laut.de-Kritik

Der Hamburger Rapper perfektioniert seine eigene Formel.

Review von

Auf den ersten Blick wirkt der langfristige Erfolg von Kalim etwas überraschend. Der Hamburger hat weder einen Major im Rücken, noch das typische Superstar-Charisma. Er hat seit seinem Weggang von Alles oder Nix Records auch keine Labelcrew, sondern stemmt seine Karriere zumindest nach außen mehr oder weniger im Alleingang. Trotzdem ist er auch mit seinem inzwischen zwölften Projekt "Free Game" kommerziell relevant. Woran das liegt? Der Rapper beweist immer wieder ein untrügliches Gespür für die aktuellsten Trends, die er dann allerdings nicht einfach kopiert, sondern ganz dosiert mit seinem eigenen Trademark verbindet und in seine eigene Nische übersetzt.

Aktuell finden sich in seinem Sound vor allem die Einflüsse des modernen Berliner Rap wieder, speziell der 1019-Jungs Nizi und Lucio sowie Caney030, mit denen Kalim bereits diverse Kollabos hatte. So bestimmen auch auf "Free Game" zitternde Trap-Beats und hektisch genuschelte Flows das Bild, wenn auch nicht ganz in dem Ausmaß wie auf dem Vorgänger "Nur für meine Augen". Dazu die markante Stimme des Hamburgers und der übliche Guntalk, fertig ist eine Kalim-Platte im Jahr 2026.

Dabei profitiert er extrem von seinen Skills, seine bekannten Pushertales auf eingängige Beats zu legen, ohne dass es je angestrengt oder gar gewollt klingt. Im Gegensatz zu etwa Luciano scheint sich Kalim aber seiner recht einseitigen Delivery bewusst zu sein, weshalb bis auf eine Ausnahme alle Songs lediglich um die zwei Minuten lang sind und wir bei 13 Songs nur auf eine Gesamtlaufzeit von gerade mal 28 Minuten kommen.

Trotzdem fehlt nichts in den Tracks, im Gegenteil: Diese Art Musik braucht gar nicht mehr Ausdifferenzierung, musikalische Vielfalt oder künstlerisch anspruchsvolle Weiterentwicklung. Sie braucht Geschichten über Waffen, Drogen und Luxusuhren. Klar, eine Offenbarung ist das nicht, aber diesen sehr klar definierten Themenbereich bedient fast niemand so konsequent wie der Mann aus Billstedt.

Überhaupt diese etwas skurrile Vorliebe für Waffen, das mit Abstand liebste Thema des Rappers. Besonders die Glock scheint es ihm angetan zu haben, was bereits Auswirkungen auf sein Leben abseits der Musik hat: Ende 2025 wurde er mit eben jenem geladenen Modell festgenommen, als er zwei junge Männer damit bedroht haben soll.

Trotzdem vertraut er niemandem außer seinem Lauf, wie er schon im gesprochenen Intro "Free Speech 2" unmissverständlich klar macht. Die eigene Kriminalakte kümmert Kalim da wenig, sie untermauert höchstens seine Authentizität, denn er wird nicht müde zu erwähnen, wie regelmäßig er vor Gericht steht. Bereits die ersten gerappten Zeilen des Albums auf "Fenta Freestyle" fassen das hervorragend zusammen: "MP 40, Glock 19 wie'n verdammter Terrorist / Mein P-Mag hat gejammed auf der Billstedter Hauptstraße / **** macht 'n Lebensgeständnis und 'ne Aussage, ah / So viele Seiten, als hätte ich ein Buch gelesen / Nach dem Gerichtstermin ließen wir Kugeln regnen / Wir hab'n die Akten, lo, wir hab'n das Footage /Wenn's mit Rap nicht klappt, seit '08 sind wir hood-rich".

Im Prinzip könnte ich aus jedem anderen Song ähnliche Zeilen zitieren, die düstere Gangster-Story läuft durchgängig in HD, nur der Soundtrack ändert sich ab und an. Genau darin liegt der Reiz: Ähnlich wie bei einem Hollywood-Actionblockbuster weiß man schon vorher, worauf man sich einlässt und bekommt seine Erwartungen erfüllt. Irgendwie Dienst nach Vorschrift und irgendwie Fanservice, aber der Interpret ist einfach zu talentiert, als dass er beliebig klingen würde. Ihn umgibt diese gewisse Aura, die er mit seiner markanten Stimme, seinem besonderen Flow und seinem sicheren Beatpicking transportiert. Sympathisanten lassen sich komplett auf den Film ein und picken je nach eigenen Vorlieben ihre Perlen. Alle anderen lassen wegen der immer gleichen und damit etwas hängengebliebenen Texte lieber die Finger davon.

Als Anhänger des "Thronfolger"-Kalims gefällt mir z.B. "Prestos" mit seinem übersteuerten und bedrohlich brummenden Instrumental, aber auch die melodisch-vibige reezy-Kollabo "Rauch". Die minimalistisch-deprimierende Blockgeschichte "8. Stock" mit Nate57 oder das Outro "Alte Geister" mit seiner prägnanten Gitarrenmelodie klingen ebenfalls sehr überzeugend. Wer erst später auf Kalim gestoßen ist, findet seine Highlights aber vielleicht eher in den eigenwillig geflowten und sich hektisch überschlagenen "Addict", "Fenta Freestyle" oder "Show Off" mit Lucio101. Etwas überraschend wirkt der Einsatz von elektronischen Elementen auf dem housigen "DND" mit dem Producer-Kollektiv nocashfromparents und dem hypnotisch-technoiden "Party & Bullshit" mit Nizi19 und Caney030. Beide Tunes wirken aber nicht deplatziert, sondern tragen mit ihrem düsteren Ghetto-Sound trotzdem die deutliche Handschrift des Hamburger Rappers.

Es kann kein Zufall sein, dass fast alle Songs von "Free Game" aktuell in den zehn Top-Songs von Kalim auf Spotify platziert sind – der Artist perfektioniert seine eigene Formel und schafft damit einen seltenen Spagat zwischen Albumkünstler und Musik für den aktuellen Markt. Innovationen finden sich hier nicht, aber das erwartet auch niemand. Stattdessen weiß der Rapper genau, wo er seine Inspirationen findet und wie er diese punktuell seinem Style hinzufügen kann, ohne seine Songs zu verwässern.

Trackliste

  1. 1. Free Speech 2
  2. 2. Fenta Freestyle
  3. 3. Addict
  4. 4. Show Off feat. Lucio101
  5. 5. Prestos
  6. 6. DND feat. nocashfromparents
  7. 7. Party & Bullshit feat. Caney030 & Nizi19
  8. 8. Rauch feat. reezy
  9. 9. Touch Your Toes feat. Nimo
  10. 10. Woods
  11. 11. 8. Stock feat. Nate57
  12. 12. Turbo S
  13. 13. Alte Geister

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Kalim

"Meiner Meinung nach mache ich keinen Gangstarap, ich mache einfach Straßenrap. Rap kommt von der Straße. Ich erzähle, wo ich herkomme, auf Westcoast-mäßigen …

1 Kommentar