laut.de-Kritik
Mit Euphorie und Traurigkeit in die Indie-Beletage.
Review von Michael SchuhBrigitte Calls Me Baby - was klingt wie eine Combo aus Castrop-Rauxel (sorry, aber) entpuppte sich 2024 als Brainchild einiger amerikanischer Jugendlicher. Sänger Wes Leavins träumte sich als Teenager in Texas in die Nähe der französischen Filmdiva Brigitte Bardot, deren ikonischer Glanz in späteren Jahren wegen diverser Aussagen verblasste.
Das passt insofern hervorragend, als dass Brigitte Calls Me Baby für einen Sound stehen, der frappierend an die Smiths und Morrissey erinnert, dessen ikonischer Glanz in späteren Jahren wegen diverser Aussagen verblasste. Für ein Debütalbum verkaufte sich "The Future Is Our Way Out" nicht schlecht, aber angesichts der auffälligen Klasse des Songwritings auch nicht gerade herausragend.
Das soll nun anders werden, wie schon das Cover andeutet. Nichts mehr mit künstlerisch-abweisender Pose und s/w-Ästhetik. Jetzt wird in schwarzgekleideter Mannschaftsstärke grüblerisch ernst in die Gegend geschaut vor einem künstlich blauen Canva-Himmel. Optisch Thompson Twins, inhaltlich 80s-Indie. Pop ja, aber bitte mit Tiefgang. Why not? Ihren schrammeligen New Wave hat das Quintett deutlich auf links gedreht.
Schimmernde Synthies schleifen jetzt sämtliche Sun-Records-Bezüge im Brigitte-Soundbild ab, aber gleich in "There Always" schmachtet Wes Leavins wieder so unnachahmlich los, dass man ihnen dies nicht verübelt. Der ehemalige Elvis-Imitator ist ohnehin nach wie vor das große Pfund dieser Band. Der fast schon plumpe Rock in "Slumber Party" verstört etwas, aber danach liefern BCMB mit "I Danced With Another Love In My Dreams" und "These Acts Of Which Were Designed" wieder die musikalische Entsprechung zu Leavins' Pomadenfriese, seinem Fingerschmuck und den tief sitzenden Hemden.
Es ist pompös in Szene gesetzter Indie-Pop, der die Euphorie, die Traurigkeit und somit die Herausforderungen der Adoleszenz perfekt verkörpert. Die 80s-Vibes könnten glatt dem John Hughes-Film "Pretty In Pink" entsprungen sein. "Truth Is Stranger Than Fiction" lässt deutlich ihre Strokes-Vorlieben hervortreten und könnte zum Hit der Platte avancieren, den man live grölend abfeiert. In "The Pit" und vor allem "I Can't Have You All To Myself" bewerben sie sich dann ganz offiziell als The Cars-Nachfolgeband ("Drive") und lassen das Album mit zwei unauffälligeren Songs ausklingen.
Das Tolle ist, dass all die Referenzen dem Spaß an Brigitte Calls Me Baby nichts anhaben können. Die fünf Musiker aus Chicago legen hier das zweite überaus passable Studioalbum vor und treten den Beweis an, dass man es auch mit dem albernsten Bandnamen in die Indie-Beletage schafft. Dass "Irreversible" praktisch zeitgleich mit dem neuen Morrissey-Album erscheint, ist womöglich die beste Pointe.


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