laut.de-Kritik

Ein pralles Mixtape gegen die Nostalgie.

Review von

14 Jahre nach dem Ende der Beastie Boys im Zuge des Todes von Adam "MCA" Yauch überraschte Mike D Mitte des Jahres mit neuen Songs, denen nun sein Solodebüt folgt. "Thank You" hat mit der berühmten Band vor allem eines gemein: die Lust am Sampling, am gemeinsamen Jam und an der spielerischen Aneignung von Musik und Popkultur.

"Switch Up" eröffnet mit zirpendem Saitengemurmel, balearischen Pads, einem reduzierten Oldschool-Jungle-Groove und verzerrtem Megafon-Mantra, also irgendwo zwischen halbmotiviertem 1. Mai-Umzug, Post-Punk-Entrückung und De-La-Soul-artiger Nonchalance. Hinzu gesellen sich elektrische Gitarren und faxgerätartige Störgeräuschquellen, die sich im Mittelteil zu einer Lo-Fi-Noise-Sequenz entladen, nur um im nächsten Augenblick von einem Ambient-Vakuum geschluckt zu werden und den Vibe wieder auf Werkseinstellungen zu setzen. Ein musikalisches Sammelsurium, in dem unterschiedliche Stile, Texturen und Produktionsideen aufeinanderprallen.

Dieser Mixtape-Charakter in MTV-Rotationsoptik mit Fokus auf den Sound der 90er ist dabei keineswegs neu. Dass Rock, Punk, Noise, Electro und Hip-Hop nebeneinander existieren können, solange es an den richtigen Stellen knallt, wurde bekanntlich zu einer musikalischen Grundregel seiner ehemaligen Band. Auf "Thank You" führt Mike D dieses Prinzip nun mit 60 Jahren auf eigene Rechnung weiter, als persönliche Neuvermessung des eigenen musikalischen Werkzeugkastens. Insbesondere seine Passion für Beats und Drumming rückt in den Vordergrund. Die Songs erzeugen vor allem Reibung.

So bedient "True Colors" die Schnittstelle von Psychedelic Pop und Trip-Hop. Das Arrangement ist ein verzerrter Nebel aus elektrischen Gitarren, reduziertem Drumming und Elementen aus Surf- und Hard Rock, während sich die lyrischen Vorträge als kratzige Anekdoten im Podcast-Duktus in die hypnotische Soundstruktur einflechten. Über musikalische Abstecher in blechernen Electropunk, schwitzigen Miami Bass, Industrial Noise und schroffen Dubstep versucht die Platte immer wieder, eine Balance zwischen instrumenteller Großspurigkeit und Minimalismus zu finden.

"I Don't Care" geht mit seinem minimalakustischen, hypnotischen Arrangement eine Reminiszenz an "Something's Got To Give" vom 1992er Album "Check Your Head" durch. "Here We Are" hingegen erinnert mit modularen Spielereien. LoFi-Drumming und Dream-Pop-Referenzen an die 2000er-Indietronica aus dem Hause LCD Soundsystem. Die Tracks funktionieren dabei weniger als stilistisch geschlossene Songs denn als kurze Versuchsanordnungen: Ideen werden angespielt, miteinander konfrontiert und häufig wieder verworfen, bevor sich die Platte dem nächsten Sound zuwendet.

Während sich die Lyrics auf den meisten Tracks irgendwo zwischen Rückschau und Gelegenheitsdichtung bewegen, schlägt Mike D in "Crypto" kritischere Töne an: "The only amount is just more and more / Surprises lose their shine you need more in store." Was bedeutet Reichtum, und wann werden wir jemals genug besitzen? Während im Hintergrund ein unaufhaltsamer Industrial-Beat die Szenerie wie ein Juggernaut durchpflügt, setzt sich Mike D mit den abstrakten ökonomischen Strukturen unserer Gegenwart auseinander und damit, inwiefern sie unsere Denkweise beeinflussen.

Diese schwermütigen Abstecher bleiben allerdings die Ausnahme auf "Thank You", vornehmlich geht es um Spaß an Sound und Jam. Die Songs sind schnell, dynamisch und abwechslungsreich. Diesem Prinzip unterwerfen sich auch die Vocals. Je überreizter ein Instrumental, desto mehr Distortion liegt auf Mikes Mikro. Bewegen sich die Vocals in Richtung Gesangstristesse, wird es repetitiv und uninteressant. Zuweilen verliert sich der verbalisierte Jungbrunnen eine Spur zu sehr in belangloser Eintönigkeit.

Mit "Here We Are", "Back To Start" und "Thank You" findet das Album einen nachdenklicheren Abschluss, in dem sich feinfühlige Spoken-Word-Passagen mit akustischen Latin-Grooves und Ambient-Pop verbinden. Insbesondere der Closing Track mit seiner schwungvollen, reduzierten Rhythmik und der impressionistischen Rückschau auf die frühen Tage der Band bildet einen runden Abschluss für eine Platte, die gar nicht erst versucht, etwas neu zu erfinden.

Trackliste

  1. 1. Switch Up
  2. 2. What We Got
  3. 3. True Colors
  4. 4. That's Right
  5. 5. Secrets Pt. I & II
  6. 6. I Don't Care
  7. 7. Make It Stop
  8. 8. Crypto
  9. 9. Here We Are
  10. 10. Back To Start
  11. 11. It's Time
  12. 12. Thank You

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