Das Festival des Deutschrappers lockte mit geheimem Line-Up - es kamen unter anderen OG Keemo, Baran Kok und Fimiguerrero.

Frankfurt (bsch) - "Atzen, Chicks, Punks, Raver", sie alle treffen am Samstagnachmittag in Frankfurt ein, um Soulys Sonnenbankflavour zu fühlen. Schon am Vorabend hatte das Moth Fest in Hannover Premiere gefeiert, nun ist die Sommerwiese vor der Frankfurter Jahrhunderthalle dran. Das Programm ist an beiden Abenden größtenteils gleich, mit nur einem Twist: Niemand weiß, wer überhaupt auftritt. Über Länge und Startpunkt der einzelnen Auftritte ist ebenfalls nichts bekannt.

Souly hält alles so mysteriös wie möglich und lässt vorab nur durchblicken, dass neben ihm der US-Rapper Riff Raff am Start ist, und dass es ein "international Lineup" geben wird. Das besteht am Ende neben Souly und Riff Raff aus OG Keemo und Funkvater Frank, Ramzey, Gianni Suave, Boondawg, Lucio101, Baran Kok, Sekko und Fimiguerrero. Einige Namen davon konnte man mit einem Blick auf Soulys Connections und Feature-Liste bereits erahnen, gelungen ist die Zusammenstellung an Acts dennoch. Mindestens eine weiblich gelesene Person auf der Bühne wäre noch ein Verbesserungsvorschlag, die gibt es nämlich nur bei den kurzen DJ-Sets zwischen den Acts.

"No photos, no videos": Handys werden abgeklebt

Generell soll vieles undercover bleiben. "No photos, no videos" steht auf Schildern, beim Einlass bekommt man daher Sticker auf die Handykameras geklebt. Die kann man mit Leichtigkeit abnehmen, weswegen das Publikum natürlich trotzdem fleißig filmt und Snaps verschickt. Dafür kriegt auch niemand Ärger, so ernst nehmen das Verbot also weder Veranstalter:innen noch Publikum. Dennoch trägt es dazu bei, dass weniger Handys konstant in der Luft sind, als es wahrscheinlich sonst der Fall wäre. Eine gute Idee also. Zum Techno-Club-Vibe des "Traence"-Albums passen die abgeklebten Handykameras obendrein auch.

Nach dem Einlass ist eine Schlange direkt sehr lang: Der Merchstand, denn dort kann man nicht nur Klamotten erwerben, sondern sie auch mit Spraydosen customizen oder "aufmotten", wie Souly es nennt. Abseits davon gibt es neben Getränken und Essen keine Aktivitäten, was aber auch in Ordnung so ist, da das Programm kaum Pausen zur Langeweile lässt. Die ersten drei Acts gehen alle ziemlich nahtlos ineinander über, der Umbau geschieht sehr schnell. Da alle außer Souly recht kurze Sets von 20-30 Minuten spielen, schafft man viel Programm an einem Nachmittag. Dass man generell nie weiß, wer als nächstes drankommt, bis dann die nächste Durchsage kommt, macht den Tag spannender, aber auch unsicher, wann es am schlausten ist, mal auf Toilette oder zu den Ständen zu gehen.

Kurze, abwechslungsreiche Sets

Es beginnt gelungen mit Sekko, einem niederländischen Produzenten, der direkt einen der einzigartigsten Stile des Abends fährt. Er steht nur mit Gitarre sowie Sample- und Loopstation auf der Bühne, was aber auch komplett reicht. Seine live eingespielten Gitarrenloops klingen nach luftigem Indie, den er mit Trap-Drums und Rap-Stimmsamples überlegt und in verschiedenen Songs wieder aufgreift. Ganz ohne Gesang oder Ansagen erzeugt Sekko so direkt eine entspannte Einstiegsstimmung, die zudem verschiedene Extreme des Abends abdeckt: Hip-Hop-Referenzen, ein kopfnickender Bounce und eine artsy Art, anzuecken.

Als Zweites hat man sich einen deutlich populäreren und extrovertierteren Act ausgesucht: Baran Kok. Der hat zwar keinen Track mit Souly, wird aber später auch noch bei der Afterparty auflegen dürfen. Seine Songs übers Dasein als queerer Kurde singt die Crowd sofort mit und Baran Kok hat als Live-Act eine tolle Bühnenpräsenz: lustig, sympathisch und interagierend. Trotz guter Stimmung kommen die ersten Moshpits des Abends noch nur dann, wenn Baran Kok sie einfordert, was aber definitiv nicht an seinem mangelnden Charisma liegt.

Mit Lucio101 schläfert sich diese Stimmung leider wieder etwas ein, da seine Musik düsterer und langsamer ist. Dafür gibt der Auftritt dem Festival mehr Straßenrap-Vibes und vielseitigere Visuals als Bereicherung. Er selbst aber wirkt im Vergleich zu den anderen Acts etwas demotiviert; am Ende des letzten Songs läuft er sogar einfach von der Bühne, ohne etwas zu sagen. Später wird er bei Souly für sein "Regentage"-Feature zwar wieder auf der Bühne stehen, aber keinen eigenen Song mehr performen.

Kein Bock auf Moshpits? Dann "verpisst euch!"

