laut.de-Kritik

2026 ist eine gute Zeit für 80s-Synthpop.

Review von

"New York, London, Paris, Munich, everybody talk about pop music", heißt es auf dem 1979er Kultsong "Pop Muzik" von M. Bei Ladytron lauten die kreativen Epizentren seit einiger Zeit London, Liverpool, São Paulo, Montrose. Letzteres ist eine Hafenstadt im Osten Schottlands. Im Versmaß des M-Hits würden die vier Städte hilflos umherpurzeln, aber die Lust zum Disco-Beat, die hat Ladytron wieder ergriffen.

"Die Hauptmotivation für diese Platte war es, Spaß zu haben, und das hat endlich wieder geklappt." Sängerin Helen Marnie klingt, als seien die letzten Alben "Ladytron" (2019) und "Time's Arrow" (2023) eine einzige Qual gewesen, verschwendete Zeit, die sie viel lieber in ihrer eigenen Coffee Bar in Montrose verbracht hätte.

Tatsächlich meint Marnie damit wohl die auffallend stringente Ausrichtung von "Paradises" auf Upbeat-Momente und die Herangehensweise an die Aufnahmen: In kompakten fünf Monaten gemeinsamer Studiozeit (also alle Mitglieder im selben Raum) sprudelte es aus ihnen heraus wie lange nicht: Mit 16 Songs ist "Paradises" das längste Album ihrer Karriere.

"I Believe In You" geht mit einem funky House-Beat nach vorne, der Harmoniegesang von Marnie und Kollegin Mira Aroyo (London) reißt die Kontrolle an sich und Daniel Hunt (São Paulo) ergänzt subtil Streicher, Handclaps und Cowbell-ähnliche Percussions. Das Refrain-Mantra hallt scheinbar ewig nach wie eine perfekte, nicht endende Disconacht. Das dunklere "In Blood" baut unterschwellig Spannung auf, als bereite es auf das folgende "Kingdom Undersea" vor. Eine unwiderstehliche Klavier-Hook verbindet sich mit pulsierenden Synths, yes, wir sind auf den Balearen im Jahr 1989, die Afterhour nach dem New Order-Rave kickt rein und die Playgirls Marnie und Aroyo entführen uns in eine Traumwelt, die das Prog-Rock-Cover suggeriert: "Why don't you come with me to a kingdom undersea / Come find me, come find me!"

Keyboarder Hunt macht außerdem Dinge, die man nicht von ihm kennt: Er singt die erste Strophe mit Aroyo und begleitet später Marnie, seine Stimme dabei leicht verfremdet, so dass die verwunschene Stimmung aufrecht erhalten bleibt. Die Passagen gehen fließend ineinander über. Der beste Ladytron-Song seit sehr vielen Jahren.

Das treibende "I See Red" ist dann eine deutliche Annäherung an das Frühwerk "Light & Magic", "A Death In London" wiederum verbindet eine dystopische Atmosphäre mit einem verträumten Saxofon, nach Aussage der Band "die Seele des Albums."

Die Länge des Albums gereicht den Briten nicht immer zum Vorteil. Speziell in der Mitte versammeln sie einige schillernde Synth-Popsongs, die den gewollt ätherischen Charakter des Soundbilds unterstreichen, dabei aber etwas konturlos ausfallen ("Sing", "Free, Free"). Das stört das Hörvergnügen aber nur bedingt und letztlich ist es auch ein Statement, ein 73 Minuten langes Album in einer Zeit zu veröffentlichen, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Zielgruppe immer kürzer wird.

Wie sehr sich Hunt wünscht, schon in den 80ern Musik veröffentlicht zu haben, treibt "Metaphysical" auf die Spitze: Klassische 80s Drum-Reverbs und eine warme Analog-Szenerie umgarnen uns, derweil scheinen Marnie und Aroyo in ihrer Vocal-Monotonie erstarrt zu sein - ahh, ahh, we fade to grey! Mit der potenziellen Single "Caught In The Blink Of An Eye" und dem imaginativ-smoothen Abschlusssong "For A Life In London" haut das Trio dann noch zwei Highlights raus.

Es ist eine gute Zeit für 80s-Synthpop. Der Analogsound auf "Paradises" dürfte Ladytron einige Fans ihrer frühen Alben zurückgewinnen, die mit dem über die Jahre eingearbeiteten Rock-Appeal fremdelten. Nach "Irreversible" von Brigitte Calls Me Baby ist dies bereits die zweite tolle Platte in 2026, die das sogenannte Synth-Pop-Jahrzehnt angemessen feiert.

Trackliste

  1. 1. I Believe In You
  2. 2. In Blood
  3. 3. Kingdom Undersea
  4. 4. I See Red
  5. 5. A Death In London
  6. 6. Secret Dreams Of Thieves
  7. 7. Sing
  8. 8. Free, Free
  9. 9. Metaphysica
  10. 10. Caught In The Blink Of An Eye
  11. 11. Evergreen
  12. 12. Ordinary Love
  13. 13. We Wrote Our Names In The Dust
  14. 14. Heatwaves
  15. 15. Solid Light
  16. 16. For A Life In London

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Ladytron

Manchmal macht sogar der NME alles richtig. Drei Ladytron-Songs kürten Redakteure der meinungsmachenden UK-Musikgazette innerhalb eines Jahres zur "Single …

1 Kommentar

  • Vor 8 Tagen

    Ich kenne außer diesem Album nur Light & Magic, habe also Ladytron's oben erwähnten Rock-Ausflug komplett verpasst, und im Vergleich zum alten Album fehlt mir hier etwas die Verspieltheit und damit auch Abwechslung.

    Es plätschert ganz gefällig vor sich hin, würde bei mir aber nur für 3/5 reichen.