laut.de-Kritik
Erwachsener Pop-Punk für nostalgische Abende.
Review von Rinko HeidrichHuch, was ist denn hier los? "I Know Where Mark Chen Lives" – der aktuelle Song von Joyce Manor klingt so authentisch nach Nullerjahre-Emo-Punk, dass er eine Apple-Music-Sammlung wieder in CD-R-Rohlinge und zurück verwandelt. Der Sound von Joyce Manor ist komplett aus der Zeit gefallen. "I Used To Go To This Bar" richtet sich an eine Zielgruppe, die durch den Katalog des Drive-Thru-Labels (New Found Glory, Allister, Something Corporate) oder ähnliche Bands wie Taking Back Sunday sozialisiert wurde. Diese Zeit der Sorglosigkeit rückt mit jedem Jahr weiter in die Ferne und verblasst wie die Blink 182-Poster an der Wand. Es ist ein kurzes Aufflackern jener frühen Tagen, in denen Joyce Manor auf Alben wie "Cody" noch deutlich wütender klangen.
Die Joyce Manor-Mitglieder sind inzwischen alle Ende 30. Das Hauptaugenmerk der Lyrics spiegelt dementsprechend nicht mehr die Erlebniswelt jüngerer Menschen wider. "All My Friends Are So Depressed" erinnert an den erwachsenen Sound von American Football. Die Wut ihrer 2010er-Alben scheint komplett verschwunden, dafür dominiert nun genau die große Resignation im Erwachsenenleben.
Ein Klassiker, genau wie The Smiths. Diesen Spagat aus großem Selbstmitleid-Pathos und doch trotzigem Stolz schaffen Joyce Manor auch – wobei der Sänger viel mehr 100 gecs als Einfluss sieht. Was erstmal vollkommen konstruiert wirkt, ergibt bei den Lyrics dann mehr Sinn. Da kann Sänger Barry Johnson noch so sehr den Morrissey in sich herauslassen, aber der Gedanken-Teppich von "All My Friends Are So Depressed" klingt tatsächlich mehr nach dem eigenwilligen Humor der kalifornischen Hyperpop-Punk-Band als nach spöttischer Anprangerung der gesellschaftlichen Zustände. Joyce Manor bleiben lieber in ihrem eigenen, privaten Kosmos und wollen nicht die Probleme des Planeten alleine lösen.
Ansonsten liefern Joyce Manor genau das Erwartbare – und genau das machen sie richtig. Die Pop-Punk-Songs gehen gut rein, die druckvolle Produktion von Brett Gurewitz (Bad Religion) erledigt den Rest. "I Used To Go To This Bar" ist ein Album, das keine Moshpit-Verpflichtung auslöst und perfekt zu Menschen passt, denen das Leben bereits mehrere Stolperfallen gestellt hat, die aber trotzdem keinen Anlass zur totalen Verbitterung sehen.
"After All You Put Me Through" ist dann eben keine euphorische Teenager-Dummheit mehr, sondern ein dankbares Nicken in Richtung eines Menschen, der trotz aller Fehler auch in dunklen Momenten blieb. Ein schöner Song über fortschreitende Melancholie und Reflexion des bisherigen Lebens. Genau so landet man schließlich im Vorprogramm von Weezer, die ebenfalls zwischen Spaß und Ernsthaftigkeit balancieren.
So verläuft auch der Rest des Albums: Es möchte dein treuer Begleiter und verständnisvoller Kumpel sein. Songs wie "Grey Guitar" kippen aber leider in Beliebigkeit, da der hohe Y2K-Nostalgiefaktor einfach nicht jeden Track allein trägt. So schön "Weißt-du-noch?"-Erinnerungen auch sind – es nervt ziemlich schnell. Sie finden auf Treffen statt, bei denen frühere Albernheiten mit lautem Gejohle begossen werden, bevor man später unter Tränen einer Zeit nachweint, die so nie wiederkommt.
Joyce Manor bieten eine ähnliche bittersüße Sehnsucht nach Vergangenheit, aber fassen in nicht mal 19-Minuten-Albumlänge die Tragik und Ironie des Erwachsenenlebens deutlich angenehmer als die nächste Steuererklärung oder Zwangsverabredung zusammen.


1 Kommentar
Hmja, wenn es die Menzingers nicht gäbe, würde ich das vielleicht mal hören.