laut.de-Kritik
Soundtrack für Mensch, Maschine und Tier.
Review von Franz MauererRones neue Scheibe sprach die Kolumne eures ummzigen Vertrauens bereits vorab an, nun ist "Megaptera" gelandet. Beziehungsweise gestrandet - Erwan Castex hat große Teile der Musik auf See vor der Bretagne und La Réunion entwickelt, begleitet von Forschern, Seeleuten und 'Bioakustikern'; eine Profession mit mutmaßlich schwieriger Arbeitsmarktlage.
Statt Buckelwalgesänge bloß dekorativ über Ambientflächen zu verteilen, reduziert Rone seine eigene Sprache: Schwebende Strukturen und ausgewählte Frequenzbereiche sollen Mensch, Maschine und Tier akustisch verbinden. Das hört sich hanebüchen an, das Ergebnis weist aber (fast, Ausnahme "Premier Contact") keine Spuren von Öko-Kitsch auf. Stattdessen hört man "Megaptera" durchgehend an, wie sehr Rone darum bemüht ist, frisch an die Aufgabe heranzugehen und nicht in alte Muster zu verfallen. Das Album dient auch als Soundtrack zum Film "The Musician And The Whale", der den Franzosen bei der Kommunikation mit den Walen begleitet; ganz nett, das Album ist besser.
Das Resultat der Waljagd fährt mit vielen Stärken auf, die solche Projekte haben können: Rones Sound und sein Faible für warm pulsierende Synthesizer prägen, das Konzept überlagert nicht, sondern verschiebt und fügt Interessantes hinzu. Alles ein paar Nummern ruhiger als vom Produzenten gewohnt, aber niemals verharrend oder limitiert. Schon "Al Lark" lässt die Synthie-Sonnenstrahlen über einer unbewegten Wasseroberfläche tanzen. "Breach" baut einen ersten großen, filmischen Moment, während "La Baleine et Le Musicien" Walaufnahmen und elektronische Motive nicht gegeneinander ausspielt, sondern vorsichtig ineinanderfügt, nahtlos, organisch. Natürlich bleibt mindestens offen, ob hier tatsächlich Kommunikation stattfindet oder der Mensch nur das hört, was er hören möchte. Für die Musik ist diese Frage zweitrangig: Ihre Schönheit liegt auch in Rones erfrischend tastenden Unsicherheit, die auch nicht zu demütiger Pose verkommt.
Rein kontemplativ fällt die Hochsee-Ambientmusik der Buckelwalscheibe (Megaptera ist deren Gattungsname, ihr Banausen) nicht aus, es gibt durchaus Wellen. "Zodiac" entfaltet aus hellen Synthesizern und einem federnden Puls eine schöne Bewegung, ohne weniger organisch zu klingen. "Insomnia" zieht mit vielen kleinen Fast-Berührungen vorüber wie ein Fischschwarm, "Megaptera Novaeangliae" imaginiert schließlich einen beinahe schwerelosen Dialog zwischen Ober- und Unterwasserwelt. Auch Yael Naims Beitrag "Breathe In" fügt sich angenehm zurückhaltend ein, ohne das Album plötzlich in Richtung Popsong zu zerren.
Mit seinen vielen kurzen Übergängen und insgesamt 15 regulären Stücken fühlt sich "Megaptera" schon nach sorgfältig montiertem Filmfluss an, weniger wie eine Sammlung autonomer Tracks. Das ist angesichts seiner Entstehung als Soundtrack keine Überraschung. Einzelne Passagen könnten ohne die Bilder etwas unterentwickelt wirken, doch als geschlossenes Album besitzt die Musik eine bemerkenswerte Dramaturgie: vom Aufbruch über die vorsichtige Annäherung bis zur Ahnung, dass Zuhören selbst bereits eine Form der Verständigung sein könnte.
Rone erfindet seinen charakteristischen Sound dabei nicht neu. Noch immer perlen die Arpeggios, schimmern die Flächen und wachsen aus kleinen melodischen Figuren plötzlich gewaltige Panoramen. Aber "Megaptera" verschiebt die Perspektive gekonnt und unerwartet. Herausgekommen ist ein warmes, neugieriges und angenehm unpathetisches Album über die Möglichkeit, dass die Welt vielleicht antwortet.


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