laut.de-Kritik
Der antike Klang eines Kriegstraumas.
Review von Dominik LippeIm Grunde hat das Werk 3000 Jahre lang nur auf Christopher Nolan gewartet. Homers Epos über den Sieg Odysseus im Trojanischen Krieg und seine langwierige, abenteuerreiche Heimkehr fügt sich optimal ein in dessen Filmografie über Männer im Kampf gegen die Götter, die Welt und sich selbst. Das Pathos der griechischen Mythologie gehört ohnehin zur DNA seines Schaffens. In "Die Odyssee" kombiniert der Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion diese Elemente mit hochauflösenden Bildern, aus denen die körperliche Anstrengung aller Beteiligten schweißnass heraustropft, sowie seiner bekannten Aversion gegen chronologische Handlungsabläufe und – natürlich – jede Form von Humor.
Bereits zum Jahreswechsel hatte sich eine fruchtlose Debatte über die Authentizität der Verfilmung entsponnen, die darin gipfelte, dass Elon Musk eine eigene, "historisch akkurate" Fassung des fiktiven Stoffs ankündigte. Zumindest in Bezug auf die Musik dürfte Nolan in den Augen seiner Kritiker frei von Schuld geblieben sein. Wie zuletzt etwa im Falle von „Gladiator II“ bevorzugte der Regisseur historische Instrumente, um den orchestralen Ansatz der Hollywood-Epen der 1950er-Jahre zu vermeiden. Und Ludwig Göransson erhielt nach "Tenet" und "Oppenheimer" erneut den Auftrag, seine Vorstellung umzusetzen.
"Chris hatte früh erwähnt, dass er sich für den Aulos interessiert", schilderte Göransson in einer Studio-Dokumentation. "Der Aulos war ein altgriechisches Instrument. Er war tausend Jahre lang das beliebteste Rockstar-Instrument überhaupt." Callum Armstrong spielte für den Film auf einer Nachbildung des Blasinstruments. "Das Original stammt aus dem sechsten oder fünften Jahrhundert vor Christus. Keine der ursprünglichen Rohrblätter hat die Zeit überdauert", erklärter der Musiker. "Wir mussten jede Menge antike Quellen lesen und versuchen zu rekonstruieren, wie sie das damals gemacht haben."
Die griechische Musikwissenschaftlerin Rosa Fragorapti wiederum nahm sich die Lyra vor, ein Saiteninstrument, das zu den Leiern gehört. Göransson griff zudem auf zeitgenössische Sounds in Form von Gongs und Gegenständen mit Bronze-Legierungen sowie auf Naturklänge zurück. Er reiste nach Albanien, um Flöten aufzunehmen, welche die dortigen Hirten seit Jahrtausenden spielen, und um einen folkloristischen Gesangsstil einzufangen. Beeindruckend verkopft wirkt sein ganzer Arbeitsstil, doch im Vergleich zur filigranen Kettenreaktion von "Oppenheimer" dürfte sich die Musik damit schwer tun, bei vielen Kinobesuchern eine nachhaltige Wirkung zu entfachen.
"Zeu's Law" eröffnet "The Odyssey". Ein leichtes Glockenspiel steht im Kontrast zur dumpfen Vibration und düsteren Atmosphäre, die klingt, als befehle der Göttervater weniger vom Olymp herab, als vielmehr aus der Unterwelt. Auch wenn ihn Odysseus (Matt Damon) und seine Männer im Lauf des Film stets als gastfreundlich charakterisieren, scheint Zeus keinen Laissez-faire-Führungsstil anzuwenden. Wie idyllisch sind die Verhältnisse dagegen auf ihrer Heimatinsel "Ithaca"? Harmonisch und naturverbunden setzt Göransson die antiken Instrumente ein. Zart schmiegen sich auch die Blasinstrumente in "Penelope" an die gleichnamige Ehefrau des Helden (Anne Hathaway) an.
Als eine Art Faustregel etabliert der Komponist: Je fremdartiger die Orte und Begegnungen, desto weiter traut sich die Musik, den vorgeschriebenen antiken Rahmen zu verlassen. Elektronisch verfremdete Stimmen, ein verzerrter Countdown und stoßweise abgeschossene digitale Feuerbälle begleiten den Weg durch den Hades, wo Odysseus und seine Mannschaft gefallene Kameraden antreffen. Aus den Wäldern der Insel Aiaia greifen die hünenhaften "Laestrygonians" in glänzender Ganzkörperrüstung an. Kriegstrommeln, Schlachtrufe und ein markantes elektronisches Gerüst begleitet die Schlacht.
