laut.de-Kritik
Drei glorreiche Halunk*innen gehen auf Selbstfindung.
Review von Gil Bielerlaut.de schwer von Begriff oder wie? The Bobby Lees stehen in gewohnter Krawalligkeit vor der Tür und fordern mit ihrem vierten Album endlich die berechtigte Aufmerksamkeit ein. Da wollen wir uns natürlich nicht zieren, denn bislang wusste der gallige Garagerock-Punk der New Yorker zu gefallen. Also immer her mit "New Self"!
Der Albumtitel lässt sich dabei auf mehreren Ebenen lesen. So muss sich die Band nach dem Ausstieg von Gitarrist Nick Casa als Trio neu erfinden. Zugleich behandelt Sam Quartin im Titeltrack einen persönlichen Heilungsprozess "I'm older now / I've gotten help / I wish you could meet my new self", singt die Frontfrau, die früher mit der Sucht zu kämpfen hatte, wahrscheinlich ihrem jüngeren Ich zu.
Musikalisch vermittelt der Titeltrack einen guten Eindruck davon, dass die Bobby Lees an ihren bekannten Sound anknüpfen. Der brummende Bass, das kräftige Schlagzeugspiel, dazu der atonal-angepisste Vortrag von Quartin – gäbe es die Truppe nicht, man müsste sie erfinden. An einer Stelle lässt sich Sam sogar zu einem kurzen Rap-Spurt hinreißen, der prompt in 'Sabotage'-Koketterie mündet. Nice.
Freund*innen der Riffs wird hier jedoch bereits auffallen, dass der Abgang von Nick Casa seine Spuren hinterlassen hat. Der Gitarre – nunmehr allein Sam Quartins Domäne – kommt auf dem Album eine Nebenrolle zu. Das ist an sich schon ungewohnt für eine Rockband. Bei den Bobby Lees fällt dieser Shift aber umso mehr ins Gewicht, da ihr Klangbild seit jeher maximal aufgeräumt daherkommt und man zu jeder Sekunde exakt hören kann, welches Bandmitglied was spielt. Und somit halt auch, wo sich eine Leerstelle auftut.
Da muss die Rhythmusfraktion ran. Drummer Macky Bowman füllt den ersten Track "Give" mit einem elektrisierten Beat aus, die Gitarre knallt nur rein, wenn nötig. Etwas unterkühlt für einen Opener, aber erwünscht druckvoll. Und spätestens bei "Napoleon" hat das Trio Betriebstemperatur erreicht: Anstachelnder Beat, catchy Gitarrenmotiv und eine Sam, die ihren Frust über tausende gutgemeint-nutzlose Ratschläge und die Unmöglichkeit, es als mittelgroße Band im Musikbusiness zu schaffen, in die Welt schreit: "Well my tank is almost empty, so teach me how to not keep getting fucked"!
Die Lyrics basieren auf realen Erfahrungen: The Bobby Lees waren schon bereit, das Handtuch zu werfen, weil selbst Dauertouren und Sich-den-Arsch-abreißen kein Auskommen bietet. Zum Glück hat sich Jason Momoa (jawohl, 'Aquaman' himself) eingeschaltet, etwas Magie spielen lassen, Dinge ins Rollen gebracht und das neue Album damit überhaupt möglich gemacht. Fanservice einmal anders.
Mit dem dritten Song "The End" verliert die Platte leider an Dampf: Mehr als runtergenudeltes Fillermaterial ist das nicht, da reißt selbst eine famose Zeile wie "This is some Elvis Presley shit and I'm putting an end to it" nichts, Lokus-Assoziationen hin oder her. Vor allem das Gitarrenriff ist ungewohnt öde. Nur konsequent, legen sie die Klampfe danach ganz zur Seite, denn das PJ Harvey-Cover "50 Ft" bringt Bassistin Kendall Wind mit flinken Fingern und Maximalgewummer auch allein zum Fliegen. So verleihen The Bobby Lees der Nummer durchaus einen eigenen Touch.
In der zweiten Albumhälfte macht sich die Band einen Spass daraus, ihrem Trademark-Terrain zu entsagen. "All I Got" bringt eine dreamy Note ein, wobei ich mich nicht erinnern kann, Sam Quartin jemals so schön singen gehört zu haben. Als hätte der Algorithmus auf Scowl umgeschwenkt. Tolle neue Klangfarbe. Der knarzende Bass lässt aber nicht locker und reißt die anderen mit in einen schicken Jam-Part.
"Got Me Good", nur mit Gitarre und Stimme vorgetragen, wirkt im Anschluss unausgegoren. Mehr Skizze als Song, ist der Spuk nach eineinhalb Minuten schon wieder vergessen und dem Albumfluss wenig zuträglich. Keine Ahnung, wieso sie das nicht zu einem vollwertigen Arrangement ausbauen wollten. Mit "Red Hot" gibt es zum Schluss nochmals ruppig-rumpelnde Kost auf die Löffel, sollte man sich als Soundtrack für die nächste Kneipenschlägerei vormerken. Der finale musikalische Twist soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden. Nur so viel: Das irre Lachen von Sam ist verdient und entlässt einen ebenfalls mit einem Grinsen.
Dennoch ist "New Self" ein seltsames Ding geworden. Ein bisschen trimmen, dann wäre das eine saustarke EP geworden. Dafür bürgen allein Highlights wie der Titeltrack, "Napoleon" oder "All I Got". Für ein starkes Album braucht es aber etwas mehr. Zu inkonsistent ist die Flughöhe, und nichts gegen Covers, aber bei gerade mal acht Tracks schleicht sich natürlich der Verdacht ein, dass hier gestreckt werden musste. So ist es die erste Platte der New Yorker, die mich etwas unterzuckert zurücklässt – trotz des unbestreitbaren Charmes dieser drei glorreichen Halunk*innen und so manch frischer Idee.


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