laut.de-Kritik
Die Freaks ballern einem schelmisch Grooves um die Ohren.
Review von Alexander Cordas1996 taucht eine Combo auf dem Musik-Radar auf, die man einfach mögen muss. Die drei Freaks Huey Morgan, Brian Leiser und Steve Borgovin aus New York nennen sich Fun Lovin' Criminals, geben sich selbst das Image von Kleinganoven und mixen, sampeln und verrühren ihre Lieblings-Genres, die überhaupt keine Möglichkeit haben, bei drei auf dem Baum zu sein.
Das Glück war auf ihrer Seite, als sie als Ersatz für einen anderen Act bei einem Club-Gig einsprangen und zufällig ein EMI-Manager im Publikum saß, der die Band vom Fleck weg verpflichtete. Zu der Zeit hatten FLC bereits ein Demo-Tape in der Tasche, das die Grundlage für das Debüt "Come Find Yourself" bilden sollte.
Als das Trio dem Label die Aufnahmen vorlegte, bekamen die Verantwortlichen einen mittleren Schreikrampf, denn darauf befanden sich Samples von Phil Collins, Cream, Gary Wright, Van Halen und The Doors. Diese von den Rechteinhabern genehmigen zu lassen, hätte das eingeplante Budget der Truppe gesprengt. Kurzerhand mussten die drei die Parts im Studio irgendwie selbst aufs Band bannen. Der erfahrene Toningenieur Tim Latham (Black Eyed Peas, Britney Spears, A Tribe Called Quest, Erykah Badu) half ihnen, aus den Versatzstücken ganze Songs zu basteln.
Mit der professionellen Hilfe flutschte es dann fast wie von selbst, so dass die genehmigten zwei Wochen im Studio gar nicht in Anspruch genommen werden mussten. Heraus kam ein Album, das zwischen harten Rock-Anleihen, Funk, Blues und Hip Hop changiert und einige oberamtliche Brecher im Programm hat.
Den Einstieg erledigt der Representer-Track "The Fun Lovin' Criminal". Ein Countrygitarren-Riff zündet die Groove-Bombe. Huey Morgan wirft dem Hörer einige New York-Referenzen vor die Füße, und zwar "more freaky than Disco 2000". Letzteres war eine Party-Reihe im berühmten Limelight von Peter Gatien, der im Text auch namentlich erwähnt wird. Dass ihnen der Schalk im Nacken sitzt, machen sie hier schon deutlich: "I scream, I yell, I bark, I bite, I'll hit you with an egg on a hot summer night". Obacht!
In "Passive/Aggressive" verwursten sie die Rhythmus-Sektion der 1970er Buddy Miles-Schmonzette "Down By The River" auf Speed. Dem relaxten Beginn setzen sie im Refrain einen explosiven Kontrapunkt mit brettharten Gitarren und dem Krach einer explodierenden Bombe entgegen. Aber alles "with the mucho grande style" versteht sich. "The Grave And The Constant" agiert wie ein siamesischer Zwilling des Vorgänger-Tracks. Huey lamentiert darüber, dass Behörden, die ihn beim Koks-Dealen erwischt haben, vor die Wahl stellten: entweder die Marine oder Knast. Die Wahl fiel auf Erstgenanntes.
"Scooby Snacks" ist der wohl bekannteste Hit des Trios. Der spooky Gitarrensound bedient sich - Kleinganoven bleiben sich treu - bei "Movement Of Fear" der Band Tones On Tail. Obendrauf setzen sich dann noch Sprach-Samples aus "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs", für die Quentin Tarantino höchstselbst sein Okay gegeben hat, wofür er auch als Co-Songwriter in den Credits auftaucht. So bescherten die Fun Lovin' Criminals dem Regisseur sogar einen Top 20-Hit in UK.
Der Eklektizismus ist bei FLC Programm. "Bombin' The L" zitiert "Freebird" (Lynyrd Skynyrd) sowie Deep Purple und "King Of New York" Antônio Carlos Jobim. Die Criminals tun das aber ganz offen und basteln aus den einzelnen Elementen jeweils wieder etwas völlig Eigenständiges. Ob adrenalingetränkt, elegant moody ("Smoke 'Em", "Come Find Yourself", "Methadonia") oder wie die Rohrspatzen schimpfend ("Bear Hug"). Oder sie schieben einem einfach ein Sample eines 70er-Pornos unter. In "I Can't Get With That" erklingt die Melodie aus einem Schmuddelfilm namens "Same Time Every Year". Thematisch behandelt der Track die sozialen Verwerfungen in New York. Huey kann sich damit nicht anfreunden, eben "can't get with that!"
Wie ein kleiner Fremdkörper wirkt der ursprünglich von Louis Armstrong eingeröhrte James Bond-Song "We Have All The Time In The World". Die FLC-Interpretation klingt zwar nicht wirklich übel, aber im Kontext des Albums hätte man sich die Nummer auch sparen können.
Die immer wieder eingeworfenen Schwenks zwischen treibenden Grooves und einer entspannten, fast schon in Richtung Muzak tendierenden Relaxtheit prägen das Album von vorne bis hinten. Aber immer dann, wenn sich Hip Hop und Rock treffen, fliegt die Luzie. Leider haben sich FLC in ihrer weiteren Karriere etwas zu sehr an Barry White-Sounds orientiert als an New Yorker Hip Hop, so dass "Come Find Yourself" als Debüt auch gleichzeitig den kreativen Zenit der Band markiert. Aber einen, der einem im Jahr 1996 mit einem schelmischen Augenzwinkern den Groove um die Ohren ballerte.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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