laut.de-Kritik
Tanz den Lugner: Wenn DAF Wiener wären.
Review von Kerstin KratochwillDie leidigen Hundstage, wenn unerträgliche Hitze auf unerbittliche Aggression prallt, deprimierend drastisch eingefangen vom österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl in diesem gleichnamigen Feel-Bad-Movie, werden bei Salò zu Hundsjahren. So auch sein letzter Song auf dem neuen Album "Hardcore", eine Art Feel-Bad-Music samt geradezu bellender Vocals, denn das hier ist alles andere als Wohlfühlsound oder überhaupt Sound, der gefallen will.
Der in der Südsteiermark aufgewachsene und nun in Wien lebende Sänger veröffentlicht mit "Hardcore" sein drittes Werk, das brutal im Sound die Brutalität unseres Alltags seziert. Überforderung, die zu Abstumpfung führt, durch tagtägliche Social-Media-News-Flut mit Krisen, Krieg und Katastrophen gefüttert, wird bei Salò musikalisch durchgepeitscht: Im monotonen Gesangsstil und mit rabiatem Electro-Clash sowie krachenden Punk-Riffs ackert sich Andreas Binder, so der bürgerliche Name durch die Zumutungen unserer Zeit.
Der Opener "Rotten.com" arbeitet sich an der überreizten Gesellschaft ab, die nichts mehr schockiert, der Gore und Grind sind schließlich omnipräsent in unseren Feeds. Salò dichtet im Punk-Poeten-Style dazu: "Rot ist das Blut und weiß sind die Knochen, in einem fernen fernen Land. Ganz allein mit meinem Handy in der Hand, schau ich mir tote Leute an".
Zwischen DAF und Dead Kennedys ballert sein Plastik-Post-Punk monoton, aber dafür maximal von Stück zu Stück, wo auch typische Wiener Themen – in deren Indie-Szene er seit Songs wie "Apollonia sitzt bei Edeka an der Kassa" oder "AMS (Heiter bis Wolkig)" für seine beißende wie bissige Zeilen gefeiert wird – natürlich ihren Raum haben. "Ich streichle Tauben" ist ein eskapistischer Gegenentwurf zu Georg Kreislers "Tauben vergiften im Park" – eine Ausflucht in eine Welt nur mit Federvieh ohne Menschenvolk.
Und einem Wiener Unikum bringt Salò im Kracher "Ich bin Richard Lugners Frau" ein Punk-Ständchen am Grab mit Schampus. Diesen Song spielen Salò und Band auch rotzig beim rasant-anarchischen Theaterstück "Opernball: Walzer, Wein und Wohlstandsbauch" von Stefanie Sargnagel – in seinen Gesangspausen auf einer Leberkässemmelschaukel sitzend und am Ende aus einem Punschkrapfen steigend.
Am Ende von "Hardcore" wird's dann auch ein bisserl rosig, wenn Salò im Song "Hundsjahre" geradezu schunklig schauklig uns allen in direkter Ansprache rät, dieses Album immer und immer wieder runterzuhören. Besser als das ewige Scrollen ist es allemal, diesen Punk-Walzer linksrum immer wieder zu drehen.


2 Kommentare mit 2 Antworten
Überragendes Teil, dass je länger je mehr Spass macht.
So ein Titel passt natürlich besser für ein Turnstile-Album
Had to be done. Kommentarfunktion unter diesem Albung kann dann auch deaktiviert werden.
haha mietfreie Kopfbewohnung 24/7