laut.de-Kritik

Diese Tanzflächen-Feger zwingen förmlich zum Mitsingen.

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"Maybe in another life / Maybe in another time" - wenn Tobias Gustavsson sehnsüchtig den Pre-Chorus der besten Nestor-Ballade "The One That Got Away" anstimmt, wandern die Gedanken zu vollen Stadien und tobenden Arenen. Doch die 80er sind lange vorbei – und der moderne Melodic Rock füllt selbst im Heimatland der Schweden nur noch mittelgroße Hallen. In einem anderen Leben jedoch würden Nestor auf einem Level mit Journey, Foreigner oder Survivor die Welt erobern, so gut sind sie nicht nur im Studio.

Sänger Gustavsson channelt auf "Live At Gothenburg Film Studios" seinen inneren Steve Perry. Ob hohe Tonlagen, bombastische Hooks oder schnelle Rocker: Der Nestor-Gründer singt auch live jede Note perfekt. Besser geht es nicht. Die Band steht ihm in nichts nach. Hochprofessionell und spielfreudig harmonieren Keyboard und Gitarren, während die Rhythmus-Section nicht eine Sekunde schwächelt. Auch der Sound überzeugt. Er klingt erdig, bleibt aber klar und druckvoll.

Gerade einmal zwei Studioalben haben Nestor bisher veröffentlicht. Ein Live-Album scheint verfrüht, doch ihre Songs liefern bereits genügend Hits für einen ganzen Konzertabend. 15 davon packte die Band nun auf ihr erstes Live-Werk.

Wie zu erwarten eröffnet "We Come Alive", der Opener des zweiten Albums "Teenage Rebel", die Show. "We come alive / And we give it all we got until the break of dawn / We come alive / In the neon light, united 'til the end of time / When we come alive". Der Refrain ist Programm. Nestor interessiert es nicht, dass sie nicht vor 70.000 Menschen auftreten wie ihre erfolgreicheren Vorgänger, sie leben jetzt und rocken bis zum bitteren Ende wie die Düsseldorfer Pop-Kapelle. Der Keyboarder wirbelt über die Tasten, Yeahs und Ohohos fliegen durch den Raum, die Gitarren treiben nach vorn.

Das fulminante, breite Gitarrenriff, das auch Asias "Heat Of The Moment" gut zu Gesicht gestanden hätte, hält mit dem Titeltrack des Debüts "Kids In A Ghost Town" das Tempo hoch. Melancholie, Storytelling, Energie – das Lied ist immer noch einer der stärksten Nestor-Tracks. Gustavsson hält trotz der vielen hohen Passagen die Stimme kraftvoll.

Mit "Stone Cold Eyes" und "Perfect 10" drosselt die Band die Power und lockert die Hüften der Fans mit Midtempo-Mood, der dann in der Ballade "The One That Got Away" mündet. Einziges Manko des Albums sind die nur selten hörbaren Fans. Dabei zwingen Tanzflächen-Feger wie "Caroline", "Firesign" und "On The Run" mit ihren herausragenden Melodien und weltumspannenden Hooks förmlich zum Mitsingen.

Das Album endet mit "1989" und "It Ain't Me". Vor allem ersteres symbolisiert das Schicksal der Band am stärksten. "And it feels like an illusion / 1989 / I wish that I could turn back / To when I used to call you mine / 1989". Bereits 1989, im Spätherbst der Hairspray-Hardrock-Ära, wollten Tobias Gustavsson und Jonny Wemmenstedt aus dem 20.000-Seelen-Städtchen Falköping die Welt erobern. Die Zeit war überreif, doch die beiden Jungmusiker noch lange nicht, und so versandete der Angriff auf Amerika.

Erst 2021 fand man wieder zusammen, heimste mit dem fantastischen "Kids In A Ghost Town" eine Nominierung bei den schwedischen Grammis-Awards ein und kletterte mit dem zweiten Album "Teenage Rebel" auf Platz 12 der deutschen Charts. Die Geschichte, die Musik, die ganze Aura von Nestor fühlt sich für ältere Rockfans wirklich wie eine Illusion an – aber eine wunderschöne.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. We Come Alive
  3. 3. Kids In A Ghost Town
  4. 4. Stone Cold Eyes
  5. 5. Perfect 10
  6. 6. One That Got Away
  7. 7. Last To Know
  8. 8. Unchain My Heart
  9. 9. Signed In Blood
  10. 10. Victorious
  11. 11. Caroline
  12. 12. Firesign
  13. 13. On The Run
  14. 14. Teenage Rebel
  15. 15. 1989
  16. 16. It Ain't Me

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