laut.de-Kritik

Nur gut angerichtet, nicht selbst gekocht.

Review von

Man kann für ein Dinner stundenlang einkaufen, die Kerzen anzünden, den Tisch perfekt decken und den guten Wein öffnen – und am Ende trotzdem einfach Uber Eats bestellen. Bei dieser "Dinner Party" wurde liebevoll angerichtet. Nur gekocht hat hier irgendwie niemand.

Seit dem Ende von One Direction hat sich Niall Horan als verlässlicher Lieferant angenehmer Popmusik etabliert. Wo Harry Styles die große Kunstfigur gibt und Louis Tomlinson in den Britrock abbiegt, bleibt Niall der Typ mit der Akustikgitarre, der beim Lagerfeuer garantiert "Wonderwall" spielt. "Dinner Party" soll laut eigener Aussage sein persönlichstes Album sein, weil er mehr denn je mit seinen Gefühlen in Berührung stehe. Besonders tief geht das zwar nicht, aber zumindest zieht er seine Idee konsequent durch.

Musikalisch bewegt sich das Album irgendwo zwischen Lewis Capaldi, Ed Sheeran und Taylor Swift. Große Gitarren, warme Drums, viel Hall und so viele übereinandergelegte Gesangsspuren, dass manche Songs wirken, als hätte Horan sich selbst einen kleinen Chor gebaut. Das klingt durchweg gut produziert, ist für meine Ohren aber nicht besonders spannend.

Schon "Tastes So Good" eröffnet mit maximalem Liebesüberschwang. "Can't take another breath without you" oder "No I don't know what you're made of but it tastes so good to me" – alles sehr nach dem Motto: 'Ich kann nicht oooohnee diiich'. Gleichzeitig tragen die lauten Drums und die energischen Gitarren den Song so souverän, dass man ihm den Kitsch fast verzeiht.

Der Titelsong "Dinner Party" erzählt von dem Abend, an dem Horan seine heutige Partnerin Amelia Woolley kennenlernte. Es ist eine sehr romantische Pop-Ballade mit sanfter Akustikgitarre und soften Drums. Das Lied dient nicht nur dazu, die Geschichte geradlinig zu erzählen, sondern will einen einzelnen Moment seines Lebens noch einmal unter die Lupe nehmen. Das gelingt ihm auch wirklich gut. Horan hat über diesen Abend preis gegeben, dass es sich um eine Dinnerparty mit Freunden bei ihm zu Hause gehandelt habe. Er habe allerdings Uber Eats bestellt und nicht selbst gekocht. Also eher Pizzakartons als edles Gänge Menü.

Mein persönliches Highlight ist "End Of An Era". Der Track handelt von Reflexion, Nostalgie und der damit einhergehenden Traurigkeit. In einem Interview erklärt der Sänger, dass dieser Song seinem ehemaligen Bandkollegen Liam Payne gewidmet ist, der im Oktober 2024 verstarb. "Looking back at the good times of growing up together [...] all of those things come flooding back in this song along with the sadness." Ich finde, Horan hat hier einen super schönen Ton getroffen und dieses für ihn sicher sehr belastende Geschehen mit seiner sanften Stimme, schönen Worten und einer treibenden Melodie eingefangen.

"Better Man" ist ebenfalls ein sehr ruhiger, sanfter Track. Das "Now I'm in my head" hört man musikalisch ganz deutlich heraus. Außerdem singt er in einer Stimmlage, die mir persönlich fast besser gefällt, weil sie dieses leicht Gequälte herausnimmt – auch wenn das inhaltlich natürlich nicht unbedingt Sinn ergibt. In dem Song geht es um starke Selbstzweifel, vor allem in Bezug auf seine Beziehung. Die große Frage ist, ob er der Richtige für sie ist beziehungsweise ob sie denkt, dass er der Richtige ist.

Bei "Flowers" bin ich leider echt unfassbar genervt. Er sagt etwas Ähnliches wie: "Deine Augen sind so schön wie Blumen." Ach krass. Sag mal, kann es eigentlich sein, dass du verliebt bist? Ich glaube, das habe ich bisher überhört. Schlecht ist der Song trotzdem nicht, aber come on. Außerdem hat er die Zeile "Your eyes could grow flowers", wie er selbst zugab, aus einem Tweet "geklaut". Niall meinte mit einem Augenzwinkern, er sei noch dabei, die Person ausfindig zu machen, um die Songwriting-Gage zu teilen.

Bei "Boys Are Fun" geht's mir da echt überhaupt nicht anders. Ich kann wieder genauso sagen, dass das musikalisch gut gelungen ist, aber auch hier macht der Text mich wahnsinnig. Es klingt so sehr nach Highschool Musical oder als hätte man einem zum allerersten Mal verliebten Siebtklässler auf dem Pausenhof zugehört: "Jungs sind doch gar nicht so doof, Jungs sind so fun!" und "Hihi, wenn du nach deinem Mädelsabend noch mit mir reden willst, ruf an, hihihi". Ach maaan.

Und genau darin liegt mein Problem mit "Dinner Party". Es ist ein durchweg sympathisches, sauber produziertes und stellenweise wirklich schönes Pop-Album – mit tollen Gitarrenparts, einer verlässlich guten Stimme und einigen schönen Ideen. Es ist konsequent, aber eben auch echt ein bisschen langweilig und auserzählt.

Am Ende bleibt das Bild vom perfekt gedeckten Tisch: Das Besteck glänzt, die Servietten sind gefaltet, die Kerzen brennen. Nur das Essen kommt im Lieferkarton. Satt wird man trotzdem. Aber gekocht hat Niall diesmal eben nicht.

Trackliste

  1. 1. Tastes So Good
  2. 2. Dinner Party
  3. 3. Monochromatic
  4. 4. She Gets It From Her Mother
  5. 5. Better Man
  6. 6. Little More Time
  7. 7. Flowers
  8. 8. Boys Are Fun
  9. 9. Fighting Over Nothing
  10. 10. Pretty
  11. 11. Die If I Don't
  12. 12. End Of An Era

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