Nach drei Acts darf es ruhig mal eine kurze Pause geben, bevor Boondawg die Turnup-Stimmung einleitet – wobei er nur spontan eingesprungen sei. Schon zu Beginn erklärt er, dass es nun Abriss geben werde: "Wer da nicht so Bock drauf hat: Es gibt noch viele andere Aktivitäten, die man hier machen kann. Aber dann verpisst euch." Word. Er konzentriert sich für sein Set auf die lautesten Banger und es reihen sich gefühlt fünf Moshpits pro Song aneinander. Zwischendurch bricht er einen Song ab, weil sich die Crowd beschwert: "Lauter!" Der DJ ist genervt und fordert das Ton-Team auf, sofort lauter zu machen. Das geschieht prompt und macht auch deutlich einen Unterschied. Ab nun ist der Sound generell viel besser.

Das nächste Set läutet Funkvater Frank am Pult ein, was natürlich schon Vermutungen aufkeimen lässt, wer da rappen wird. As it turns out: drei Rapper, die sich das Set teilen. Zunächst Gianni Suave, der dann Ramzey und schließlich OG Keemo auf die Bühne bringt. Die haben offensichtlich Spaß zusammen und insbesondere Keemo und der Funkvater wissen einfach, wie man eine Crowd dumm und dämlich hypet. Schade, dass man von Keemo am ganzen Abend nur zwei eigene Tracks und zwei Feature-Strophen zu hören kriegt, er reißt nämlich alles ab und bei ihm können alle mitrappen.

Danach kommt der neonbunte Mann, über den Souly selbst so hyped war: Riff Raff. Auch wenn seine Persona eher unernst gemeint ist, kommt das nicht wirklich rüber, und seine Mischung aus Trap, Rock und EDM zieht weniger Teile der Crowd mit. Das liegt entweder daran, dass der Altersdurchschnitt bei Anfang Zwanzig liegt und Riff Raff eher in den 2010ern mit Konsorten wie Chief Keef und Gucci Mane geläufig war. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er quasi nicht mit dem Publikum interagiert und entweder alles lipsynct oder sein Mikro wesentlich leiser als das Playback ist. Ein Live-Gitarrist ist eine coole Begleitung, wirkt hier aber etwas goofy, während er kaum hörbar mit der Gitarre hinterm Kopf abrockt. Während Soulys Set kommt Riff Raff aber später auf die Bühne, um einen gemeinsamen Song zu performen, und Souly erklärt, weshalb das so besonders für ihn sei: Riff Raffs Musik habe ihn vor 13 Jahren dazu inspiriert, Musik zu machen, "und jetzt haben wir Riff Raff nach Frankfurt gebracht! Wie krank ist das denn?" Das rührt dann doch und gibt dem Rapper mehr Applaus als zuvor.

Souly hat unendlich Energie, Aura und Dankbarkeit

Um rund viertel vor acht ist dann endlich Zeit für Souly selbst. Und was folgt, ist eine Feier dieses Mannes, die alle glücklich stimmen sollte. Souly hat nach eigener Aussage "wahrscheinlich noch nie so ein langes Konzert gegeben", denn er spielt über zwei Stunden ohne Pause. Das ist körperlich erschöpfend, aber auch erstaunlich tight. Seine Stimme klingt durchgehend perfekt und er büßt nie an Energie oder Präsenz ein. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass er am Abend zuvor ein genauso langes Set gespielt hat. Dazu wirkt er zwar künstlerisch so larger than life wie immer, aber zugleich menschlich extrem dankbar und glücklich.

"Normalerweise mag ich es nicht so sehr, auf Konzerten viel zu reden. Aber jetzt bin ich hier und will andauernd mit euch reden." Soulys Ansagen wiederholen sich daher auch oft, etwa erwähnt er ungefähr zwanzigmal, dass das das erste Moth Fest der Welt sei und wie "gottverfickt" geil das sei. Und das gönnt man ihm komplett. Er ist eindeutig der König des Abends, während all seine wichtigsten Menschen entweder hinter oder vor der Bühne stolz zuschauen, wie er sagt.

Leider bleibt "Lieferando für 2" der einzige alte Song von ihm, dafür gibt es quer durch seine nachfolgenden Alben eine große Auswahl und fast alle Tracks von "Moth Music" und "Traence". Das Licht und die Live-Kameraaufnahmen auf der Leinwand unterstützen das stets sehr stylisch. Soulys emotionale Bandbreite ist die größte von allen am Abend: Er spielt die introspektiven Songs "Schweden" und "Chrysanthemen" genauso wie die Moshpit-Bretter, seine exzentrischeren Tracks und sogar seltenere Songs wie "Peak" und drei unveröffentlichte. Einer der neuen Tracks featuret Ufo361, der am Abend zuvor in Hannover auftrat, aber heute nicht dabei sein kann. Nichtsdestotrotz kommt der Song sehr gut an. Die anderen Gäste Gianni Suave, Lucio, OG Keemo, Boondawg und Riff Raff dürfen ebenfalls für ihre Features und ein, zwei eigene Songs auf die Bühne.

Die letzte Überraschung bringt "Lonely" mit dem UK-Rapper Fimiguerrero als Feature. Der hatte zwar vorher keinen eigenen Auftritt, nun aber reißt er noch zwei eigene Tracks ab und seine Anwesenheit ist schon ein ziemlicher Flex. Im abschließenden "Diamantstein" stehen dann alle Gäste mit auf der Bühne und nach bestimmt 40 Songs beschwert sich niemand mehr – es gibt schließlich auch noch eine Afterparty mit verschiedenen DJs. "Bis nächstes Jahr", sagt Souly.

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