laut.de-Kritik
Die Hardrock-Institution gibt sich modern und klassisch zugleich.
Review von Markus SeibelDie Schweizer Hardrock-Institution Gotthard meldet sich 2026 mit einer Veröffentlichung zurück, die als kraftvolle Ergänzung zum aktuellen Album "Stereo Crush" von 2025 gedacht ist. Schon der Titel "More Stereo Crush" macht deutlich, dass es sich um mehr als eine einfache Resteverwertung handelt. Vielmehr versteht sich die Veröffentlichung als musikalischer Nachschlag.
Seit den frühen 1990er-Jahren gehören Gotthard zu den prägenden Hardrock-Bands Europas. In einem Atemzug werden sie häufig mit ihren Landsmännern von Krokus genannt. Auch auf vorliegender EP zeigt die Band, warum sie diesen Status über Jahrzehnte behaupten konnte: Kraftvolle Gitarren, melodische Hooklines und ein klarer Hardrock-Drive prägen das Klangbild. Gleichzeitig wirkt die Musik keineswegs nostalgisch oder rückwärtsgewandt. Vielmehr verbinden Gotthard ihre klassischen Trademarks mit einer modernen Produktion. Dadurch entsteht ein Sound, der vertraut und zugleich frisch wirkt. "More Stereo Crush" präsentiert sich als kompakte, energiegeladene Veröffentlichung.
Mit insgesamt acht Tracks fällt die EP überraschend umfangreich aus. Besonders interessant ist, dass fünf der Stücke bislang unveröffentlichte Songs aus den Sessions zu "Stereo Crush" sind: Das Material zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig die Band in dieser kreativen Phase arbeitete.
Einer der auffälligsten Titel heißt "Ride The Wave". Der Song verbindet klassische Hardrock-Attitüde mit spürbarer Live-Energie. Gitarrist Freddy Scherer erklärt, dass der Track mehrere Versionen und Aufnahmesessions durchlief, bevor er seinen endgültigen Sound fand. Genau diese intensive Entwicklungsphase hört man dem Stück auch an. Treibende Gitarrenriffs sorgen für ordentlich Druck. Gleichzeitig baut sich im Verlauf des Songs eine zunehmende Dynamik auf. Besonders das ausgedehnte Jam-Outro verleiht dem Titel eine fast schon klassische Rock-Atmosphäre. Sänger Nic Maeder liefert dazu eine sehr kraftvolle Performance: Seine Stimme verbindet Energie mit melodischer Präzision.
Ein wichtiger Grund für die anhaltende Qualität der Band liegt in der stabilen Besetzung. Mit Gitarrist Leo Leoni und Bassist Marc Lynn stehen noch immer zwei Gründungsmitglieder im Zentrum des Geschehens. Gemeinsam mit Freddy Scherer und Nic Maeder bilden sie das Rückgrat der Gruppe. Seit 2021 sitzt Flavio Mezzodi am Schlagzeug, der sich nahtlos in das Klangbild der Band einfügt. Die Musiker wirken auch auf "More Stereo Crush" wie ein eingespieltes Team.
Gerade die Tatsache, dass mehrere Mitglieder aktiv am Songwriting beteiligt sind, sorgt für kreative Vielfalt. Die Gitarrenarbeit bleibt aber das zentrale Element des Sounds: Riffs treffen auf melodische Leads und das solide Fundament der Rhythmussektion. Die Songs wirken kompakt und zielgerichtet. Insgesamt entsteht der Eindruck einer Band, die genau weiß, wie sie ihre Stärken ausspielt. Diese Geschlossenheit prägt auch die Wirkung der EP.
Die Produktion trägt ebenfalls zum starken Gesamteindruck bei. Verantwortlich zeichnet der langjährige Gotthard-Producer Charlie Bauerfeind. Die Zusammenarbeit hat sich über viele Jahre als äußerst fruchtbar erwiesen. Auf "More Stereo Crush" sorgt er für Druck und Transparenz. Die Gitarren stehen klar im Vordergrund, ohne die Balance insgesamt zu stören. Gleichzeitig bleibt genügend Raum für Dynamik und Details.
Bauerfeind versteht es, die Energie der Band authentisch einzufangen. Die Produktion wirkt modern, ohne die klassischen Hardrock-Wurzeln zu verlieren. Man spürt deutlich, dass Band und Produzent ein eingespieltes Team sind. Viele kreative Entscheidungen scheinen fast intuitiv zu entstehen. Dadurch wirkt das Klangbild lebendig und kraftvoll zugleich.
"More Stereo Crush" erweist sich als überraschend gehaltvolle EP, die mehr als nur ein Bonus zur Albumveröffentlichung darstellt. Gotthard präsentieren starkes Material, das problemlos auch auf einem regulären Studioalbum bestehen könnte. Damit beweisen die Schweizer einmal mehr, dass sie auch nach Jahrzehnten im Geschäft noch voller kreativer Energie stecken.


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