laut.de-Kritik
Noch ein Wunderkind macht ernst.
Review von Yannik GölzDas hier hätte ehrlich in die Hose gehen können. Denn, so gemein das klingt: Talent-Wunderkinder wie Gianni Suave hatte Deutschrap schon ein paar Mal. Wie lange lauert dieser Kerl jetzt schon ohne Album im Halbschatten der Szene? Sieben Jahre? Acht? Dass er krass ist, hat man früh gemerkt. Aber irgendwann muss der Absprung passieren.
Gianni gehört zu den Deutschrappern, auf deren Rücken wir unsere Sehnsucht nach Klassikern legen. Die, die sich nicht um die Kendrick- und Cole-Vergleiche scheuen. Und genau deswegen werden Jungs wie er gerne zu Hype-Spekulations-Objekten, um die ihre Eingeschworenen Jahr um Jahr munkeln, dass das hier ja bestimmt, ganz bestimmt, ihr Jahr sei. Der Ahzumjot-Effekt.
Um so schöner also, jetzt endlich dieses Album in den Händen zu halten. "Ich Falle In Frieden" ist ein beeindruckendes Tape von einem beeindruckenden Artist, das zwischen einer Barrage an irre guten Flows mit einem sehr schönen Amirap-Referenzhorizont auch ein paar ehrlich bewegende menschliche Momente in die Tracklist zieht. Da passiert ganz schön viel, viel Ambitioniertes über die kompakte halbe Stunde Laufzeit. Und auch, wenn es vielleicht noch nicht ganz zum neidlosen Klassiker reicht, ist es doch ein wirklich starker Auftakt ins Albumformat.
Es fällt überhaupt nicht schwer, durch ein Highlight nach dem anderen zu gehen. Auf der einen Seite haben wir hier ein paar virtuose Storyteller. "Abuela" spricht über seine Großmutter und zeichnet ein vielschichtiges Bild von der Nähe und Distanz zwischen den beiden. Es klingt vieles in ihrem Verhältnis an, von einem Generationenkonflikt über eine Migrationsgeschichte, aber vor allem spürt man die Tenderness und die Liebe - besonders da, wo es Gianni vielleicht schwerfällt, sie auszudrücken. Er zeigt Beobachtungsgabe, er zeigt szenische Stärke, diese Beobachtungen aufs Textblatt zu bekommen. Vor allem, wenn er statt einer Hook mit ein paar an den genau richtigen Stellen wiederholten Lines dem Track dieses stockende, suchende, rastlose Gefühl gibt.
"L.V.E.B." hätte easy der nächste langweilige Beziehungssong über eine ach so schwierige Liebschaft sein können. Stattdessen nimmt er mit einem sehr schön ausstaffierten Bild die eigene Schuld daran auseinander, nicht die Person als Partner gewesen zu sein, die er gerne gewesen wäre. "Ich wollte sein so wie ein Fels / War ein Fels, fest an deinem Fuß / der dich runterzieht statt dich festzuhalten, that's the truth". Man könnte das jetzt phrasig als Auseinandersetzen mit Männlichkeit zusammenfassen, aber nichts an diesem Song ist phrasig. Von der Selbsterkenntnis, selber toxisch gewesen zu sein, bis zur Analyse, wie Unsicherheit und fehlender Selbstwert dorthin geführt haben, alles gebettet in supersmooth gebaute Lines. Das macht schon wirklich etwas her.
Auf der anderen Seite stehen Tracks, in denen Gianni sich absolut den Arsch abrappt. Wenn er auf "Dilemma/Estrel" Part für Part mit OG Keemo geht, finde ich seine Detroit-LA-eske Offbeat-Delivery mit den extrem nonchalanten Lines fast ein bisschen frischer und spitzer als Keemo - und das passiert dem bekanntermaßen selten. "UGGs" und "Facts" geben mir persönlich ordentliche Mixtape-Future-Vibes und Souly rappt auf "YingYang" eine interessante Uptempo-Variante auf Valees legendären "Two 16s"-Flow. "Say Some" schnappt sich die einleitende Musik von Cannes-Gewinner Emilia Perez, Scheißfilm, aber krasses Sample, das in den Opening-Shots schon ordentlich Stimmung gemacht hat. Schließlich hat ein Shoutout an Tylers "Igor" mit der dargebotenen Musik wenig zu tun, beweist aber wunderbaren Geschmack.
