laut.de-Kritik

Synth-Poesie zum Bandjubiläum.

Review von

Fast wie Geburtstagskerzen schmücken zwanzig bunte Dübelstäbe das Cover der Compilation "From A Hole In The Floor To A Fountain Of Youth". Angeordnet in vier Reihen, die den vier Seiten der LP entsprechen, steht jeder Stab für eine Rarität aus der zwanzigjährigen Geschichte der Synthpop-Band Future Islands. Je länger ein Lied des Quartetts aus Baltimore geraten ist, desto höher streckt sich der jeweilige Stab in die Höhe. Und die Farben, die das ursprüngliche Cover des Tracks auszeichnete, bestimmen jetzt das Farbenspektrum des zugehörigen Zylinders.

Das Album-Artwork des Künstlers Nolen Strals illustriert, wie detailverliebt und – bei aller Melancholie – farbenreich das Ensemble um Samuel T. Herring klingt. Mit einem bunten Mix aus B-Sides, EPs und japanischen Bonustracks, von denen die Hälfte noch nicht auf Streaming-Diensten erschienen ist, entscheidet sich die Band bewusst gegen ein handelsübliches Best-Of und stattdessen für eine alternative Werkschau – mit der Chance für die Hörer*innen, etwas Besonderes zu entdecken bzw. wiederzufinden.

"Als Kind habe ich es geliebt, mich anzustrengen, um Raritäten zu finden", erinnert sich Bassist William Cashion. "Indem wir diese Songs aus dem Netz ferngehalten haben, wollten wir unserem Publikum dieses Erlebnis des Entdeckens zurückgeben – und jetzt bringen wir sie alle ans Licht". Sänger Herring betont im gleichen Zusammenhang, dass auch ihn das Hören der Kompilation sehr emotional gemacht habe: "In gewisser Weise sind diese Songs jene Slow Burner, die es nicht auf die Alben geschafft haben. Ich wurde in Teile meines Lebens zurückversetzt, die ich schon lange nicht mehr betrachtet hatte. Es war unglaublich, diese Emotionen wieder zu spüren, und ich war stolz auf uns, wow ... schau mal, was wir geschafft haben, ohne es überhaupt zu merken".

Zweieinhalb Jahre nach dem siebten Studioalbum "People Who Aren't There Anymore" reflektiert "From A Hole" die Entwicklung der Post-Wave-Melancholiker, beleuchtet ihre Ästhetik, erklärt ihr bemerkenswertes Wachstum. Hörbar deutlich bildete sich der charakteristische Stil der Gruppe heraus. All die Bezüge zwischen Wehmut und Zuversicht, zwischen den Beats, Bässen, Keyboards und Herrings Sprechgesang-Philosophie erweisen sich im Rückblick als so sensibel, dass jede kleine Verschiebung zur Schieflage führen kann.

Gerade die frühen Lieder lassen eine präzise Abstimmung noch vermissen. Vielmehr handelt es sich um Versuche, Skizzen mit vielversprechenden Impulsen, oft noch unausgereift, umherirrend, überreizt. Obwohl die Schlüsselelemente von Anfang an da sind, finden sie noch nicht richtig zusammen: So entschieden das Leitmotiv des Trennungsschmerzes auf "The Ink Well" bereits ausformuliert ist, so sehr bremsen sich die Synth-Sounds gegenseitig aus. "Pinnochio", das während der ersten US-Tour entstanden ist und mit der titelgebenden "From A Hole"-Zeile startet, drängt schnell und akrobatisch nach vorne, stolpert aber letztlich über die eigenen Ambitionen. Im direkten Anschluss rotiert das Pet-Shop-Boys-Karussell "Happiness Of Being Twice" in schwindelerregende Höhen.

Das später perfektionierte Band-Rezept, Jahreszeiten in Popsongs zu verwandeln, gelingt bei "In The Fall" nur im Ansatz. Der Abgesang auf den Frühling ("And the spring will leave this room for now") verharrt zwischen monotonen Wiederholungen und wabernden Soundflächen. Herrings Gesang, der sich später durch eine minuziöse Reichweite auszeichnen wird, bewegt sich in "Awake And Dreaming" auf einer Extremstufe, die Tom Waits nacheifert, aber über das Ziel hinausschießt. "Virgo Distracts" wirft auch alles, was die Band hervorbringen kann – druckvolle Keyboardklänge, gebrüllte Worte – hoch in die Luft, ohne das Ganze auffangen zu können.

Doch im zweiten Drittel justieren Future Islands ihre Instrumente und fügen sie zu ihrer unverkennbaren Synthpop-Poesie zusammen. Obwohl ein großer Hit wie "Seasons (Waiting On You)" nicht auftaucht, treten die hymnischen Qualitäten der Band immer mehr hervor. Mit einem Electronica-Charme im Stil von New Order kombiniert "Find Love" die New-Wave-Klaviatur mit großem Pop-Pathos ("She said 'Open your heart to me'"). Auch "Cotton Flower" liefert einen verträumten Softpop-Hit, der jedem 80er-Liebesfilm gut gestanden hätte. "The Fountain" perfektioniert schließlich die sphärische Ästhetik: Rund um ein Naturgedicht ("He sits low, in a shady grove / Where the trees arc slow / In the shape of 'you know'") klingen die Instrumente wie zirpende Grillen, singende Vögel, wie Wolken, wie Träume.

Auch in fortgeschrittenen Karrieremomenten gelingt das Zusammenspiel der Future-Islands-Elemente nicht immer – "Tomorrow" löst sein Motown-Versprechen nicht ganz ein und das bislang unveröffentlichte "Rager (Demo)" buchstabiert seine Selbstdiagnosen zu genau aus. Doch zu entdecken – wie es sich Bassist Cashion gewünscht hat – gibt es viel. Sei es der "Seasons"-Zwilling "One Day", das majestätische Synthesizer-Bass-Manöver "The Chase" oder die flächige Motivationshymne "As Long As You Are". Letztere pointiert das existenzielle Spannungsfeld zwischen Leid und Glück, das die Band seit 20 Jahren umkreist. Am Anfang singt Herring "I was an artist when I was 17 / I was an addict when I was 23" und am Ende "You don’t give up / You never give up on me / Never gave up on me".

Trackliste

  1. 1. The Ink Well
  2. 2. Pinnochio
  3. 3. Happiness Of Being Twice
  4. 4. In The Fall
  5. 5. Awake And Dreaming
  6. 6. Virgo Distracts
  7. 7. Find Love
  8. 8. Cotton Flower
  9. 9. The Fountain
  10. 10. Tomorrow
  11. 11. One Day
  12. 12. The Chase
  13. 13. Calliope
  14. 14. Six Weeks
  15. 15. Haunted By You
  16. 16. Sail
  17. 17. As Long As You Are
  18. 18. Days
  19. 19. Rager (Demo)
  20. 20. Glimpse

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