laut.de-Kritik
Die Thrash-Legenden haben jetzt einen Alleskönner am Mic.
Review von Stefan JohannesbergWo kommen all die krassen Sänger her? Nach Crimson Glory turnt nun auch beim neuesten Lebenszeichen der Bay-Area-Thrash-Legenden Forbidden ein Alleskönner am Mic herum. Norman Skinner klettert in atemberaubender Weise vom majestätischen Klargesang zu spitzen Schreien, weiter zu kehliger Kraft und endet bei stabilen Growls – oft innerhalb eines einzigen Songs. Der Nachfolger von Russ Anderson beherrscht den technisch anspruchsvollen Thrash ebenso souverän wie die hohen, melodischen Passagen.
Nach einem kurzen "March Or Die"-artigen Intro, in dem der Gitarrensound sofort Bay-Area-Vibes versprüht, stürmen Forbidden im Opener "Single Point Failure" mit speedigem Thrash wie ein Hurrikan übers Land. Zum Ende der Strophen und erst recht im Pre-Chorus bricht Skinner mit seiner variablen Stimme immer wieder durch die schwarzen Wolken und schiebt sich unaufhaltsam in den Vordergrund. Passend zur Musik erzählen Forbidden, wie ein gewaltiger Sonnensturm durch elektromagnetische Impulse die weltweite Elektronik und Kommunikationsinfrastruktur lahmlegt. Die Riffs lassen keine Lücken, und obwohl der Song recht straight wirkt, deuten Forbidden mit Breaks und Tempowechseln bereits ihre noch stärkere progressive Spielfreude an. Am Ende folgt ein wundervoller Breakdown, der die Gefahr einer lahmgelegten digitalen Gesellschaft geradezu musikalisch symbolisiert.
Das folgende "Burning The Lungs Of Earth" führt als klassischer Mosher diese Tempohärte weiter. Chris Kontos trommelt sich die Seele aus dem Leib, als könnte er im Alleingang die Natur retten. Skinner wechselt zwischen majestätischem Chorus und Growls hin und her, während die beiden Riff-Meister Craig Locicero und Jeremy Von Epp noch kurz einen Modern-Metal-Part in den klassischen Forbidden-Sound weben.
Klassisch für diese Art Metal sind auch die sozialkritischen Themen, die sich durch das gesamte Album ziehen. Klimawandel, Gier, Manipulation, Machtmissbrauch, Unterdrückung und gesellschaftliche Spaltung bearbeiten die Kalifornier in ihren neuen Songs. Letzteres etwa im emotional gesungenen "Divided By Zero", das wieder das Blut in Wallung bringt und den Nacken zum Arbeiten zwingt.
Die Erinnerung blüht. Von den Bay-Area-Bands Ende der Achtziger hatten Forbidden damals einige der besten Voraussetzungen, auch den Sprung in die Grunge- und spätere Nu-Metal-Ära zu schaffen. Ihre Songs verbanden die harten Riffs schon früh mit Melodien und groovigen Momenten, die in den Neunzigern immer wichtiger wurden. Tatsächlich experimentierten sie auf "Distortion" und vor allem "Green" mit moderneren Sounds. Der große Durchbruch blieb dennoch aus, und 1997 löste sich die Band auf. Ihr Comeback-Album "Omega Wave" liegt inzwischen ebenfalls schon 16 Jahre zurück. Um so schöner, dass sie nun wieder da sind.
Forbidden hätten ihre Fans vermutlich auch nicht enttäuscht, wenn sie den eingeschlagenen Weg einfach stur fortgesetzt hätten. Doch mit "DCLXVI" verändert sich der Sound. Der treibende Thrash tritt zur Seite, und Forbidden beginnen, sich bei Tempo, Breaks und progressiven Songstrukturen auszutoben. "DCLXVI" selbst schleppt sich zunächst doomig mit Mönchschören und Synthies dahin, wird zunehmend vertrackter und steigert sich im weiteren Verlauf. "Psyclops" startet mit einem Groove-Metal-Beat, läuft jedoch ohne wirklich spannende Momente ins Leere. Komplett gegen den Strom schwimmt dagegen die sphärische Ballade "Jisei", die ohne große Hook auskommt. 'Jisei' bezeichnet in der japanischen Tradition ein Abschiedsgedicht, häufig im Angesicht des Todes.
Nach dieser wohltuenden Erholung rollt "Mutually Assured Dysfunction" wieder mächtig durch Kalifornien. Doch auch bei dieser kreativen Abwandlung von Mutually Assured Destruction, dem Prinzip der gegenseitig gesicherten nuklearen Vernichtung, gehen Forbidden für meinen Geschmack die zündenden Ideen aus. Auf dem wieder erstarkten "Sycophantasy" duelliert sich Skinner dagegen mit Mastodons Brann Dailor. Groove Metal galore – und ein Ritterschlag für den Forbidden-Shouter.
"The Burden" überzeugt hauptsächlich durch seinen Text und die Einbindung von Kayla Dixon als Gastsängerin. Der Song thematisiert die Ungleichbehandlung und den gesellschaftlichen Druck, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Mit Dixon erhält diese Perspektive auch eine eigene Stimme.
Leider scheitern die ambitioniertesten, progressivsten Tracks "Sol Grave" und "Flower Of Life (Chaos By Design)" zum Ende am unausgegorenen Songwriting. Forbidden wollen ihre Musik in neue Dimensionen führen, verlieren dabei jedoch stellenweise den Blick für die zwingenden Momente, die ihre besten Songs auszeichnen. Das gibt einem ansonsten guten Album einen kleinen Makel. Aber eben nur einen kleinen. Norman Skinner sei Dank.


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