den negativen Auswirkungen von KI zumindest für einige Momente wegbläst.

Apropos "Alles Neu", es wäre ein guter Titel für das Album gewesen, denn neu ist das Fehlen der üblichen Mikrofongäste wie den Antilopen, Juse Ju oder Edgar Wasser. Stattdessen gibt es noch ältere Bekannte wie Keno (Creme Fresh/Moop Mama) oder Maeckes. Neu ist auch ein hohes Maß an nostalgischer Selbstreflexion, er trägt dem vermutlich auch mit den Features aus alten Münchner Tagen Rechnung genauso wie mit Tracks wie "Schwabinger Laterne" oder dem Closer "Wenn Wir Uns Wiedersehen". Schade lediglich, dass Keno, ein großartiger MC, keinen Rappart hat.

"Alles Neu" ist das Album auch im Hinblick darauf, dass die Häme und der Fingerzeig der letzten Alben ausbleibt gegenüber den Menschen, die den extremen Ansätzen der politisch stark indoktrinierten woken Bubble mit Unverständnis begegnen, und die damit einhergehende Diffamierung als die berühmten "alten weißen Männer". Wenn auf "Drama Endet Nie" politisch ausgeteilt wird, dann in guter alter linker Manier gegen Faschos ("Nachos") und die Superreichen, die soziale Ungerechtigkeit. "Geld Ist Geil" ist nicht nur witzig, sondern auch mutig, da Milliardäre nicht nur namentlich genannt werden, sondern bei zumindest einer Familie auch der Bezug zur Nazizeit hergestellt wird.

Fatoni wirkt insgesamt ein wenig geläutert, und das steht ihm gut. "Wenn Wir Uns Wiedersehen" ist eine Rückbesinnung auf die Freundschaft, wohl auch gespeist aus seinem Liebeskummer. In gleich zwei Tracks, "Vergissmeinnicht" und "Lange Nicht Mehr Gut", behandelt er eben diesen Liebeskummer, da seine mutmaßlich große Liebe ihn verlassen hat. Doch wäre in einem Track nicht Mines wundervoller Gesang, die Lyrics dieser Texte triefen nicht unbedingt vor Selbstmitleid, aber könnten leider auch - man verzeihe mir die Polemik - von jemandem unter dreißig stammen; oder auch nicht, denn er kann sich das Umzugsunternehmen leisten.

In einigen Punkten bleibt alles jedoch beim alten, auch wenn Fatoni sich mit München und Schwabing auszusöhnen scheint, das selbstgewählte Drama endet nie und Berlin als wahre Metropole zum Leben scheint unausweichlich, egal wie unpoetisch er es im Titeltrack auch zeichnen mag. Der Berliner Teiltristesse ist somit nur durch häufiges Reisen u.a. nach Thailand Herr zu werden, durch "Vespa" fahren oder das Saufen als ewiger Medizin. Während der Vibe in "Aber Ich Will Lieber..." noch an K.I.Z. und "Was würde Manny Marc tun?" erinnert und dadurch die Ironieebene exzessives Saufen betreffend zulässt, scheinen Sätze wie "...nee, ich war lange nicht mehr sober, ich nehme noch ein Vodka Soda, ist denn wirklich schon Oktober?" Klarheit zu schaffen.

Hört man sich den neuen Track von Juse Ju und Paul Sies an oder Fatonis "Symptom", haben alle um die drei herum Depressionen, denen man laut Fatoni am besten mit Alkohol begegnen kann. Dann zieh weg, möchte man ihm raten, doch wohin?

München scheint keine Option zu sein genauso wenig wie Kacken an der Havel, und das von ihm zitierte Haus am See als Lösung würde ihn auch zermürben, sobald er sich mit der von ihm viel zitierten - in Teilen (rechts)konservativen - Kleinbürgerlichkeit der Nachbarn auseinandersetzen muss.

Die Ausweglosigkeit auf "Drama Endet Nie" überwiegt und ist alles andere als neu bei Fatoni. Man fragt sich, ob er nicht doch an Depression leidet; und das macht traurig, denn zum einen kann er rotzfreche Banger und hat es auch schon oft bewiesen. Außerdem gibt es richtig gute Interviews mit ihm über seinen mannigfaltigen Erfahrungsschatz und er hätte definitiv mehr zu erzählen.

Trackliste

  1. 1. Alles Neu
  2. 2. Drama Endet Nie (feat. Lakmann)
  3. 3. Wann werd Ich Endlich Ausgetauscht?
  4. 4. Geld Ist Geil
  5. 5. Nachos
  6. 6. Nicht Hollywood (feat. Dissy)
  7. 7. Vespa
  8. 8. Oktober
  9. 9. Vergissmeinnicht
  10. 10. Moment (feat. Ami Warning & Keno)
  11. 11. Symptom (feat. Maeckes)
  12. 12. Lange Nicht Mehr Gut (feat. Mine)
  13. 13. Aber Ich Will Lieber...
  14. 14. Schwabinger Laterne
  15. 15. Wenn Wir Uns Wiedersehen

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