laut.de-Kritik
Experimentelle Sounds als Sinnbild aktueller Krisen.
Review von Toni HennigFür die EP "DÝRA" von 2024 bereiste Su Shaw alias SHHE die isländischen Westfjorde, mit dem Ziel, den gesamten Fjord Dýrafjörður klanglich zu erschließen. Nun widmet die schottisch-portugiesische Musikerin ihr zweites Studioalbum in Zeiten ökologischer, politischer und existenzieller Krisen dem Mittelmeer.
SHHE verschlug es nach Alexandria. Dort stellte sie fest, dass sie das Meer nicht direkt mit einem Hydrophon einfangen konnte, so dass sie einen maßgeschneiderten modularen Synthesizer nutzte, um der Region die Ehre zu erweisen. Über die ägyptische Hafenstadt sagt die Musikerin selbst: "Alexandria fesselt mich. Es ist eine Stadt, die dazu bestimmt ist, unterzugehen - sie ist bereits zweimal versunken - und es wird prognostiziert, dass bis 2050 ein Drittel Alexandrias unter Wasser oder unbewohnbar sein wird (...) Das Projekt war eine Gelegenheit, Gemeinsamkeiten zwischen Alexandria und meiner Heimatstadt Dundee zu erforschen, wo ebenfalls Teile noch in meiner Lebenszeit unter Wasser stehen könnten."
In "Pneuma" verbinden sich spezielle Atemtechniken mit ätherischen Gesangslinien und deepen, finsteren Drones, so dass der Track wie ein gemeinsames Kind von Dead Can Dance und Lustmord anmutet. "Katávasi" schließt nahtlos an das Stück an, driftet jedoch nach und nach immer mehr in ambienthafte Science-Fiction-Gefilde. "Allásso" entfaltet mit Vocalfetzen, Field Recordings, auf- und abebbenden Synthesizerklängen und Herzschlagbeats geradezu physische Qualitäten.
In "Emfánisi" schrauben sich die Sounds postrockig nach oben, während die modularen Töne etwas Meditatives ausstrahlen. Ihre hypnotische Seite betont SHHE in "Peras", das mit kreisenden Synthesizern in Tangerine Dream-Gefilde vordringt. "Anodos" durchziehen hauchende Klänge und stimmliche Hall-Effekte, so dass sich der Kreis zum Beginn schließt.
SHHE zeichnet mit analogen, experimentellen Mitteln eine düstere Zukunft und verdeutlicht so die Zerbrechlichkeit unseres Planeten. Klanglich kommt die von Heba Kadry etwas zu laut gemasterte Platte nicht an die großen Vorbilder heran und auch musikalisch dürfte noch etwas Luft nach oben sein, da der Spannungsaufbau mancher Tracks etwas zu formelhaft und vorhersehbar anmutet. Für ihre weitere Laufbahn als Musikerin blickt SHHE trotzdem auf ein solides Fundament zurück.


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