laut.de-Kritik

Wikingerin auf rauer See.

Review von

Kennt ihr noch "Wickie und die starken Männer"? Ich musste jedenfalls bei Freya Ridings neuem Album total an die Serie denken, mit dem Unterschied, dass hier definitiv Wickies beste Freundin Ylvi die Protagonistin ist. Genau an die erinnert mich die Sängerin nämlich. Sie hat nicht nur ihr Label sondern auch ihr bisher eher sanftes Image gegen ein wilderes ausgetauscht. "Mother Of Pearl" ist eine Hommage an die keltischen Wurzeln der Britin, die vor allem für emotionale Balladen bekannt ist. Die warten natürlich auch im neuen Longplayer, verstecken sich jedoch etwas hinter den neuen rockigeren Stücken.

Pur und wild greift Freya im ersten Track zu Trommeln und lässt ihre Stimme die Melodie bestimmen. Sie singt "Euphoria 'cause I'm a warrior" und wirkt losgelöst und frei, genau so wie man sich eine Wikingerfrau eben vorstellt. Als im Chorus die Bratsche den Gesang unterstützt, streichen die Klänge über meine Ohren und setzen sich drin fest. Der nächste Track erinnert an Dermot Kennedy, Freyas einzigartige Stimme zähmt aber das "Wild Horse" bevor es zu schnell davon galoppieren kann.

"And when I saw you fall for her / My whole world crumbled into dirt". Ernüchterte Worte tanzen auf unaufgeregten Klaviertönen, die von Streichern bezirzt werden. Und obwohl es in "I Have Always Loved You" darum geht, dass die Liebe wie Sand durch die Hände rinnt, klingt der Verlust traurig und wunderschön zugleich. Nach der Depression kommt im Trauerprozess die Akzeptanz. Freya zupft eine versöhnliche Melodie mit ihrer Ukulele und vergisst jeden Zweifel, als sie ihre Kopfhörer aufsetzt und durch die Küche tanzt. So kitschig das auch klingen mag - ein bisschen Musik und Bewegung haben bereits einige Male meinen Elefanten zu einer Mücke geschrumpft.

Dumpfe Beats klettern gemeinsam mit Streichern nach und nach in epische Sphären. So schafft "R U OK?" den Sprung von der Verletzlichkeit in ein Becken voller Mut. Dramatisch präsentiert sich auch "Battleship". Leider etwas abgedroschen stampft der Rhythmus vor sich hin und Freya rutscht ins Jammern ab.

Ein Sturm zieht auf. "Wicker Woman" ist laut, leidenschaftlich und wirbelt einiges auf. "Woah, don't test me now, I'm burning out / I've found the fire that I've always needed". Eine entfesselte, kompromisslose und vor allem rockige Ode an die Freiheit.

Kontraste kreieren Emotionen. Freya Ridings erschafft in "If This Is A Dream" himmlische Nostalgie, die in der Luft herumtanzt wie der Drache, den man als Kind steigen hat lassen. Und obwohl der Track an die Vergangenheit erinnert, spannen moderne Elektro-Klänge den Bogen ins Jetzt. Ein Traum, aus dem man wirklich nicht aufwachen möchte.

Dass die Britin in ihrem neuen Album das macht, worauf sie wirklich Lust hat, bekräftigt sie im elften Track "Strength In Me". "No doubt it would turn you on / To watch me sing my broken song / Something inside of me has changed". So legt Freyas Schiff "Mother Of Pearl" nach 40 Minuten auf hoher See mit beruhigten Gitarrenklängen im Hafen an.

Trackliste

  1. 1. Euphoria
  2. 2. Wild Horse
  3. 3. I Have Always Loved You
  4. 4. Dancing In The Kitchen
  5. 5. Undefeated
  6. 6. R U OK?
  7. 7. Battleship
  8. 8. Wicker Woman
  9. 9. Mother Of Pearl
  10. 10. If This Is A Dream
  11. 11. Strength

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