Zu ihrem 100. Geburtstag kehrt die Knef auf die Leinwand zurück als talentierte Frau, die alle (männlichen) Widerstände überwand.
Berlin (mis) - Sie war Deutschlands erster Nachkriegsstar, als die "größte Sängerin ohne Stimme" adelte sie Ella Fitzgerald, der Broadway lag ihr zu Füßen: Hildegard Knefs Erfolge sind in die deutsche Film- und Musikgeschichte eingebrannt. Um die Leistungen dieser Jahrhundertkünstlerin auch jüngeren Generationen näher zu bringen, läuft heute mit "Ich will alles" eine neue Filmdokumentation in den Kinos an. Regisseurin Luzia Schmid widmete sich dem Phänomen Knef ausgiebig und sichtete Tonnen an (teilweise unveröffentlichtem) Archivmaterial. Eine Hommage genau zum richtigen Zeitpunkt: Am 28. Dezember 2025 wäre die 2002 gestorbene Knef 100 Jahre alt geworden. Mit "Musik aus einem Leben" erscheint zeitgleich auch eine Hit-Compilation auf LP und Doppel-CD.
Der Film beginnt auf der Bühne und dort endet er auch, mit einem Auftritt ihrer letzten Tournee im Jahr 1986. Knef ist damals 61 Jahre alt. Ihre späteren Studio-Koops mit Extrabreit und Till Brönner oder das Rammstein-Cover lässt Schmid bewusst aus und setzt den Fokus auf die aktive Bühnenkünstlerin. Es ist letztlich der Ort, auf dem die Berlinerin ihr Publikum begeisterte.
Schmid porträtiert eine ehrgeizige Frau, die sich von niederschmetternden Kritiken, Beschimpfungen oder gar Morddrohungen nicht von ihrem Weg abbringen lässt. Die nach Amerika flüchtet, als die keusche Betulichkeit des Nachkriegsdeutschlands sie 1951 als Staatsfeindin ausmacht. Dass sich ein Land sechs Jahre nach Auschwitz über wenige Sekunden, in denen sie nackt als Malermodell im Film "Die Sünderin" posiert, derart echauffieren konnte, irritiert Knef zeitlebens und wirkt aus heutiger Sicht grotesk.
Als internationaler Star kehrt Knef nach Deutschland zurück, die nach Ordnung und Moral strebende Gesellschaft der 60er Jahre bleibt ihr zwar fremd, dennoch feiert sie zunächst als Chansonsängerin, dann als Autorin große Erfolge. Der skeptische Blick der Allgemeinheit am Karrierestreben einer Frau begleitet sie jahrelang und spiegelt sich in einigen Interviews männlicher Reporter entsprechend wider. Doch selbst mitunter an Böswilligkeit grenzende Fragen pointiert Knef lässig wie eloquent. In der Detailansicht dieser Gegensätze erliegt Schmid nicht der Versuchung einer Heldinnenverklärung: Der Film dokumentiert die Erfolge, wirft aber auch einen Blick auf deren Schattenseiten.
Hierüber hat Knefs einzige Tochter Christina Antonia so einiges zu berichten. Schließlich wächst sie in einem Künstler-Elternhaus auf - ihr Vater, Knefs zweiter Mann, war der britische Schauspieler und Regisseur David Cameron. So begleitet das Thema Arbeit die junge Familie von morgens bis abends. "Es gab keinen Alltag", erinnert sich die Tochter nicht ohne Wehmut. Knef selbst formuliert ihre Gratwanderung als öffentliche Person an einer Stelle treffend: "Manchmal habe ich Angst, erkannt zu werden, dann wieder habe ich Angst nicht erkannt zu werden." Der größte Antrieb der Künstlerin Knef, das legt "Ich will alles" schonungslos offen, war die Flucht vor ihren traumatischen Kindheitserinnerungen im ausgebombten Berlin.
Eingeweihte mögen sich zunächst gewundert haben, warum der vermeintlich definitiven Film-Hommage "A Woman And A Half" von 2002 nun eine weitere Doku folgt. Doch das damalige Porträt entstand noch zu Knefs Lebzeiten und folgte der Seniorin an verschiedene Stätten ihrer Vergangenheit. Schmid wiederum ergänzt ihre ausgewählten Interviewszenen, in dem sie Rückblenden etwa auf Knefs Kindheit oder das Krebsdrama mit eingesprochenen Passagen aus ihren Büchern "Der geschenkte Gaul" und "Das Urteil" versieht. Dadurch entsteht eine Nähe zur Protagonistin, die dem Film zu Wahrhaftigkeit verhilft.
In den späten 70er Jahren geht ihre Ehe mit Cameron in die Brüche, sie heiratet den 15 Jahre jüngeren Paul von Schell. Der heute 84-Jährige setzte sich ebenfalls für die Doku vor die Kamera und erinnert sich auch an weniger schöne Umstände ihres späteren Lebens, das von Medikamentenabhängigkeit geprägt war. Ein großes öffentliches Aufregerthema Anfang der 80er Jahre sind Knefs Kosmetik-OPs, die sie gewohnt unverblümt gegenüber Joachim Fuchsberger mit den Anforderungen ihres Berufs an weibliche Schauspielerinnen begründet.
"Ich will alles" setzt Hildegard Knef ein würdiges Denkmal und illustriert eine mutige, witzige und zielstrebige Frau, die ihre Ziele konsequent verfolgte und zu all ihren Widersprüchen stand. Luzia Schmid gelingt eine Charakterstudie, die die Faszination von Hildegard Knef gut herausarbeitet, in dem sie eine Frau zeigt, deren mitunter 50 Jahre alten Äußerungen noch absolut zeitgemäß sind.
"Ich will alles. Hildegard Knef.", Dokumentarfilm von Luzia Schmid, 98 Minuten, FSK 12, ab heute im Kino.
1 Kommentar
"Dadurch entsteht eine Nähe zur Protagonistin, die dem Film zu Wahrhaftigkeit verhilft."
Ich finde eher, dass durch die eingesprochenen Passagen eine (nötige) Distanz zur Protagonistin entsteht, vor allem deswegen, weil sie zu all ihren Widersprüchen stand, um diese dann auch gebührend erkennen und würdigen zu können. Ist aber Ansichtssache, denke ich.