Man kann "Ich Falle In Frieden" generell gut unter der Kategorie "beweist wunderbaren Geschmack" subsummieren. Für ein erstes richtiges Album ist es der Aufgabe gerecht geworden, all den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Es ist ein komprimierter, aber wuchtiger Rundumschlag, in dem Gianni zeigt, dass er's eigentlich in jeder Kategorie draufhat.
Aber ein bisschen bleibt doch das Gefühl, dass das hier noch nicht der volle Umfang ist. Aber bei aller Virtuosität und so vielen krassen Einzeltracks bleibt mir doch der Eindruck, dass dieses Album keine Welt für sich ist. Das wäre für mich persönlich der Standard, um einen potentiellen Klassiker zu bemessen. Und das macht sich an vielen, dummen Kleinigkeiten fest: Die Tracklist fließt ein bisschen awkward, trotz der kurzen Laufzeit habe ich das Gefühl, dass die Stimmungen und Impulse ein bisschen unsortiert und wahllos aneinandergereiht werden. Das Cover ist lahm (nach Apsilon der zweite krasse Debütant, der dachte, die eigene Visage vor einer weißen Wand wäre das krasse artsy Statement, kommt schon Leute, try harder). Der Titel fühlt sich ein bisschen nonsensig an. "Ich Falle In Frieden" ist eine brettharte Assemblage extrem guter Einzelteile, die sich noch nicht ganz zu einem unglaublichen Ganzen zusammensetzen.
Es fühlt sich gemein an, die Review mit dieser eher negativen Note abzuschließen, aber so ist das eben mit den High Performern. Wer die Latte hochlegt, wird an einer hohen Latte gemessen. "Ich Falle In Frieden" ist ein gutes Album von einem irre guten Rapper. Aber wie so oft mit den Wunderkindern, die theoretisch gesehen künstlerisch alles könnten, liegt der Teufel dann darin, diese endlosen Möglichkeiten wirklich zu einer, definitiven Entscheidung und einem definitiven Sound zu verweben. Zu machen, dass das Album sich wie genau eine Welt anfühlt. Stand jetzt taumelt Gianni virtuos durch eine wundervolle Bibliothek krasser Amirap-Alben, zeigt mal hierhin und mal dorthin, erzählt ab und zu begnadet etwas Persönliches. Aber die Spuren eines Albums, das ohne Abstriche zu 100% kompromisslos er selbst ist, hört man noch nicht komplett. Aber: Wenn das hier sein "Section.80" ist, dann ist Sky der Limit.
9 Kommentare mit 2 Antworten
catcht mich gar nicht
Überzeugt auf ganzer Linie, sehr gutes Produkt.
Bisschen viel "ich geh Bahnhof" aber mich catcht der. Sehr gute review.
100 Tonnen Liebe für den Beziehungssong. Der ist jetzt nicht mal wahnsinnig origenell, aber wholeseome, dass es sowas noch gibt, wo Typen nur über Bitches und Frauen nur über toxic Boys erzählen. Zu dem Thema klingt ja auch ein Keemo wie ein 13-jähriger.
Sonst teilweise Beats, Carino ist ein Hit, aber insgesamt komm ich auf diesen Stop and Go Flow nicht klar. Dieses Off Beat genuschel ist von mir aus aus Harvard inspiriert, aber das gibt mir gar nix.
Das neue Jace Tape macht mir gerade deutlich mehr Laune.
Hmmmm... find ich schon wesentlich besser als den Rest, der sonst so aus dieser Ecke kommt, so richtig nimmts mich aber nicht mit.
Beats sind in Teilen wirklich sehr, sehr gut (Carino 2021!!!), und es ist auch schon geil, wie locker er in diese off-beat delivery und wieder zurück stolpert, wie er Pausen setzt und Wiederholungen nutzt, das beweist alles schon sehr viel Gefühl, gefällt mir sehr. Um es richtig gut zu finden, sind mir die Texte aber stellenweise echt ein bißchen dünn. "du kamst damals rein mit dieser roten Jacke / 2 Stunden später auf Balkon wir waren nur am Lachen" ääääh. ja. okay. Oder auch sowas wie "ich könnt mich nicht ficken / voher fick ich mich selbst", das ist halt echt peak generisch.
Souly Part ist sehr dope.
3/5
Ich mag fette Beats und den Sound finde ich sehr gelungen. Textlich und strukturell ist es mir aber etwas zu naiv(oder ich bin einfach zu alt) da könnte ich schon etwas mehr Inovation und Komplexität vertragen. Insgesamt zu gut um es gar nicht zu hören aber für mich zu wenig um es nochmal zu hören.