Spektakulär fällt die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem aus. Bedrohlich hallt "Cyclops" durch die Gänge der Höhle, in der die Truppe dem Ungetüm nach um nach zum Opfer fällt. Metallische Streicher versetzen der Hörerschaft Stiche, unterdrückte verzerrte Schreie vermitteln ein klaustrophobisches Gefühl. Noch spektakulärer fällt das Stück im Film in Verbindung mit den Soundeffekten des einäugigen Riesen aus, den die Besatzung blendet. Sie begreifen erst zu spät, dass es ein Sohn des Meeresgottes Poseidon war, der ihnen die Weiterreise auf hoher See deshalb deutlich erschweren wird.
Zu den Schlüsselszenen gehört die Fahrt entlang der Felsen der Sirenen. Odysseus befiehlt seiner Mannschaft, sich Wachs in die Ohren zu stecken, während er selbst – festgebunden am Mast – den Gesang hören will. Matt Damon schmerzverzerrtes Gesicht, das sich längst zum Meme entwickelt hat, zeugt von den Qualen, die er erleiden muss. Das Publikum jedoch ist von Odysseus' Wahrnehmung abgeschnitten. "Sirens" klingt bisweilen, als schwimme der Zuschauer unter Wasser, als ob er seine Ohren wie jene der Soldaten präpariert hätte. Im zweiten Teil des Stücks setzen die Blasinstrumente zu einem bedauernswertes Klagelied an, während der Held seinen Erfahrungsbericht wiedergibt.
Wie der Gesang gewesen sei? "Wie alles, was mach sich wünscht. Und dann wie alles, was man sich lieber nie gewünscht hätte", antwortet der Gepeinigte. Ein "herrlicher Juckreiz", der zunehmend unerträglich werde. "Es war das Lied all der Versprechen, die ich nicht gehalten habe", ergänzt er. "Und es verriet mir, dass ich gar nicht wirklich heimkehren will." Odysseus ähnelt in seiner Selbsterkenntnis Daniel Kehlmanns Lesart des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt. Dessen – ungleich humorvoller beschriebenen – Expeditionen deutet der Schriftsteller in "Die Vermessung der Welt" auch als Selbstflucht, an deren Ende dieser sogar versucht, sich absichtlich mitsamt der Schiffsbesatzung in den Tod zu navigieren.
Odysseus plagt vor allem die Schuld. Mit einigen seiner Männer war er im Inneren eines hölzernen Pferds hinter die Stadtmauern Trojas gelangt. Nachts entstiegen sie dem Trojanischen Pferd, töteten einige Wachen und öffneten die Tore, um ihre Armee hineinzulassen. "Troy" fängt die Schlacht klug ein, indem sich der Puls immer weiter steigert, je mehr die Trojaner überhaupt mitbekommen, dass sie gerade attackiert werden. Wenn sich das Stadttor öffnet, eskaliert das Stück und aus dem anfänglich leisetreterischen, metallischen Geklimper entwickelt sich eine musikalische Schlägerei.
Was der Film zunächst als heroischen Einsatz erzählt, wandelt sich nach und nach über Rückblenden zu einer Reihe von Kriegsverbrechen. Die Göttin Athene (Zendaya), die Odysseus immer wieder als beratende Begleiterin erscheint, entpuppt sich als Erinnerung an eine junge Priesterin aus Troja, die seine Soldaten enthauptet haben, und damit womöglich als Projektion seiner Schuld. Der vermeintliche Protagonist einer Heldenreise ist kriegstraumatisiert und daraus folgend ein unzuverlässiger Erzähler. Es erdet seine Geschichten über Zyklopen, riesenhafte Laistrygonen oder die Zauberin Kirke, die einige seiner Männer in Schweine verwandelte, und rückt sie in ein weniger eindeutiges Licht.
Nach seiner Rückkehr nach Ithaka tritt Odysseus zunächst als Bettler auf. Dem Heldenstatus verweigert er sich. "Such' in Menschen nicht nach Göttern – du wirst nur enttäuscht", mahnt er seinen Sohn Telemachos (Tom Holland), als dieser seine weisen Augen anspricht, die jenen der Athene gleichen sollen. Und nachdem er mit seiner Frau Penelope wiedervereint ist, setzt Odysseus mit einer pessimistischen Botschaft zu den Bildern des brennenden Trojas den pessimistischen Schlusspunkt. "Ein neuer Morgen wird vor der verdunkelten Welt anbrechen – und unsere Fehler werden einmal mehr vergessen sein."


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