laut.de-Kritik

Indie-Darling im stilvollen Vakuum.

Review von

"Wir befinden uns ständig im Kampf mit den Zeitzuständen 'vor' und 'nach' und beobachten und erfassen dabei akribisch Veränderungen, Entwicklungen und Wandlungen. Diese beiden Zeitformen beschäftigen uns sehr, doch indem wir in diesen Zuständen verharren, sind wir oft unser größtes Hindernis, das es zu überwinden gilt. Tatsächlich geht es im Zustand des 'Vorher-Nachher' immer um dich gegen dich selbst."

Eine klassische Analyse des Älterwerdens, mit der sich Sofie Royer auf ihrem vierten Album "before/after" auseinandersetzt. Sie träumt von alten Zeiten, romantisch verklärt versteht sich, sehnt sich Ehrlichkeit herbei, protestiert gegen aktuelle Missstände und übersetzt die Unwägbarkeiten der Liebe in schöne Metaphern.

Generell verfeinert sie ihre lyrischen Facetten und erzählt interessante Geschichten, wie im pianolastigen "Cowboy Mouth". Ein tragikomisches Drama zwischen Hollywood-Nostalgie und Entfremdung, mit einer Mixtur aus süßem Retro-Glanz und der kalten Erkenntnis, dass der Applaus verhallt ist. Die coole Bassline im Refrain erinnert an Phoenix, das verspielte Outro hüllt es in Glanz. Im luftigen Indie-Rock "Opium" interpretiert Royer die Liebe als ästhetisierten Rauschzustand zwischen zeitloser Euphorie und drohender Selbstaufgabe. Die Darbietung gelingt, die musikalische Ausstaffierung bleibt hingegen handzahm.

Deutlich druckvoller gestaltet sich das verzerrte "Sold Out The Jazz Club", das sich gegen Kritiker auflehnt und in dem sich laute Gitarren aufbäumen. Zynisch berichtet Royer davon, dass sie zwar für etliche Hochkaräter Voract gewesen sei (etwa bei Lana Del Rey, Air oder LCD Soundsystem), jedoch nicht zu dieser Riege gehöre: "I'm too pop for the art world, too indie darling for the mainstream."

An dieser Selbsterkenntnis ist leider etwas dran. Trotz namhafter Produzenten wie Matt Cohn (SZA, The Weeknd, Charli XCX) und Jorgen Odegard (Sabrina Carpenter, BLACKPINK) sticht kein Song als großer Hit hervor, qualitativ gibt es aber auch keine Fehltritte. Royer betritt damit ein Terrain des mediokren guten Standards, dem die letzte Prise Star-Appeal fehlt. "Cavalier" zeugt von diesem Status, ebenso das 80er-getränkte "Actress" mit nonchalantem Chorus. "C'est La D" taucht in den Indie-Pop der frühen 2000er hinab und atmet die Luft von Coming of Age. Mit "Nights In White Jackets" gibt es sogar eine Schunkelnummer in einer amerikanischen Bar. Das alles klingt vernünftig, obgleich wenig herausragend.

Zudem Sophie Royer fast ausschließlich auf Englisch singt, im Gegensatz zum Vorgänger, da waren es nämlich drei Sprachen. Das Französische hat sie ganz abgelegt, lediglich "AUTO" ertönt auf Deutsch, eins der Highlights. Ein wehmütiger Rückblick auf eine Bekanntschaft, übermalt in einer Autofahrt durch Wien. Einnehmende Atmosphäre und eine tolle Komposition überzeugen. Auch der fluffige Uptempo-Synthpop von "Sesquicentennial" punktet mit Nachdenklichkeit und eignet sich perfekt für den nahenden Herbst. Royer parliert über die Müdigkeit, immer wieder in dieselben Verhaltensmuster zu verfallen, während die Zeit unerbittlich rast.

Mit dem passionierten Electro-Pop "Keep On Keeping On" beschließt Sofie "before/after", zu dem es sich gut tanzen lässt. Ein Album, das viel Feingeist und geschmackvolles Handwerk bietet, verharrt am Ende aber in einem stilvollen Vorher-Nachher-Vakuum, das niemandem wehtut.

Trackliste

  1. 1. Leave On The Light
  2. 2. Cowboy Mouth
  3. 3. Sesquicentennial
  4. 4. Cavalier
  5. 5. Actress
  6. 6. AUTO
  7. 7. C'est La D
  8. 8. Sold Out The Jazz Club
  9. 9. Opium
  10. 10. Nights In White Jackets
  11. 11. Best In Show
  12. 12. Keep On Keeping On

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